Bibliothek:Goethe/Naturwissenschaft/Fragmente zur vergleichenden Anatomie

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Fragmente zur vergleichenden Anatomie

[Gestalt und Typus]

Morphologie

Ruht auf der Überzeugung, daß alles was sei, sich auch andeuten und zeigen müsse. Von den ersten physischen und chemischen Elementen an, bis zur geistigsten Äußerung des Menschen lassen wir diesen Grundsatz gelten.

Wir wenden uns gleich zu dem, was Gestalt hat. Das Unorganische, das Vegetative, das Animale, das Menschliche deutet sich alles selbst an, es erscheint, als was es ist, unserm äußern, unserm inneren Sinn.

Die Gestalt ist ein Bewegliches, ein Werdendes, ein Vergehendes. Gestaltenlehre ist Verwandlungslehre. Die Lehre der Metamorphose ist der Schlüssel zu allen Zeichen der Natur.

Wir betrachten den organischen Körper insofern, als seine Teile noch Form haben, eine gewisse entschiedene Bestimmung bezeichnen und mit andern Teilen in Verhältnis stehen. Alles, was die Form des Teils zerstört, was den Muskel in Muskelfasern zertrennt, was den Knochen in Gallerte auflöst, wird von uns nicht angewandt. Nicht als ob wir jene weitere Zergliederung nicht kennen wollten und nicht zu schätzen wüßten, sondern weil wir, schon indem wir unsern ausgesprochenen Endzweck verfolgen, ein großes und unbegrenztes Tagewerk vor uns sehen.

[Aufgabe der Morphologie]

Physiologie schwebt dem Menschen als ein Zweck vor, der vielleicht nie zu erreichen ist. Ihre Dienerinnen, welche im einzelnen für sie arbeiten, sind:

1. Naturgeschichte, welche den ganzen Vorrat mehr oder weniger ausgebildeter Naturgeschöpfe zusammenstellt und besonders die Kennzeichen ihrer äußerlichen Gestalt bemerklich macht.

2. Anatomie, welche den innern Zusammenhang des Gebäudes lehrt über Anatomie des Menschen und der Tiere.

3. Chemie. Trennung der verschiednen Stoffe und Reduktion auf dieselben; diese beiden sind scheidend.

4. Allgemeine Naturlehre, besonders wegen der Lehre von der Bewegung.

5. Zoonomie. Betrachtet die organische Natur als ein belebtes Ganzes; ihre Betrachtungen sind teils physiologisch, teils psychologisch.

6. Physiognomik. Betrachtet die Gestalt, insofern sie gewisse Eigenschaften andeutet; man könnte sie in die Semiotik, welche den physischen Teil behandelte, und in eigentliche Physiognomik, welche sich des geistigen und sittlichen Teils annähme, einteilen.

Zu diesen allen ist unsere Absicht, noch die 7. Morphologie hinzuzusetzen, die sich hauptsächlich mit organischen Gestalten, ihrem Unterschied, ihrer Bildung und Umbildung abgibt.

Wie sie sich von den übrigen verwandten Wissenschaften unterscheidet, wird am deutlichsten eingesehen, wenn wir betrachten, was sie von einer jeden nutzt, und welchen Nutzen sie ihr dagegen wieder gewähren kann.

Von der Naturgeschichte nimmt sie die Kennzeichen der Gestalten im ganzen und dankt ihr die Bequemlichkeit, die Naturprodukte in einer gewissen Ordnung schnell übersehen zu können; dagegen läßt sich die Morphologie nicht wie jene in das einzelne ein, vielmehr hält sie sich besonders anfangs bei Klassen und deren Haupteinteilungen, bis künftige Ausarbeitungen ihr auch erlauben werden, weiter hinab zu steigen. Der Naturhistoriker hingegen nimmt zu dem Morphologen seine Zuflucht, wenn schwankende Gestalten ihn in Verlegenheit setzen, und wird sowohl in Absicht auf Kenntnis als aufs Ordnen manche Beihilfe bei dem Morphologen finden.

Von dem Anatornen hat der Morpholog viel zu lernen und zu nehmen; die Übersicht der Teile, der äußern und innern, ist er ihm schuldig, und die Vergleichung derselben in den verschiedensten Naturen wird ihm erleichtert; allein wenn der Anatom fühlen muß, daß er sich in seinem eignen Reichturne gleichsam verwirrt, so gibt der Morpholog ihm Anlaß, seine Schätze zu ordnen und zu stellen, damit der große Vorrat übersehbar werde. Der Morpholog ist es, der die vergleichende Anatomie gründen muß.

Von dem Naturforscher nimmt der Morpholog die allgemeinen und besondern Gesetze der Bewegung, und indem er erfährt, daß in der organischen Natur sich manches auf mechanische Gesetze zurückführen läßt, so wird er desto mehr von der Eminenz des Lebens überzeugt, welches über, ja oft gegen mechanische Gesetze wirkt.

Übrigens hält sich der Physiker zu sehr im Allgemeinen und Unorganischen auf, als daß der Morpholog hoffen sollte, ihm sonderliche Dienste leisten zu können.

Zu dem Chemiker hat der Morpholog ein großes Vertrauen, und er holt sich oft Rat bei ihm in der Überzeugung, daß die verschiednen Organe verschiedne Stoffe verschieden bearbeiten, und daß verschiedene Säfte sich das Organ, in dem sie sich sammeln, wieder wechselsweise ausbilden; dagegen bereitet er dem Chemiker die Versuche gleichsam vor und macht ihn aufmerksam, wohin er sie, durch die Gestalt angereizt, eigentlich zu leiten habe.

Willkommen ist dem Morphologen der Zoonom, der die organische Natur als ein belebtes Ganzes ansieht. Er nimmt von ihm den Begriff der reinen und ungeteilten Wirkung und warnt ihn dagegen, daß er sich nicht bloß in allgemeinen Betrachtungen verliere, sondern auf die Gestalt und Eigenschaft der einzelnen Teile und ihrer Veränderungen immer achthabe.

Der Semiotiker und Physiognom steht dem Morphologen zunächst. Die Gestalt wird eigentlich durch den Sinn des Auges gefaßt, und sie dreie geben sich am eigentlichsten mit der Gestalt und ihrer Bedeutsamkeit ab; sie sind nur in dem Umfang, den sie ihren Arbeiten geben, und ihren Zwecken verschieden. Die Semiotik gibt sich hauptsächlich mit den physiologischen und pathologischen Zuständen des Menschen ab, insofern solche mit dem Sinne des Auges gefaßt werden. Der Physiognome richtet seine Aufmerksamkeit vorzüglich auf geistige und moralische Anzeichen; von jenem lernt der Morpholog die Aufmerksamkeit auf die zartesten Veränderungen der organischen Natur, nicht allein der Gestalt, sondern auch der Farbe nach; vom Physiognomen nimmt er die Aufmerksamkeit auf die unendlich bestimmte so dauernde als vorübergehende Wirkung geistiger Veränderung auf physische Organe; es kann nicht fehlen, daß der Morpholog bei seinen allgemeinen Arbeiten nicht etwas bringen sollte, das dem Semiotiker in seinem beschränkteren Kreise angenehm und nützlich wäre. Den Physiognomen wird er in dem Glauben an die Bedeutsamkeit der Gestalt bestärken und den Grund aufbauen, worauf die geistigen und genialischen Aper5üs, insofern sie … [bricht ab]

Alles was den Raum füllt, nimmt, insofern es solidesziert, sogleich eine Gestalt an; diese regelt sich mehr oder weniger und hat gegen die Umgebung gleiche Bezüge mit andern gleichgestalteten Wesen.

Form Figur
Gestalt Bildung
gestaltet gebildet
geformt
gemacht gewachsen.

Nicht allein der freie Stoff, sondern auch das Derbe und Dichte drängt sich zur Gestalt; ganze Massen sind von Natur und Grund aus kristallinisch; in einer gleichgültigen formlosen Masse entsteht durch stöchiometrische Annäherung und Übereinandergreifen die porphyrartige Erscheinung, welche durch alle Formationen durchgeht.

Die schönste Metamorphose des unorganischen Reiches ist, wenn beim Entstehen das Amorphe sich ins Gestaltete verwandelt. Jede Masse hat hiezu Trieb und Recht. Der Glimmerschiefer verwandelt sich in Granaten und bildet oft Gebirgsmassen, in denen der Glimmer beinahe ganz aufgehoben ist und nur als geringes Bindungsmittel sich zwischen jenen Kristallen befindet.

Gestaltung einer Masse setzt nicht allein voraus, daß sie sich in Teile trenne, sondern daß sie auf eine entschiedene Weise in unterscheidbare, untereinander ähnliche Teile sich trenne.

Die Gestalt steht in bezug auf die ganze Organisation, wozu der Teil gehört, und somit auch auf die Außenwelt, von welcher das vollständig organisierte Wesen als ein Teil betrachtet werden muß.

Partes propriae Eigentlich sogenannte Teile, in welche der Körper sich teilt. Partes impropriae Teile, die an der Sache bemerkt werden, beschrieben werden, bessern Verständnisses halber. in welche man den Körper teilt. Alle Teile des organischer Körpers, insofern er lebt, sind partes impropriae. Insofern er seiner Natur gemäß zerlegt wird, wird er aber in partes proprias zerteilt. Diese hat man in der Myologie sehr verfolgt. Warum nicht in der Osteologie.

Selbst wenn man die Konsequenz der Gestalt nur im allgemeinen ansieht, sollte man schon ohne genauere Erfahrung schließen, daß lebendige, einander höchst ähnliche Geschöpfe aus einerlei Bildungsprincip hervorgebracht sein müßten.

Die entschiedene Gestalt ist gleichsam der innere Kern, welcher durch die Determination des äußern Elementes sich verschieden bildet. Eben dadurch erhält ein Tier seine Zweckmäßigkeit nach außen, weil es von außen so gut als von innen gebildet worden; und was noch mehr, aber natürlich ist, weil das äußere Element die äußere Gestalt eher nach sich, als die innere umbilden kann.

Hier kommt jedoch zur Sprache, daß gewisse Gestalten, wenn sie einmal generisiert, spezifiziert, individualisiert sind, sich hartnäckig lange Zeit durch viele Generationen erhalten und sich auch selbst bei den größten Abweichungen immer im Hauptsinne gleichbleiben.

Freilich beachten wir das Maß nicht als ein vorzügliches Kennzeichen, so wenig als die Masse; aber die Gestaltung, worauf alles ankommt, läßt sich ohne Maß und Masse nicht denken. Und Funktion bezieht sich nicht etwa nur auf Gestaltung, sondern beide sind identisch. Ein erhabener Alter sagt: die Tiere werden durch ihre Organe belehrt, und spricht alles aus, was über den Instinkt der Tiere gesagt werden kann.

Funktion und Gestalt notwendig verbunden. Die Funktion ist das Dasein in Tätigkeit gedacht.

Phänomen der organischen Struktur. Phänomen der einfachsten, die eine bloße Aggregation der Teile zu sein scheint, oft aber ebensogut durch Evolution oder Epigenese zu erklären wäre.

Steigerung dieses Phänomens und Vereinigung dieser Struktur zur tierischen Einheit. Form.

Ein  ist ein Aggregat mehrere[r] , welche alle nebeneinander existieren können, wenn sie sich einander nicht aufheben. Wenn einige die andern aufheben, wird das Aggregat zum Körper; wenn sie einander noch ausschließlicher aufheben, werden die Körper immer edler, und es entstehen endlich die Individuen (vorher die Genera pp.); das edelste Geschöpf ist, wo sich die Teile am ausschließlichsten aufheben.

Organisches Wesen ein solches, das seinesgleichen hervorbringt.

Hervorbringung seinesgleichen durch Absonderung. Begriff von Individualität hindert die Erkenntnis organischer Naturen.

Es ist ein trivialer Begriff.

Beispiele von ähnlichen, die weggeworfen werden müssen: Unkraut, Pericarpiurn.

Organische Naturen, die offenbar Mehrheiten sind. Organische Naturen, die sich zur Individualität neigen. Bedingungen entschiednerer Individualität, Mangel an

Reproduktionskraft der Teile. Entschiedenheit der Teile.

Allgemeiner Überblick vom Bandwurm bis zum Rückgrat des Säugetiers.

Widerwillen gegen diese Vorstellungsart, daß das Individuum aus Mehrheiten bestehe, die nur mehr oder weniger entschieden zum Ganzen notwendig sind.

Läßlichkeit; man besteht nicht darauf.

Die Vorstellungsart dringt sich doch wieder auf, sobald der Begriff von Fortpflanzung wieder vorkommt.

Denn man kann die Frage aufwerfen. wann läßt sich das Weibchen als Individuum denken?

Bloße Rücksicht der Natur auf Fortpflanzung. Verhältnis der Organisation gegen dieselbe in Absicht auf Vielfältigkeit und Dauer.

Vorschritt und Seitenwege der Organisation.

Allgemeinste Einteilung des Typus Haupt, Rumpf, Extremitäten

Haupt. (Nur das Oberhaupt ohne untere Kinnlade.) Hauptsitz der Sinne und Sensibiliät, Konzentration der Lebenskräfte, Führung, Leitung, Beherrschung des Ganzen. Immer oben, oder vorn. Verschiedne Systeme der Kräfte abgeteilt.

Rumpf. Dreierlei Systeme von Kräften enthaltend. Lebensantrieb. Ernährung. Erzeugung.

Extremitäten. Besser Hilfsorgane. Adminicula. Untere Kinnlade. Arme. Beine. Rechtfertigung dieser Einteilung durch die Ausarbeitung.

Allgemeine Idee zu einem Typus

Rumpf. Rückgrat, Brustgrat. Länge und Stärke des ersten, Kürze und Weiche des zweiten.

Kopf oberer Teil.

NB. Eigentliche Existenzbase des Lebens, unter sich zusammenhängend.

Hilfsmittel des Lebens: untere Kinnlade, Arme, Füße.

Von der Konstruktion eines Typus

Versuch einer Einteilung des tierischen Körpers. Regiment, Leitung, Verbindung des Lebens und der Begriffe.

Kopf

Masse der Existenz. Rumpf

Hilfsmittel der Existenz: Füße, Arme, Unterkiefer. Oberkopf und Rumpf enthalten. ersterer das Gehirn.

An ihm befinden sich die Werkzeuge der vornehmsten Sinne. Zweiter die Eingeweide. Die übrigen Glieder sind von Knochen gestützt, welche nichts enthalten.

Drei Systeme im organischen einigermaßen vollkommnen Wesen das empfangende, herrschende das bewegende, das nährende, fortpflanzende das empfangende Haupt

sowohl der obere Teil durch die Sinne als der untere die Speise, Trank

die bewegende Brust

innerlich durch Herz und Lunge

äußerlich durch Arme, Flügel, Beine

der nährende Unterleib

sowohl indem er das Empfangene mitteilt

als die fortpflanzenden Teile in sich enthält.

Bei den vollkommensten Tieren sind diese Systeme nicht so deutlich wegen der Füße pp.

Viel Adminicula wenig Existenz
Viel Existenz wenig Adminicula
Wenig Dasein keine Adminicula
Viel Adminicula pp.
Dasein ohne Adminicula daß Dasein und Adminicula eins sind
Einfach lebendiges Dasein keine Adminicula
Viel Adminicula einfaches Dasein
Vielfache Existenz wenig Adminicula.

Ungeschickte Adminicula, die das Dasein eher hindern als fördern.

Notwendigkeit, den osteologischen Typus zuerst festzusetzen.

a) Ist die Base der Gestalten

b) Wohl ausgearbeitet erleichtert alles übrige.

Wir dürfen behaupten, daß der Knochenbau aller Säugetiere, um vorerst nicht weiterzugehen, nicht allein im ganzen nach einerlei Muster und Begriff gebildet ist, sondern daß auch die einzelnen Teile in einem jeden Geschöpfe sich befinden und nur oft durch Gestalt, Maß, Richtung, genauere Verbindung mit andern Teilen unserem Auge entrückt und nur unserm Verstande sichtbar bleiben. Alle Teile, ich wiederhole es, sind bei einem jeden Tiere gegenwärtig; nur unsere Bemühung, unser Scharfsinn muß sie aufsuchen und entdecken, aber jener Begriff ist der Ariadneische Faden.

[A]

1. Wie seine Ausbreitung und Einschränkung nicht konstant. Knochen kann als ein Teil eines organischen Ganzen nicht isoliert betrachtet werden.

Er steht mit allen Teilen des lebendigen Körpers in Verbindung.

Die lebendigen Teile sind ihm mehr oder weniger verwandt und fähig, in den Knochenzustand überzugehen.

Embryo. Wachsendes Kind. Membranoser Zustand. Knochen-Entstehen.

Alter pathologischer Zustand, Verknöcherung. Allgemeiner Begriff vom Tiere, da steht auch der Knochenbau nicht fest, sondern er kann erweitert und ausgebreitet oder verengen werden.


Als Hauptteil steht Clavicula Existiert der Knochen am Halse Knochen männliche Rute


Untersuchung deshalb und Aussicht.

2. Auch in seiner gewöhnlichen Einschränkung betrachtet sind die Abteilungen verschieden, man muß sich durch Nr. 1 nicht irremachen lassen und sie aufsuchen.

3. in ihren Grenzen.

4. in der Zahl.

5. Größe.

6. in der Form. Einfach ausgebildet Entwickelt zusammengedrängt Bloß zweckmäßig aufgebläht. Zu viel.

Zusammenwachsen mit Verkürzung des einen Knochens.

B

Betrachtung der Knochen einzeln.

1. Man lasse jene Aufstellung hypothetisch gelten, bis man sieht, inwiefern der Vortrag nach derselben Klarheit gewinnt. Sie ist deshalb ausgesondert.

2. Wir finden bei genauer Untersuchung jene Knochenabteilungen in jedem Tiere; nun fragt sich, was ist der allgemeine Charakter eines jeden Knochens, damit wir nicht, wie bisher geschehen, oft einem generi der Tiere besonders zuschreiben, was der ganzen Klasse gehört.

3. Alle Knochen sind konstant an ihrem Platze in ihrer Bestimmung

4. Die Knochen sind inkonstant in der Form, man kennt sie manchmal nicht

In der Separation Zusammenwachsen zufällig scheinend, künftig rationell In den Grenzen

Seltner Fall In der Zahl

vertebrae costae digiti. 5. Woher soll nun der allgemeine Begriff eines Knochens kommen.

6. Angabe der Methoden. Platz. Bestimmung. Fest. Form mag variieren, so sehr sie will, so muß sie doch in irgendeinem Punkte zusammenkommen.

Umstände der Variation der Knochengestalt.

7. Versuch im folgenden einer Deduktion jedes Knochens durch das Tierreich von seiner einfachsten oder vielmehr unvollkommensten Art zu seiner vollkommensten Gestalt. Das heißt, wo er an seinem Platz seine Bestimmung am reinsten, nicht unter noch über dem, erfüllt und in seiner größten Ausbildung existiert.

Die Knochen sind unbeständig

1. in ihrer Form.

So würde man zum Beispiel das Tränenbein der Katze und des Hirschen nicht für einerlei Knochen erkennen, sowie das os intermaxillare des Rehes und des Trichechus rosmarus, den Humerus des Maulwurfs und des Hasen.

2. in ihrer Trennung.

Oft sind Knochen bei verschiednen Tierarten, ja bei verschiednen Tieren einerlei Art verwachsen, die wir bei andern separiert finden. Diese anscheinende Willkür der Natur macht die methodische Knochenabteilung schwer und hat bisher an Fortschritten offenbar gehindert. Dieser Materie ist eine eigne Abhandlung zu widmen.

3. in den Grenzen.

Dies ist ein seltner und noch näher zu untersuchender Fall. So reicht zum Beispiel das os intermaxillare des Löwen bis zum Stirnknochen und trennt das Nasenbein davon, dagegen wird beim Ochsen die Maxilla superior durchs Tränenbein vom Nasenbein getrennt. Bei einem Affenschädel verbinden sich die Ossa bregmatis mit dem Osse sphenoideo und trennen das Os frontis und temporum voneinander. Alle diese Fälle mit ihren Umständen zu untersuchen.

4. in der Zahl. Als Vertebrae besonders dorsi,

lumborum, pelvis, caudae. Costae. Digiti. Die Knochen sind beständig. An ihrem Platz.

In ihrer Bestimmung.

Dies sind die beiden Wege, sie sowohl, wenn sie sich unserm ersten Blick entziehen, aufzusuchen als auch ihre verschiedensten Formen unter einen Hauptbegriff zu bringen.

Und so werden wir im folgenden zu Werke gehen.

1. werden wir den Knochen auf seinem Platze aufsuchen.

2. nach seinem Platze, den er in der Organisation erhalten, seine Bestimmung kennen lernen.

3. die Form, die er seiner Bestimmung nach haben kann und im allgemeinen haben muß, determinieren.

4. dann die möglichen Abweichungen der Form teils aus dem Begriff, teils nach der Erfahrung durchgehen.

5. und bei einem jeden Versuchen, diese Abweichungen der Form in einer gewissen anschaulichen Ordnung vorzutragen

und auf diese Art die Vergleichung [zu] erleichtern und die unübersehlichen Gegenstände in einen Kreis zu schließen, der menschlichem Verstande gemäß wenigstens in der Folge werden könnte.


Anwendung verschiedener Prinzipien auf den Typus, dessen Bildung und Abänderung

Bildung der Teile nach dem Lebensbedürfnisse des Tiers.

Eingeschränkte, aber entschiedene Lebensweise der tierischen Natur.

Eingeschränkter Bildungskreis der Natur, aber entschiedene Bildung.

Besonders der vollkommnern Tiere. (Anmerkung über die unvollkommensten.)

Große Konsequenz der Teile. (So daß die Einteilung nach Zähnen sogar Grund genug hat. Hase.)

Prinzip des Gleichgewichts oder Übergewichts der Teile.

Des Gebens und Nehmens.

Prinzip, im allgemeinsten passend (S. Kielmeyer), im besonderen hier zu verfolgen.

Ein Leitfaden, der uns durch manches Prinzip der Naturgeschichte durchführen wird.

Das Tier Zweck sein selbst. Physiologisch vollkommen.

Kein Teil nach innen unnütz, wenngleich vielleicht nach außen.

Von der Unveränderlichkeit des Typus.

Das Tier wird durch Umstände zu Umständen gebildet.

Daher seine innere Vollkommenheit und seine Zweckmäßigkeit nach außen.

Wiederholung der Idee des Typus.

Was Größe influiere. Oder vielmehr, wie Größe hierbei in Betracht komme.

Das Prinzip durch Beispiele erläutert. Schlange, Eidechse, Frosch, Kröte.

Fernere naturhistorische Betrachtung nach dem Habitus und den äußerlichen Kennzeichen.

Typus in den verschiednen Elementen.

Fische, Ausdehnung des Innern, Aufschwellung.

Vögel, Ausdehnung des Äußern, Austrocknen.

Tiere nach den verschiednen Klassen.

Wirkung des Klimas, der Berghöhe pp.

Mensch nach ebendem Typus und ebenden Gesetzen gebildet.

[Allgemeine Beobachtung:] daß sich in der ganzen Natur nicht zwei Körper auffinden lassen, die sich in dem Grade, wie zwei Abdrücke einer Form gleichen, ja in den höheren Organisationen nicht selten die nächsten unmittelbaren Nachkommen größere Verschiedenheiten zeigen als die entfernteren Glieder verwandter Geschlechter, sich auch nicht einmal zwei Blätter eines Baumes vollkommen gleich sind.

Aus der Konsequenz der Organisation und aus der Möglichkeit, daß ein Teil eine andre Proportion annehmen kann, entsteht die Mannigfaltigkeit der Gestalt.

Einsicht in die Bedingungen, unter denen die Natur auf so mannigfaltigen Punkten sich stufenweise spezifiziert.

Ausbildung der Organe ist Retardation oder Verminderung der Reproduktionskraft.

Absonderung der Organe ist Ausbildung derselben.

Veränderlichkeit der Teile in ihrer Gestalt (Länge, Breite, Richtung pp.)– Base der Mannigfaltigkeit.

Beständigkeit der Teile in ihrer Lage gegeneinander – Base der Übereinstimmung.

In der Balance dieser beiden Bestimmungen liegt der Grund des ganzen Mechanismus der Organisation. Daß alles Lebendige Charakter hat.

Übergang wieder in feste Teile; fest und weich muß gleich gedacht werden.

Haut, Haar: Überfluß andeutend.

Der Typus hat einen gewissen Umfang von Kräften, der von der Größe unabhängig ist. Diese Masse von Kräften muß die Natur verwenden; sie kann nicht darüber hinaus, sie kann aber auch nicht darunter bleiben; sie ist daher genötigt, wenn sie etwas Außerordentliches gibt, an einem anderen Orte zu entziehen, so daß die Summe der Kräfte eines Tieres der Summe der Kräfte des andern gleich ist.

Wir reden hier bloß von Mammalien, denn weiter hinab modifizieren sich diese Gesetze wieder anders.


Prinzip des Gebens und Entziehens

Die Natur kann nur einen Teil auf Unkosten des andern begünstigen, sie muß also in einem gewissen Maße bleiben.

Osteologische Beispiele.

Beispiele von weichen Teilen.

Anwendung auf den Charakter der Tiere.

Große Bedeutsamkeit (Übergewicht) der Zähne, besonders der Schneidezähne. Ursprung der Hörner pp.

Verschiedene Charaktere der Tiere durchgegangen.

Charakter des Menschen.

Charakter des Affen, des Esels.

Anwendung des Prinzips auf die Gestalt der beiden Geschlechter.


Allgemeine Betrachtungen

Größe und Kleinheit, viel oder wenig Masse machen keinen Unterschied des Typus.

Bemerkungen über große und kleine Tiere. Ihre minimsten Disproportionen.

Bei der einmal bestimmten Organisation der Specierum ist das Geben und Nehmen zu beobachten, die Pflanzenform beruht auch auf dem Balancieren der Teile.

Sehr verbreiterte oder verstärkte Hauptrippen, zum Beispiel des Mangolds, nehmen den zarteren Netzrippen des Blattes ihre Länge und Ausdehnung, daher das Blatt so kraus oder vielmehr halbbläsig aussieht.

Das Anerkennen eines Neben-, Mit- und Ineinanderseins und Wirkens verwandter lebendiger Wesen leitet uns bei jeder Betrachtung des Organismus und erleuchtet den Stufenweg vom Unvollkommenen zum Vollkommenen.

Die wundersame Erfahrung, daß ein Sinn an die Stelle des andern einrücken und den entbehrten vertreten könne, wird uns eine naturgemäße Erscheinung, und das innigste Geflecht der verschiedensten Systeme hört auf, als Labyrinth den Geist zu verwirren.

Einschränkung des Typus durch Wechselwirkung: Ausdehnen des Körpers, Einziehung der Extremitäten [und] umgekehrt. Nächste Ursachen dieser Wechselwirkungen: Elemente Erde, Luft, Wasser.

[Teilbarkeit der Knochen:] weil der Natur eben dadurch möglich wird, so mannigfaltige Bildungen hervorzubringen, indem sie auf viele kleine Teile wirkt, nicht etwa indem sie große gleichsam umschmilzt.

[Maß der Natur:]

So ist sie schon, wenn sie vier ausgebildete Füße beibehalten will, sehr geniert. Weil es ihr an Stoff gebricht, sehr überwiegend an einem andern Teile zu werden.

Vollkommenheit des Geschöpfs, das nach der Mitte, Base des Lebens ausgebildet ist. Unvollkommenheit, das nach den Extremitäten ausgebildet ist.

Rüssel des Elefanten und große Eckzähne nehmen ihre Kraft von dem Mangel der Schneidezähne und der sehr ins Enge gebrachten Backenzähne her.

Die ratzenartigen Tiere haben große Schneidezähne, dagegen nur zwei und keine Eckzähne. Die Tiere völlig ohne Zähne haben Panzerschuppen.

Brustgrat, Rückgrat: Brust an Tieren schwach und zart. Rücken an Tieren stark und rauh an Farbe und Pelz.

Vom Brustgrate, der durch die Eingeweide, die Zeugungsteile, die Lage, daß er die Eingeweide in einer horizontalen Lage tragen muß, geschwächt wird.

Dieses Prinzip beschränkt die Natur, und durch diese Beschränkung wird es ihr allein möglich, ihr vollkommenstes Geschöpf, den Menschen hervorzubringen. Übergewicht des Gehirns, des Humerus, des Femur. Der Affe ist ein unentschieden, nach den Extremitäten zu ausgebildeter oder vielmehr ausgedehnter Mensch. Man kann nicht (oder kaum) sagen, daß wir durch die Mohren mit den Affen grenzen. Mohren sind entschiedne Menschen.

Das tierische Bild verschwindet auf den untersten Stufen in einer völligen Gleichförmigkeit der Teile, es verbirgt sich auf den höchsten hinter dem Glanz, der von der Eminenz einzelner Teile und von den Formen des Ganzen herleuchtet.

Man unterscheidet nichts am Wurm, weil er ganz gleichgültig, nichts am schönen Menschen, weil er ganz interessant ist.

Wenn schon wir bei unsern gegenwärtigen Betrachtungen nur von der Zergliederung der Säugetiere ausgehen, müssen wir doch Wege und Mittel auszufinden suchen, das Studium derselben zu erleichtern; uns in der organischen Natur weiter umsehn.

Sobald die unbedeutenden oder ungestalteten Bildungen der Würmer, Mollusken und dergleichen sich durch Metamorphose oder sonst zu einer entschiedenen Gestalt entwickeln, findet man den Körper in drei Hauptabteilungen gesondert, welche verschiedene Lebensfunktionen ausüben und durch ihre Verbindung untereinander, durch ihre Wirkung aufeinander die organische Existenz auf einer höhern Stufe darstellen.

Über organische Bildung überhaupt.

Wenige Züge charakteristisch und zweckmäßig.

Aggregation der unorganischen Körper mit einer gewissen Affinität und Attraktion verbunden.

Formen der Mineralien daher.

Scheint gleichgültig zu sein, wenigstens viele Wahlverwandtschaften zu haben.

Erste organisierte Wesen.

Gleichfalls Gleichgültigkeit der Teile.

Sogar in denen, die sich durch eine gewisse Folge ausbilden.

Metamorphose der Pflanzen. Gewürme.

Metamorphose der Insekten.

Entschiedne Absonderung der Funktionen. Nicht gleichgültig.

Vollkommneres Geschöpf.

Reproduktion nur möglich im Falle der Gleichgültigkeit, des Nachrückens eines Teils in die Wirkung des Verlornen.

Amphibien.

Völlige Entschiedenheit der Vögel und Säugetiere. Rückblick.

Metamorphose, sukzessive Verwandlung der Teile, die Base aller Betrachtungen über Pflanzen und Insekten.

Simultane generelle Metamorphose, die Tiergattungen nebeneinander betrachtet.

Simultane spezielle Metamorphose, der Grund einer rationellen Kenntnis der vollkommnern Tiere.

Beispiel von den Wirbelknochen.

Einen Teil im andern zu finden.

Identität der Teile.

Verwandtschaft.

Berührung.

Zusammenhang als organische Harmonie des Ganzen, daß es aus identischen Teilen besteht.

Zarte Abweichung der Identität.

Möglichkeit der Hervorbringung so verschiedner und doch nahverwandter Säfte.

Beurteilung aus der Form.

Allgemeine Einteilung der Systeme.

Spezielle simultane Metamorphose. Hauptgesetze derselben müssen im Typus begriffen sein.

Wenn nun die Möglichkeit dieser speziellen simultanen Metamorphose bei jeder Tiergattung sich auf eine besondere Weise manifestiert, ohne daß der bildende Trieb aus dem geschloßnen Kreise des Typus herausgeht, ergeben sich die Abweichungen oder das Schwanken des Typus, wodurch die Tiere gebildet werden.

Durch die Beschränktheit der speziellen simultanen Metamorphose wird der Typus, durch ihre Versatilität werden die Tiergattungen und Arten möglich.

Ich rede nicht von der Organisation, inwiefern sie aus gewissen gleichartigen Teilen besteht, sondern insofern diese gleichartigen Teile sich zu gewissen bestimmten Gestalten vereinigen.

Würmer.

Hauptmaxime des animalischen Typus. Ist ein Vorn und Hinten. Folgen auf die Gestalt. Einnehmen und Ausgeben. Hervortreten des Gehirns. Hervortreten der Eingeweide. Hauptmaxime der blinden Därme. Hervortreten der verschiedenen Systeme. Simultan. Sukzessiv.

Das allgemeine Bild der Säugetiere aus einem noch allgemeinem Bilde unvollkommener Geschöpfe abgeleitet. Wenn der Wurm mit seinen vielen Ringgliedern sich immer selbst wiederholt. Wenn die Raupe in ihrer Länge durchaus ähnliche Teile zu enthalten scheint, so zeigt das ausgebildete Insekt nach seinen stufenweisen Verwandlungen schon an seinem äußern Gebäude drei Hauptabteilungen.

Diese sind das Haupt vorne, die Brust in der Mitte, der Leib hinten. Bei dem aufrechten Gang des Menschen wechseln die Ausdrücke vorn und hinten, oben und unten ihre Bedeutung.

Das Haupt ist der Versammlungsort der besondern Sinne; es enthält die Enden der Sinneswerkzeuge, die aus einer Marksäule entspringen und mehr oder weniger ähnliche Masse zur Begleitung haben.

Der mittlere Teil.

Oft erscheinen diese Teile bei Insekten in möglichstes Absonderung. Man betrachte eine Wespe, wo sie nur mit einer fadenartigen Röhre verbunden sind.

Die Vögel sind ganz späte Erzeugnisse der Natur.

Menschlicher Typus: Proportion, Kanon; Physiognomik; Schädellehre – überhaupt Deutung des Innern aus dem Äußern.

Menschliche Gestalt

Unmöglichkeit, auf vier Füßen zu gehen.

Hauptprinzip der Verwendung der Kräfte nach innen.

Nur ein Bild des eignen Geistes, das wir dürfen.

Aber nicht bloß des leer wirkenden imaginativen

des ausgearbeiteten, gefühlten, bearbeitenden und bearbeiteten.

Der Affe hat etwas Ähnliches vom Krebse darin, daß bei der möglichsten Verwandlungsfähigkeit aller Teile kein regulierendes und konstituierendes Prinzip irgendwo obwaltet. Deswegen jeder Teil sich ungestraft erweitern, verengern, verlängern oder verkürzen mag und das Ganze darum, es mag sich gebärden wie es will, immer absurd bleibt.

Die wunderbarsten Phänomene der Ökonomie der Insekten, besonders bei dem Bau ihrer Wohnungen, lassen sich vielleicht auf das unmittelbare Gefühl des Bedürfnisses, des Materials und Lokals am besten reduzieren.

[Parthenonpferde:] An dem Elginschen Pferdekopf, einem der herrlichsten Reste der höchsten Kunstzeit, finden sich die Augen frei hervorstehend und gegen das Ohr gerückt, wodurch die beiden Sinne, Gesicht und Gehör, unmittelbar zusammen zu wirken scheinen und das erhabene Geschöpf durch geringe Bewegung sowohl hinter sich zu hören als zu blicken fähig wird. Es sieht so übermächtig und geisterartig aus, als wenn es gegen die Natur gebildet wäre, und doch jener Beobachtung gemäß hat der Künstler eigentlich ein Urpferd geschaffen, mag er solches mit Augen gesehen oder im Geiste verfaßt haben; uns wenigstens scheint es im Sinne der höchsten Poesie und Wirklichkeit dargestellt zu sein.

Das Hirn selbst nur ein großes Hauptganglion. Die Organisation des Gehirns wird in jedem Ganglion wiederholt, so daß jedes Ganglion [als] ein kleines subordiniertes Gehirn anzusehen ist.

Die Frage über die Instinkte der Tiere läßt sich nur durch den Begriff von Monaden und Entelechien auflösen.

Jede Monas ist eine Entelechie, die unter gewissen Bedingungen zur Erscheinung kommt.


Die Tiere werden durch ihre Organe belehrt.

Der Mensch belehrt die Organe.

Literatur

  • Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, WA, II. Abteilung, Band 6, Weimar 1891, S. 286ff.