Beweis

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Der Beweis (von mhd. bewīsen „belehren, darlegen“[1]) ist eine wissenschaftliche Methode, durch die die Wahrheit einer Aussage entweder durch unmittelbare sinnliche oder übersinnliche Anschauung (Sachbeweis, Tatsachenbeweis), d.h. empirisch, durch Erfahrung, oder - im engeren Sinn - durch logische Ableitung, also diskursiv, nachgewiesen (verifiziert) werden soll (formal logischer Beweis).

So lässt sich etwa durch unmittelbare, letztlich rein geistige Anschauung geometrisch beweisen, dass die Winkelsumme eines ebenen Dreiecks stets 180°, also gleich zwei rechten Winkeln sein muss:

„Sie haben alle in der Schule gelernt, daß die drei Winkel des Dreiecks 180° sind, und Sie wissen, daß Sie das niemals durch irgend eine äußere Erfahrung lernen könnten. Denken Sie sich meinetwegen eiserne, hölzerne Dreiecke. Wenn Sie nun mit einem Winkelmaße messen, wie viel die drei Winkel ausmachen, dann wird Sie diese äußere Erfahrung niemals belehren können, daß diese drei Winkel 180° sind. Aber Sie werden sofort belehrt sein — gleichgültig ob Sie diese drei Winkel aufzeichnen oder sie sich nur vorstellen —, wenn Sie von innen heraus erfahren, daß die drei Winkel 180° sind. Sie müssen das durch die Kraft Ihrer eigenen Seele von innen heraus erfahren. Sie brauchen dazu nur das Folgende in Gedanken auszuführen. Das, was ich jetzt aufzeichne, zeichnet man nur zur Versinnbildlichung des Gedankens.

Beweis, dass die Winkelsumme eines ebenen Dreiecks stets gleich zwei rechten Winkeln sein muss.

In dieser Figur haben Sie den strikten Beweis, daß die drei Winkel zusammen 180° sind. Wenn Sie sich diese Figur einmal so recht vor die Seele treten lassen, so wird sie Ihnen für alle Fälle diese Gewißheit bringen. Diese Figur können Sie in Gedanken ausführen, ohne daß Sie sie äußerlich aufzeichnen. Sie vollziehen dann eine reine Gedankenoperation durch die Kraft Ihres eigenen Inneren, Sie brauchen gar nicht aus sich herauszutreten. Sie können sich einen Augenblick vorstellen, daß es das, was man Empfindungswelt nennt, und das, was durch die äußeren Sinne in den Menschen hineingeht, gar nicht gibt. Denken Sie sich also die äußere Welt vollständig weg, den Raum in Gedanken konstruiert, dann würden in diesem Räume alle Dreiecke in ihrer Winkelsumme 180° zeigen. Um zu einer geometrisch-mathematischen Erkenntnis zu kommen, braucht nicht ein äußerer Gegenstand an Ihre Sinne heranzutreten, es bedarf nur dessen, was inneres Erlebnis ist, was im Bewußtsein selber verläuft.“ (Lit.:GA 121, S. 53f)

Beweis geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse

„Was ein wissenschaftlicher Beweis ist, muß man überhaupt vorher erst wissen. Und diejenigen, die heute von der Geisteswissenschaft vielfach fordern, sie solle «beweisen», die zeigen damit nur, daß sie überhaupt über das Wesen des Beweisens sich in Wahrheit gar nicht aufgeklärt haben, denn sonst müßten sie wissen, daß man beweisen nur kann, wenn man Tatsachen zurückführt auf andere, einfache Tatsachen. Selbst in der Mathematik beweist man so, daß man Kompliziertes auf einfache, unbeweisbare Axiome zurückführt. Dasjenige, woraus die Beweise geholt werden, das muß erst angeschaut werden. Angeschaut kann aber das Geistige nur werden, wenn wir uns erst das Übersinnliche, das Geistige in uns selber zum Bewußtsein bringen.“ (Lit.:GA 255b, S. 178)

„Der Verstand kann gar nichts tun, als Tatsachen kombinieren und systematisieren. Tatsachen kann man erfahren, aber nicht «mit dem Verstande beweisen». Mit dem Verstande kann man auch einen Walfisch nicht beweisen. Den muß man entweder selbst sehen, oder sich von denen beschreiben lassen, die einen gesehen haben. So ist es auch mit übersinnlichen Tatsachen. Ist man noch nicht so weit, sie selbst zu sehen, so muß man sie sich beschreiben lassen.“ (Lit.:GA 34, S. 107)

„Derjenige, der zum Beweise schreitet, zeigt dadurch, daß er zum Beweise schreitet, daß für ihn dasjenige nicht in der Anschauung da ist, was bewiesen werden muß. Wir beweisen eigentlich überall da, wo wir keine Anschauung haben. Soll ich beweisen, daß gestern hier ein Mensch in diesem Raume war, so werde ich einen Beweis nur dann benötigen, wenn ich den Menschen nicht selbst hier gesehen habe. So ist es im Grunde mit allen Beweisen, so ist es auch in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit mit den Beweisen. Als in älterer, instinktiver Erkenntnis die Menschen eine Anschauung von dem hatten, was sie das göttliche Wesen nannten, da brauchten sie keine Beweise. Die Beweise für das Dasein Gottes begannen ihr Leben in der geschichtlichen Entwickelung erst dann, als die Anschauung verloren war. Beweise beginnen überall dann, wenn keine Anschauung da ist.“ (Lit.:GA 82, S. 201)

„Man kann gegenüber geheimwissenschaftlichen Ausführungen oftmals den Einwand hören: diese beweisen nicht, was sie vorbringen; sie stellen nur das eine oder das andere hin und sagen: die Geheimwissenschaft stelle dieses fest Die folgenden Ausführungen verkennt man, wenn man glaubt, irgend etwas in ihnen sei in diesem Sinne vorgebracht. Was hier angestrebt wird, ist, das in der Seele am Naturwissen Entfaltete sich so weiter entwickeln zu lassen, wie es sich seiner eigenen Wesenheit nach entwickeln kann, und dann darauf aufmerksam zu machen, daß bei solcher Entwickelung die Seele auf übersinnliche Tatsachen stößt. Es wird dabei vorausgesetzt, daß jeder Leser, der auf das Ausgeführte einzugehen vermag, ganz notwendig auf diese Tatsachen stößt. Ein Unterschied gegenüber der rein naturwissenschaftlichen Betrachtung liegt allerdings in dem Augenblicke vor, in dem man das geisteswissenschaftliche Gebiet betritt. In der Naturwissenschaft liegen die Tatsachen im Felde der Sinneswelt vor; der wissenschaftliche Darsteller betrachtet die Seelenbetätigung als etwas, das gegenüber dem Zusammenhang und Verlauf der Sinnes-Tatsachen zurücktritt. Der geisteswissenschaftliche Darsteller muß diese Seelenbetätigung in den Vordergrund stellen; denn der Leser gelangt nur zu den Tatsachen, wenn er diese Seelenbetätigung in rechtmäßiger Weise zu seiner eigenen macht. Diese Tatsachen sind nicht wie in der Naturwissenschaft — allerdings unbegriffen — auch ohne die Seelenbetätigung vor der menschlichen Wahrnehmung; sie treten vielmehr in diese nur durch die Seelenbetätigung. Der geisteswissenschaftliche Darsteller setzt also voraus, daß der Leser mit ihm gemeinsam die Tatsachen sucht. Seine Darstellung wird in der Art gehalten sein, daß er von dem Auffinden dieser Tatsachen erzählt und daß in der Art, wie er erzählt, nicht persönliche Willkür, sondern der an der Naturwissenschaft heranerzogene wissenschaftliche Sinn herrscht. Er wird daher auch genötigt sein, von den Mitteln zu sprechen, durch die man zu einer Betrachtung des Nichtsinnlichen — des Übersinnlichen — gelangt. — Wer sich in eine geheimwissenschaftliche Darstellung einläßt, der wird bald einsehen, daß durch sie Vorstellungen und Ideen erworben werden, die man vorher nicht gehabt hat. So kommt man zu neuen Gedanken auch über das, was man vorher über das Wesen des «Beweisens» gemeint hat. Man lernt erkennen, daß für die naturwissenschaftliche Darstellung das «Beweisen» etwas ist, was an diese gewissermaßen von außen herangebracht wird. Im geisteswissenschaftlichen Denken liegt aber die Betätigung, welche die Seele beim naturwissenschaftlichen Denken auf den Beweis wendet, schon in dem Suchen nach den Tatsachen. Man kann diese nicht finden, wenn nicht der Weg zu ihnen schon ein beweisender ist. Wer diesen Weg wirklich durchschreitet, hat auch schon das Beweisende erlebt; es kann nichts durch einen von außen hinzugefügten Beweis geleistet werden.“ (Lit.:GA 13, S. 39ff)

Literatur

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Einzelnachweise

  1. Beweis. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS).