Akt und Potenz

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Akt (lat. actus; griech. ἐνέργεια, energeia; weitgehend synonym ist ἐντελέχεια, entelecheia[1]) und Potenz (lat. potentia; griech. δύναμις, dynamis) sind im philosophischen Sprachgebrauch Gegenbegriffe, die sich aus der Naturphilosophie und Ontologie des Aristoteles herleiten. Potenz bezeichnet dabei die noch nicht realisierte Möglichkeit, zu der aber ein Vermögen bzw. eine Fähigkeit oder Disposition besteht. Die reine Potenz kann sich nicht selbst aktualisieren, sie bedarf des Aktes, der auf sie einwirkt, um sich verwirklichen zu können, d.h. vom Zustand der bloßen Möglichkeit in den Zustand des tatsächlichen Seins überzutreten. Der Akt bezeichnet die Kraft zur Realisierung bzw. Verwirklichung dieser Möglichkeit, wie auch ihr Ergebnis, also die konkrete Wirklichkeit oder Realität selbst. Gott selbst ist nach Auffassung der Scholastik reine Aktualität (actus purus). Im Zusammenspiel von Akt und Potenz entfaltet sich alles Werden.

Allgemeines

Dieser Begriffsgebrauch des Aristoteles blieb auch für die spätere griechische und lateinische Philosophie und insbesondere für die hochmittelalterliche Scholastik maßgebend.

Dabei kann außerdem zwischen aktiver und passiver Potenz unterschieden werden. Passive Potenz bedeutet die Empfangsmöglichkeit einem Akt gegenüber. Passive Potenz hat zum Beispiel ein Stück Lehm, das zu einer Vase geformt werden kann. Aktive Potenz ist das Vermögen, die Fähigkeit, selbst einen Akt hervorzubringen. Aktive Potenz hat zum Beispiel ein Künstler, der aus einem Stück Lehm eine Vase oder einen Krug zu formen vermag. Sowohl aktive wie passive Potenz betrifft die ontologisch sachhaltige Zuschreibung konkreter Vermögen und ist insofern mehr als logische Möglichkeit. Ein Sachverhalt ist nämlich schon dann logisch möglich, wenn sein Gegenteil nicht logisch notwendig ist; eine Potenz kommt einer Sache aber nur dann zu, wenn die aktuale Welt so eingerichtet ist, dass die Sache ein Vermögen zu einem entsprechenden Akt besitzt.

Für Aristoteles hat die Wirklichkeit eine ontologische Priorität vor der Möglichkeit.[2] Eines der Argumente für diese Position ist, dass die Realisierung je bestimmter Veränderungen nicht erklärbar wäre, wenn nicht jeweils ein Prinzip vorausgesetzt wird, was diese Veränderung verursacht. Da eine unendliche Reihe von Aktualisierern außerdem undenkbar ist, nimmt Aristoteles als erstes Prinzip seiner Kosmologie einen unbewegten Beweger an - nicht etwa nur eine ungeformte Materie mit Potenz zur Veränderung. Dieses erste Prinzip bezeichnet er außerdem als nur auf sich selbst bezogenes Denken. Zugleich ist es mit der vollkommensten Art der Bewegung verbunden, der Kreisbewegung. Gott bzw. seine Vernunfttätigkeit ist „wirkliche Tätigkeit“.[3]

In diesen Ausgangslagen hat der scholastische Begriff des Wesens Gottes als reiner Akt (actus purus) seinen Ursprung. Für Thomas von Aquin steht fest, „dass ohne und außer Gott Nichts von Ewigkeit gewesen sein kann.“[4] Die Welt besteht - anders als bei Aristoteles - nicht von Ewigkeit, sondern wurde von Gott geschaffen. Wenn aber alle geschaffenen Wesen aus einer Verbindung von Akt und Potenz entstehen, dann scheint die Schöpfung eine bereits vorhandene Potentialität vorauszusetzen, so wie die Vase, die der Künstler formt, den Ton voraussetzt, aus dem sie geschaffen wird. Das kann aber im christlichen Sinn einer Schöpfung aus dem Nichts (lat. creatio ex nihilo nicht sein. Gott muss Stoff und Form hervorbringen, also auch über die Fähigkeit (die Potenz) verfügen, die zu formende Potenz (den Stoff) - in diesem Fall den Ton, der sich formen lässt - hervorzubringen und dadurch willentlich die Grundlage und den zeitlichen Anfang der Schöpfung zu schaffen. Diese Fähigkeit ist aber eine aktive Potenz - im Gegensatz zur passiven Potenz des Tons, der sich formen lässt. Die aktive Potenz ist zugleich reiner Akt. In Anwendung auf Gott führt dies zu dessen Kennzeichnung als actus purus ohne jeglichen Anteil an (passiver) Potentialität.

Ebenfalls in Rückgriff auf Aristoteles hat Wilhelm von Humboldt Sprache als energeia verstanden, also als wirkende Kraft statt als statisches System.[5]

Die klassische Physik beschreibt die Welt als streng determinierte, also lückenlos kausal bestimmte Folge von Tatsachen - oder wie es Ludwig Wittgenstein in seinem berühmten «Tractatus logico-philosophicus» ausgedrückt hat: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.[6]. Die moderne Quantenphysik zeigt demgegenüber auf, dass dem Weltgeschehen ein zwar streng gesetzmäßig bestimmtes, aber letztlich unendliches Feld von Möglichkeiten zugrundeliegt, aus dem sich erst durch den Messvorgang bzw. durch Wechselwirkung einzelne, nicht kausal vorherbestimmte - und in diesem Sinn „zufällige“ - reale Tatsachen herauskristallisieren. Die Welt ist daher ursprünglich reine Potentialität, die erst durch entsprechende schöpferische Akte nach und nach verwirklicht wird.

Literatur

  • Dietrich Schlüter: Akt/Potenz, in: HWPh Bd.1, 134-142.
  • Josef de Vries: Grundbegriffe der Scholastik, 3. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1993, ISBN 3-534-05985-9
Zum Begriff ἐνέργεια
  • Georg Picht, Der Begriff des Energeia bei Aristoteles, in: Georg Picht, Hier und Jetzt. Philospophieren nach Auschwitz und Hiroshima, Bd. 1, S. 289 - 308
  • Max Jammer: Energie, in: HWPh Bd. 2, 494-499
  • Max Jammer und Marc Lange: Energy und Energy (Addendum), in: Donald M. Borchert (Hg.): Encyclopedia of Philosophy, 2. Auflage, Detroit 2006, Bd. 3, S. 225-234 und 234-237
  • Roberto Radice / Richard Davies / Giovanni Reale: Aristotle's Metaphysics: Annotated Bibliography of the Twentieth-Century Literature, Leiden: Brill 1997, ISBN 9004108955 (Abschnitte actuality, potency)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Michael-Thomas Liske: entelecheia, in: Christoph Horn/Christof Rapp (Hgg.): Wörterbuch der antiken Philosophie, München 2002, S. 135
  2. Met. 12, 1071b12-1072a8
  3. Met. 12, 1072b24-29
  4. Thomas von Aquin: Summe der Theologie Iª q. 46 a. 1 co.
  5. Hans Schwarz: Enérgeia, Sprache als (Humboldt), in: HWPh Bd. 2, S. 492-494
  6. Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus 1
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