Bewusstsein der Toten

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Das Bewusstsein der Toten ist anders geartet als das des irdisch verkörperten Menschen. Was der Mensch auf Erden klar bewusst erlebt hat, verblasst im Leben zwischen Tod und neuer Geburt sehr bald zu einer schwachen Erinnerung. In bedeutsamen Imaginationen entrollt sich im ersten Drittel des nachtodlichen Lebens aber all das, was er im irdischen Leben unbewusst durchlebt hat. Im zweiten Drittel enthüllt sich durch Inspiration die Bedeutung dieser Bilder. Im letzten Drittel fühlt sich der Mensch durch Intuition in seine ganze seelische und geistige Umgebung versetzt und bereitet sich dadurch auf seine Wiedergeburt auf Erden vor. Ein Nachklang dieser Intuitionen ist die Nachahmungsfähigkeit des Kindes in den ersten sieben Lebensjahren.

„In dem Augenblick aber, wo man sich im inneren Erleben frei gemacht hat von dem Körperlichen, da weiß man, wie es mit dem Menschen ist, wenn er ohne seine Körperlichkeit sein Leben durchlebt. Und im Bilde tritt einem vor die Seele die Tatsache des Durchgehens durch die Todespforte, des Sterbens. Hat man einmal erkannt, was es heißt, unabhängig vom Leibe in seinen geistigen Kräften sich zu erfassen, dann weiß man auch, was man ist im geistigen Dasein, wenn man den Leib abgelegt hat und durch die Todespforte geschritten ist. Und man lernt auch die Umgebung kennen, die dann für den Menschen vorhanden ist. Man lernt erkennen, wie mit dem Leibe, wenn er abgelegt ist, dasjenige von uns abfällt, was uns mit der Sinneswelt verbindet. Es bleibt aber das, was uns erst selbst gestaltet hat als Mensch, das Seelisch-Geistige des Menschen. So lernt man erkennen die Erlebnisse, die man mit anderen Menschen gehabt hat. Das aber, was in diesen Sinneserlebnissen gesteckt hat, wie sich Seele zu Seele gefunden hat, was sich ausgelebt hat in den Beziehungen zu anderen Menschen, zu näher und ferner stehenden, was sich im Raume und in der Zeit abspielte, das Ewig-Geistige lernt man erkennen, wie es die irdische Form des Erlebens abstreift. Und um so mehr erlebt dann die Seele das, was geistig in ihr gesteckt hat an Beziehungen zu anderen Menschen. Und es wird das, was sonst nur Gegenstand des Glaubens ist, Erkenntnisgewißheit.“ (Lit.:GA 231, S. 27f)

„Alles, was unvermerkt am gewöhnlichen Bewußtsein vorübergeht, das wird dann entrollt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist. Und ich möchte dasjenige, was da der Mensch zunächst durch lange Zeit hindurch erlebt, nennen das Entrollen der Bilder. Es ist im wesentlichen ein Durchmachen von Erlebnissen des imaginativen Bewußtseins, was da der Mensch durchmacht. Eine große, große Anzahl von Bildern wird entrollt über Lebensszenen, die wir uns sehr wenig zum Bewußtsein gebracht haben. Und von dem wiederum, was wir uns hier zum Bewußtsein gebracht haben, wird dasjenige entrollt, was hier vom Bewußtsein auch wenig berührt worden ist. Das andere, was hier deutliches Bewußtsein war, das tritt mehr als Erinnerung nach dem Tode auf, wie Gedächtnisbilder, wie Erinnerung; aber das, was hier wenig beachtet worden ist, entrollt sich wie in Gegenwartsbildern.

Heute ist es mir besonders wichtig darauf hinzuweisen, daß das erste Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt im wesentlichen zu tun hat mit diesem Entrollen der Bilder, im wesentlichen zu tun hat mit einem Leben in Imaginationen. Diesen Imaginationen können wir ja dadurch zu Hilfe kommen, daß wir eine Verbindung herstellen zwischen uns, die wir hier übriggeblieben sind, und denen, die als mit uns karmisch verbunden durch des Todes Pforte gegangen sind. - Dann kommt das zweite Drittel, in dem dieses geistig-seelische Menschenleben mehr ausgefüllt ist mit Inspirationen. Da findet das statt, daß dem Menschen klar wird, welche Bedeutung die Bilder, die er zuerst erlebt hat, im ganzen Weltzusammenhange haben, wie er sich durch diese Bilder in den Weltenzusammenhang hineinstellt. Denn alles, was der Mensch erlebt, hat Bedeutung für den Weltenzusammenhang. Man darf nicht glauben, daß es gleichgültig ist, einen Menschen einmal begegnet zu haben, den man vielleicht wenig beachtet hat, in seiner Nähe gewesen zu sein. Es wird in Bildern entrollt, und das, was es im gesamten Weltengeschehen für eine Bedeutung hat, das kommt in Inspirationen in dem zweiten Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt zur Offenbarung.

Im letzten Drittel ist das Leben hauptsächlich ein solches in Intuitionen. Da hat sich der Mensch hineinzuversetzen in dasjenige, was in seiner geistig-seelischen Umgebung ist. Da lebt der Mensch wie untergetaucht mit seinem Bewußtsein in das, was in seiner geistig-seelischen Umgebung ist. Und gerade in diesem letzten Drittel, durch dieses Untertauchen, bereitet er vor das Untertauchen in den physischen Leib nach der Geburt beziehungsweise der Empfängnis. Die Intuitionen im letzten Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sind die Einleitung jener Intuition, die dann natürlich unterbewußt oder unbewußt ist, die darin besteht, daß der Mensch in den Leib untertaucht, der ihm überliefert wird in der Vererbungsströmung von Eltern, Großeltern und so weiter. Und es bleibt dem Menschen etwas, wenn er nun aus der geistig-seelischen Welt in die physische Welt übergetreten ist. Denken Sie, wenn Sie das ins Auge fassen, daß der Mensch eigentlich durch lange Zeit in geistig-seelischen Intuitionen lebt, gewöhnt ist, in solchen zu leben, so wird er an dieser Gewohnheit noch etwas festhalten wollen, wenn er in den physischen Leib hineingegangen ist. Das tut er in der Tat. Denn was ist denn - lesen Sie es nach in dem Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» - die hauptsächliche Seelenbestrebung in den ersten sieben Lebensjahren bis zum Zahnwechsel? Ich habe gesagt: Nachahmungssucht. Das Kind versucht immer dasjenige zu tun, was in seiner Umgebung getan wird; es geht nicht von eigenen Intentionen aus; es versetzt sich in die Handlungen derjenigen, die in seiner Umgebung leben und ahmt diese nach. Das ist der Nachklang der Intuitionen im letzten Drittel des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.“ (Lit.:GA 174b, S. 312ff)

„Wenn nun der Mensch durch die Pforte des Todes getreten ist, dann ist er ja, wie Sie wissen, im wesentlichen in jener Substantialität, in der wir sind während unseres schlafenden Zustandes, zunächst wenigstens für die nächsten Jahrzehnte. Diese Substantialität kann nicht so dünn bleiben, wie sie ist während unserer physischen Verkörperung, sonst würde zwischen dem Tod und einer neuen Geburt alles Erleben unbewußt bleiben. Und das bleibt es ja nicht, im Gegenteil, es tritt ein zwar andersartiges, aber viel helleres, viel gewaltigeres Bewußtsein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt auf, als es vorhanden ist, während wir im physischen Leibe weilen. Wir müssen da fragen: Wie kommt diese Bewußtheit zustande, wenn wir weilen im astralischen Leibe und in der Ich-Wesenheit?

Nun, hier im physischen Leben haben wir ja das physische Instrument, indem wir durchdrungen werden - man könnte auch sagen: umkleidet werden - von den Ingredienzien, welche die physische Welt, also das mineralische, das pflanzliche, das tierische Reich bilden. Das, was uns da zubereitet wird als physische Leiblichkeit, ist unser Instrument des wachen Lebens. In ähnlicher Art wird uns auch ein Instrument zubereitet zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das erste, was gewissermaßen uns dadurch zubereitet wird nach dem Tode, daß wir überhaupt Menschen sind, was uns unbedingt zubereitet werden muß, schon wenn wir unseren Ätherleib abgelegt haben, das ist dasjenige, was von der Hierarchie der Angeloi kommt. Wir werden gewissermaßen durchsetzt mit der Substantialität der Hierarchie der Angeloi.

Ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi gehört ja zu uns selbst, ist gewissermaßen die führende Wesenheit unserer menschlichen Individualität. Indem wir aber heraufwachsen in die geistige Welt, verbinden sich mit dieser Wesenheit aus der Hierarchie der Angeloi, der wir zunächst verbunden sind, andere Wesenheiten aus der Hierarchie der Angeloi, und es bildet sich gewissermaßen in uns oder besser gesagt für uns eine Art Angeloi-Organismus aus, der allerdings anders konstruiert ist als unser physischer Organismus.

Wollte man das, wovon ich hier spreche, sich einmal schematisch vor die Seele führen, so könnte man das in folgender Weise tun, man könnte sagen: Wir leben hinauf durch die Pforte des Todes in die geistige Welt. Das sei schematisch unsere eigene Individualität (siehe Zeichnung S. 224, violett), und mit der ist verbunden diejenige Wesenheit, die wir aus der Hierarchie der Angeloi wie uns zugeteilt empfinden (rot). Aber indem wir unseren Ätherleib ablegen, tritt diese unsere Angeloiwesenheit mit andern Wesenheiten aus der Hierarchie der Angeloi in Beziehung, gliedert sich an, und wir fühlen in uns diese ganze Angeloiwelt. Die fühlen wir in uns, die erleben wir als innere Erfahrung, abgesehen natürlich von den äußeren Erlebnissen, die uns dadurch vermittelt werden.

Dieses Durchdrungenwerden mit der Welt der Angeloi macht es auch möglich, daß wir in Beziehungen treten zu entkörperten Menschen, zu andern Menschen, die vorher durch des Todes Pforte gegangen sind. Ich möchte sagen: So wie uns unsere Sinne hier die Außenwelt vermitteln, so vermittelt uns dieses Eingebettetsein in die Welt der Angeloi die Beziehung zu den Geistwesen, auch der Menschen, die wir in der geistigen Welt antreffen. So wie wir hier in der physischen Welt, abhängig von den Verhältnissen der physischen Welt, einen in der einen oder in der andern Art organisierten Organismus erhalten, so erhalten wir gewissermaßen einen Geistorganismus, der durch dieses Netz der Angeloi-Substanzen hervorgerufen wird. Wie sich dieses Netz der Angeloi- Substanzen gestaltet, das hängt aber sehr davon ab, wie wir in die geistige Welt uns hinaufarbeiten. Arbeiten wir uns hinauf in die geistige Welt so, daß wir wenig Empfindung haben können für die geistige Welt, daß wir zu viele, allzuviele Nachklänge haben an physische Genüsse, Begierden und Instinkte, an physische Sympathien und Antipathien, so wird die Gestaltung dieses Angeloi-Organismus schwierig. Und dazu ist ja gerade die Zeit des Verweilens in der Seelenwelt, wie wir sie genannt haben, da, um uns freizumachen von demjenigen, was uns in der angedeuteten Art durchdringt von der physischen Welt her, und was uns verhindert, diesen Angeloi-Organismus in entsprechender Weise aus-

Zeichnung aus GA 174, S. 224

zubilden. Er wird während der Zeit, während wir weilen in der Seelenwelt, allmählich ausgebildet. Wir wachsen heran zu diesem Angeloi- Organismus. Aber gleichzeitig beginnt damit eine andere Notwendigkeit, die Notwendigkeit, sich nun nicht nur zu durchdringen mit diesem Angeloi-Organismus, sondern sich auch zu durchdringen mit einer weiteren Substantialität, nämlich mit einem Archangeloi-Organismus. Unser Bewußtsein in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt würde sehr dumpf bleiben, wenn wir uns nicht durchdringen könnten mit dem Archangeloi-Organismus. Wir würden gewissermaßen, wenn wir nur durchdrungen würden mit dem Angeloi-Organismus, träumende Wesen bleiben in der geistigen Welt, ich möchte sagen, gewoben aus allerlei Imaginativstoff aus der geistigen Welt; aber wir würden unser Dasein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verträumen. Damit wir es nicht verträumen, damit eben ein starkes, helles Bewußtsein auftritt, müssen wir durchdrungen werden mit dem Archangeloi-Organismus (siehe Zeichnung, blau).

Das macht unser Bewußtsein zu einem entsprechend hellen. Dadurch wachen wir gewissermaßen erst auf für die geistige Welt. In dem Maße aber, in dem wir da aufwachen für die geistige Welt, in dem Maße bekommen wir auch ein freies Verhältnis zu der physischen Welt hier. Und dieses freie Verhältnis zu der physischen Welt hier müssen wir haben. Man muß sich nämlich fragen: Wie ist das Verhältnis der physischen Welt zu den entkörperten Menschen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind? Auch das können Sie aus jenen Wiener Vorträgen entnehmen. Hier in der physischen Welt wird es dem Menschen, so stark er auch die Sehnsucht haben mag, schwierig, sich emporzuheben mit seinen Gedanken und Empfindungen zu einer Wahrnehmung der geistigen Welt, der himmlischen Welt. Der Mensch lechzt nach Vorstellungen über die himmlische Welt, aber er entfaltet nicht leicht das starke Vorstellungsvermögen, um diese himmlische Welt in seine Sphäre hereinzubekommen. In gewissem Sinne ist das entgegengesetzt für den Aufenthalt in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Dahinein geht uns zunächst nach, was in der physischen Welt erlebt wird; was in der physischen Welt Bedeutung hat, was hier wahrgenommen wird, das geht uns nach. Es geht uns sogar in einer sehr eigenartigen Weise nach. Beispiele, die ich Ihnen anführe, die werden Ihnen einen Begriff von der Kompliziertheit dieser Dinge geben. Für das physische Vorstellungsvermögen der Menschen sehen diese Beispiele zuweilen grotesk, paradox aus, aber man kann sich nicht konkret in die geistige Welt hineinleben, wenn man nicht eben auf solche Vorstellungen auch Rücksicht nimmt.

Die Wahrnehmung desjenigen, was im Mineralreich vorhanden ist, die geht eigentlich gleich verloren, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist. Hier in der physischen Welt hat der Mensch dadurch, daß er Sinne hat, gerade für das Mineralreich das meiste Wahrnehmungsvermögen, man könnte fast sagen, das fast ausschließliche Wahrnehmungsvermögen. Denn der Mensch nimmt nicht viel anderes als das Mineralreich wahr, wenn er zunächst auf seine Sinne beschränkt ist. Sie sagen, wir nehmen auch Tiere wahr, wir nehmen auch Pflanzen wahr. Aber warum? Sehen Sie, wenn Sie hier eine Pflanze haben, so sind in dieser Pflanze mineralische Produkte. Das wissen Sie ja. Die ist ausgefüllt mit mineralischen Produkten. Und das, was mineralisch pulsiert, strömt, was mineralisch in der Pflanze enthalten ist, das nimmt man eigentlich in der Pflanze wahr - ebenso im Tier. So kann man schon sagen, fast ausschließlich nimmt der Mensch hier durch seine Sinne Mineralisches wahr. Also dieses Mineralreich, das da der Mensch wahrnimmt, das schwindet dahin. Nehmen wir ein bestimmtes Beispiel. Hier sehen Sie jeden Tag Kochsalz auf Ihrem Tische, Sie sehen es als äußeres mineralisches Produkt. Der entkörperte Mensch, der durch die Pforte des Todes geschritten ist, kann dieses Kochsalz im Salzfaß nicht sehen. Aber wenn Sie sich das Salz in die Suppe tun und es verschlucken, so bewirkt das einen Prozeß in Ihrem eigenen Inneren, und was da vorgeht in Ihrem eigenen Inneren, namentlich der Vorgang, der begleitet ist von der Empfindung des Salzigen, den nimmt der Tote wahr. Also von dem Augenblicke an, wo das Salz anfängt auf der Zunge einen Geschmack hervorzurufen, also einen Prozeß absolviert in Ihrem eigenen Inneren, von dem Augenblicke an kann der Tote das Salz in seiner Wirkungsweise wahrnehmen; so sind die Dinge. Aber wir können eben sagen: So wie das Mineralreich hier ist, erstarrt, ohne daß es noch seine Wirkungen auf einen menschlichen oder tierischen oder pflanzlichen Organismus ausübt, so kann der Tote, nachdem er durch die Pforte des Todes geschritten ist, das mineralische Reich nicht wahrnehmen. Daraus schon können Sie ersehen, daß dasjenige, was man nennen könnte die äußere Umgebung des Toten, eine ganz andere ist als diejenige, die der Mensch gewöhnt ist als seine Außenwelt zu bezeichnen hier zwischen der Geburt und dem Tode.

Eines bleibt aber für die Toten immer wahrnehmbar - und es ist wichtig, gerade darauf sein Augenmerk zu wenden - , das ist dasjenige, worin die menschlichen Gedanken und Empfindungen hineingeflossen sind; und zwar sind es die menschlichen Gedanken, die dann wahrnehmbar sind. Das Salz als ein Naturprodukt nimmt also der Tote nicht wahr, so wie es im Salzfasse ist. Das Salzfaß, das vielleicht aus Glas oder aus irgend etwas anderem Stofflichen ist, nimmt er auch nicht wahr; aber insofern in das Salzfaß bei seiner Verfertigung menschliche Gedanken sich hineingenistet haben, nimmt der Tote diese menschlichen Gedanken wahr. Wenn Sie sich vorstellen, wie in unserer Umgebung überall, wo wir hinschauen, zu dem, was nicht bloßes Naturprodukt ist, menschliche Gedanken gewissermaßen die Signaturen abzugeben haben, nach denen sich diese Dinge anordnen, so bekommen Sie die Vorstellung von dem, was der Tote wahrnehmen kann. Der Tote nimmt auch alle Beziehungen zwischen den Wesen wahr, also die Beziehungen zwischen den Menschen und so weiter; das alles ist für ihn lebendig.

Nun aber handelt es sich darum, daß für gewisse Dinge hier in der physischen Welt der Tote ebenso das Bestreben hat, sie loszubekommen aus seinen Vorstellungen, aus seinen Seelenerlebnissen, sie loszubekommen, sie wegzuwischen gleichsam, wie der physische Mensch hier die Sehnsucht hat, gewisse Vorstellungen über die jenseitige Welt zu bekommen. Hier hat man die Sehnsucht, Vorstellungen über das Jenseits zu bekommen. Nach dem Tode hat man für gewisse menschliche Dinge hier auf Erden - und diese Erde ist dann das Jenseits für die Toten - , die Sehnsucht, diese Dinge auszulöschen, wegzuwischen. Dazu aber ist es notwendig, eben durchdrungen zu werden von den Substantialitäten dieser höheren Hierarchien der Angeloi, Archangeloi. Denn dadurch, daß man von deren Substantialitäten durchdrungen wird, kann man auslöschen aus dem Bewußtsein dasjenige, was ausgelöscht werden muß. Damit bekommen Sie eine Vorstellung von dem Hineinwachsen in die geistige Welt, von der Art und Weise, wie der Mensch in die geistige Welt hineinwächst, indem er gewissermaßen seine eigene Individualität durchdringt mit den Substantialitäten der Wesenheiten der höheren Hierarchie. Nun ist es sehr wichtig, folgendes einzusehen: Um zunächst alles dasjenige, was mit den Menschen mehr oder weniger persönlich zusammenhängt - und das sind ja alle die Kunstprodukte, die wir zum Gebrauche haben, von denen ich Ihnen sagte: weil sie menschliche Gedanken verkörpern, sieht sie der Tote - , um das wegzuschaffen, aus dem Bewußtsein zu entfernen, dazu ist vor allen Dingen nötig, daß der Mensch in gehöriger Weise durchsetzt wird von der Substanz der Angeloi. Aber auch anderes muß abgestreift werden, anderes muß gewissermaßen abgedämpft werden, damit der Mensch in der richtigen Weise seinen Aufenthalt finden kann in der geistigen Welt.

Nun, so sonderbar Ihnen das vielleicht vom Erdenstandpunkte aus klingen mag, so ist es doch wahr, daß ein Hemmnis besteht, ein Hindernis für das Hineinwachsen gerade in dasjenige, was uns das klare, helle Bewußtsein gibt in der geistigen Welt, und dieses Hemmnis, was uns verhindert, leicht in die geistige Welt hineinzuwachsen, das ist, so sonderbar es eben klingt, die menschliche Sprache, die Sprache, deren wir uns hier auf Erden für die physische Verständigung von Mensch zu Mensch bedienen. Der Tote muß allmählich der Sprache entwachsen, sonst würde das Verbleiben in den Affinitäten, die ihn an die Sprache binden, ihn verhindern, in das Reich der Archangeloi hineinzuwachsen. Die Sprache ist wirklich nur für irdische Verhältnisse da, aber der Mensch ist innerhalb der irdischen Verhältnisse seelisch sehr zusammengewachsen mit der Sprache. Für viele Menschen ist ja das Denken gewissermaßen in der Sprache gerade heute im materialistischen Zeitalter geradezu enthalten. Die Menschen denken heute im materialistischen Zeitalter fast gar nicht in Gedanken, sondern ungeheuer stark in der Sprache, in Worten. Daher sind sie so zufrieden, wenn sie für irgend etwas einen Ausdruck gefunden haben. Aber solche Ausdrücke, solche Wortbezeichnungen taugen eigentlich nur hier für das physische Leben, und nach dem Tode ist es die Aufgabe, sich loszumachen von den Wortbezeichnungen.

Auch in bezug auf solche Dinge gibt die geisteswissenschaftliche Betrachtung eine gewisse Möglichkeit, in das Reich des Übersinnlichen sich hineinzuleben. Denn wie oft sage ich Ihnen, man kann nur annähernd, indem man um die Sache, um die Worte gleichsam einen Kreis herumzieht, zu dem wirklichen Begriff kommen. Wie oft zeigte ich Ihnen, wie man versuchen muß, durch Beleuchtung von allen Seiten, durch den Gebrauch der verschiedenartigsten Worte gerade vom Worte freizukommen, um zum Begriff zu kommen. Geisteswissenschaft emanzipiert uns in gewissem Sinne von der Sprache. Das tut sie in vollstem Maße. Daher bringt sie uns in diejenige Sphäre hinein, die wir gemeinschaftlich haben mit den Toten.

Also die Emanzipation von der Sprache, die hängt innig zusammen mit dem Hineinwachsen in die Substantialität der Archangeloi. Dadurch wird eine Brücke geschaffen zwischen hier und der geistigen Welt, daß wir uns gerade geisteswissenschaftlich wiederum emanzipieren von der Sprache, daß wir geisteswissenschaftlich Begriffe schaffen, die mehr oder weniger unabhängig von der Sprache sind.“ (Lit.:GA 174, S. 222ff)

Literatur

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