Borderline-Persönlichkeitsstörung

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Klassifikation nach ICD-10
F60.31 Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typ
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder emotional instabile Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typs ist eine psychische Erkrankung. Typisch für sie sind Impulsivität, instabile zwischenmenschliche Beziehungen, rasche Stimmungswechsel und ein schwankendes Selbstbild wegen gestörter Selbstwahrnehmung.

Bei dieser Persönlichkeitsstörung sind bestimmte Vorgänge in den Bereichen Gefühle, Denken und Handeln beeinträchtigt. Dies führt zu problematischen und teilweise paradox wirkenden Verhaltensweisen in sozialen Beziehungen und sich selbst gegenüber. Dadurch kann die Borderline-Störung oft zu erheblichen Belastungen führen und sowohl die eigene Lebensqualität schwer beeinträchtigen als auch die der Bezugspersonen mindern.[1][2]

Die BPS wird häufig von weiteren psychischen Erkrankungen begleitet, es besteht z. B. eine hohe Komorbidität mit Depressionen und der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Zum Begriff

Das Wort Borderline ist von dem englischen Begriff borderland (‚Grenzland‘) abgeleitet. Damit bezeichnete der Psychiater Charles H. Hughes[3] erstmals 1884 einen Bereich (land) diagnostischer Grenzfälle zwischen Gesundheit und psychischer Krankheit. Adolph Stern[4] beschrieb dann 1938 die meisten Merkmale der heutigen BPS, und nannte diese Gruppe von Symptomen „border line group“ (englisch borderline, ‚Grenzlinie‘). Damit prägte er den heute verwendeten Begriff und verbreitete ihn in einer Epoche, die stark von psychoanalytischer Theorie beeinflusst war.

Psychische Störungen wurden dabei damals nach dem Prinzip der Analysierbarkeit klassifiziert. Neurotische Personen wurden als analysierbar und somit als behandelbar angesehen. Menschen mit Psychosen dagegen wurden als nicht analysierbar und somit als nicht behandelbar betrachtet. Die Bezeichnung „Borderline“ bezog sich in diesem Sinne auf eine unscharfe und nicht definierte Grenzlinie zwischen Neurose und Psychose und wurde gewählt, da man bei den betroffenen Patienten Symptome aus beiden Bereichen identifizierte.[1]

Aufgrund der Nähe zur Psychose ordnete man die Borderline-Störung dem schizophrenen Formenkreis zu. Entsprechende historische Bezeichnungen für die Borderlinestörung sind Randpsychose, Pseudoschizophrenie und Pseudoneurotische Schizophrenie.[5]

Neuere Konzepte nach 2005 betonen die Störung des Selbstbilds – und deren moderne soziale Bedingungen – als zentralen Kern der BPS.[6][7][8][9]

Edvard Munch: Jugend am Meer (1904). Gemälde für den Linde-Fries. Nach dem Kunsthistoriker Nicolay Stang zeigt das Gemälde „die Unfähigkeit, Kontakt miteinander herzustellen“[10] und damit eines der Hauptanzeichen von BPS (siehe Text). In späterer Zeit wurde Munch von Psychiatern selbst als von BPS Betroffener diagnostiziert.[11][12]

Klassifizierung

Die moderne operationalisierte Diagnostik hat sich von diesen theoriegeleiteten Konzepten weitgehend gelöst. Sie beschränkt sich nun darauf, Erlebens- und Verhaltensmuster zu beschreiben, die das Störungsbild kennzeichnen. Dies zeigt sich auch durch die Aufnahme des Borderline-Begriffs in das Diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen (DSM) und die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten (ICD).

Nach DSM-5

Im DSM-5 (dem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association) wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung wie folgt definiert:[13]

Ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie von deutlicher Impulsivität. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und das Muster zeigt sich in verschiedenen Situationen.

Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. Hektisches Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden. (Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.)
  2. Ein Muster instabiler und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.
  3. Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.
  4. Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (z. B. Geldausgaben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, „Essanfälle“). (Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.)
  5. Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.
  6. Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z. B. hochgradige episodische Misslaunigkeit (Dysphorie), Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern).
  7. Chronische Gefühle von Leere.
  8. Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).
  9. Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.

Nach ICD-10

Im ICD-10 (dem Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation) wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung (F60.31) als einer von zwei Subtypen der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung (F60.3) aufgeführt:[14]

  • Der Impulsive Typus dieser Störung ist geprägt durch mangelnde Impulskontrolle und unberechenbare Handlungen (F60.30).
  • Beim Borderline-Typus sind zusätzlich das eigene Selbstbild und das Beziehungsverhalten noch stärker beeinträchtigt (F60.31). Dieser Typus entspricht ungefähr der Definition der Borderline-Störung im DSM-5.

Abgrenzung

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist, selbst für erfahrene Fachärzte, in der Praxis oft schwer zu erkennen und wird häufig erst nach mehrjähriger Behandlung wegen anderer, im Vordergrund stehender Beschwerden (z. B. Depressionen, Ängste, psychosomatische Beschwerden etc.) korrekt diagnostiziert. Es besteht laut AWMF-Leitlinie eine erhöhte Komorbiditäts­rate mit anderen Persönlichkeitsstörungen (v. a. der narzisstischen, histrionischen, selbstunsicher-vermeidenden, abhängigen, schizotypischen, paranoiden oder dissozialen Persönlichkeitsstörung), wie auch mit Depressionen, Ängsten, Panikstörungen und Posttraumatischen Belastungsstörungen, sowie Abhängigkeitserkrankungen.[15]

Einige der Symptome können auch bei anderen Störungsbildern auftreten. So z. B. bei Depressionen, Schizophrenien, schizoaffektiven Psychosen, beim Asperger-Syndrom und anderen Formen des Autismus, bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), bei bipolaren Störungen und verschiedenen der zuvor genannten Persönlichkeitsstörungen. Die Diagnose erfordert daher eine umfangreiche Anamnese (evtl. unter Einbeziehung von Angehörigen) und sorgfältige differentialdiagnostische Abklärung.

Siehe auch

Literatur

Einführungen

  • Marsha M. Linehan: Cognitive-behavioral Treatment of Borderline Personality Disorder. Guilford Press, New York 1993, ISBN 0-89862-183-6.
  • Martin Bohus: Borderline-Störung. Hogrefe, Göttingen 2002, ISBN 3-8017-1096-3.
  • Christa Rohde-Dachser: Das Borderline-Syndrom. 6. Auflage. Huber, Mannheim 2004, ISBN 3-456-83500-0.
  • Gerhard Dammann, Paul L. Janssen (Hrsg.): Psychotherapie der Borderline-Störungen. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulenübergreifend. 2., überarb. und erw. Auflage. Thieme, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-13-126862-4.
  • Christian Fleischhaker, Eberhard Schulz: Borderline-Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter. Band aus der Reihe "Manuale psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen". Springer-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-540-68287-5.
  • Birger Dulz, Sabine C. Herpertz, Otto F. Kernberg, Ulrich Sachsse (Hrsg.): Handbuch der Borderline-Störungen. komplett überarbeitete 2. Auflage. Schattauer Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-7945-2472-3. (Standardwerk, 79 Beiträge)
  • Damaris Bretzner: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Handlungsfeld der sozialen Arbeit: Ein Überblick über Ursachen, Verlaufsformen und Interventionsmöglichkeiten. Diplomica Verlag, Hamburg 2014, ISBN 978-3-95850-621-3.
  • John F. Clarkin, Frank E. Yeomans, Otto F. Kernberg: Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeit. Manual zur psychodynamischen Therapie. Mit einem Anhang zur Praxis der TFP im deutschsprachigen Raum. Übersetzung von Petra Holler. 2. Auflage, Schattauer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-7945-2579-9.

Ratgeber

  • Jerold J. Kreisman, Hal Straus: Ich hasse dich, verlass mich nicht. Die schwarzweiße Welt der Borderline-Persönlichkeit. 15. Auflage. Kösel, München 2005, ISBN 3-466-30326-5.
  • Gerd Möhlenkamp: Was ist eine Borderline-Störung? Antworten auf die wichtigsten Fragen. 3. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-46217-4.
  • Jerold J. Kreisman, Hal Straus: Zerrissen zwischen Extremen. Leben mit einer Borderline-Störung. Hilfe für Betroffene und Angehörige. aus dem Amerikanischen übersetzt von Karin Petersen. 4. Auflage. Goldmann, München 2008, ISBN 978-3-442-16976-4.
  • Günter Niklewski, Rose Riecke-Niklewski: Leben mit einer Borderline-Störung. 3., vollständig überarbeitete und ergänzte Auflage. TRIAS Verlag in MVS Medizinverlage, Stuttgart 2003 und 2011, ISBN 978-3-8304-3681-2.
  • Kim L. Gratz, Alexander L. Chapman: Borderline-Persönlichkeitsstörung: Ein Wegweiser für Betroffene. Übersetzung der engl. Originalausgabe von 2013 durch Christoph Trunk. Junfermann Verlag, Paderborn 2014, ISBN 978-3-95571-177-1.
  • Heinz-Peter Röhr: Borderline bewältigen. Hilfen und Selbsthilfen. 10., aktualisierte Auflage. Walter Verlag, Mannheim 2010, ISBN 978-3-530-50618-1.
  • Andreas Knuf, Christiane Tilly: Borderline: Das Selbsthilfebuch. korr. Nachdruck der Auflage 2014. BALANCE buch+medien verlag, Bonn 2016, ISBN 978-3-86739-004-0.
  • Alice Sendera, Martina Sendera: Borderline – die andere Art zu fühlen. Beziehungen verstehen und leben. Springer-Verlag, Wien 2010, ISBN 978-3-211-99710-9.
  • Alice Sendera, Martina Sendera: Skills-Training bei Borderline- und Posttraumatischer Belastungsstörung. Inklusive CD-ROM mit neuen Arbeitsblättern. 3. Auflage, Springer-Verlag, Wien 2012, ISBN 978-3-7091-0934-2.
  • Christine Ann Lawson: Borderline-Mütter und ihre Kinder. Wege zur Bewältigung einer schwierigen Beziehung. 6. Auflage. Aus dem Amerikanischen von Irmela Köstlin. Psychosozial-Verlag, Gießen 2015, ISBN 978-3-89806-256-5.
  • Christoph Kröger, Christine Unckel (Hrsg.): Borderline-Störung. Wie mir die dialektisch-behaviorale Therapie geholfen hat. Hogrefe Verlag, Göttingen 2006, ISBN 3-8017-2021-7.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Tilman Steinert u. a.: Stationäre Krisenintervention bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Hogrefe Verlag, 2014, ISBN 978-3-8409-2545-0, S. 27.
  2. Paul Emmelkamp: Personality Disorders. 2013, ISBN 978-1-317-83477-9, S. 54ff. Abschnitt "Impairment".
  3. Charles Hamilton Hughes: Borderline Psychiatric Records – Prodromal Symptoms of Psychical Impairment. In: Alienists & Neurology. 5, 1884, S. 85–91. Faksimile in: Birger Dulz, Sabine C. Herpertz, Otto F. Kernberg, Ulrich Sachsse (Hrsg.): Handbuch der Borderline-Störungen. 2. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-7945-2472-3, S. 3–6.
  4. Adolph Stern: Psychoanalytic investigation of and therapy in the borderline group of neuroses. In: The Psychoanalytic Quarterly 7, 1938, S. 467–489. DOI: 10.1080/21674086.1938.11925367
  5. Thomas Reinert: Therapie an der Grenze: die Borderline-Persönlichkeit: modifiziert-analytische Langzeitbehandlungen. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-89730-5, S. 63, Online (abgerufen am 25. September 2015).
  6. C. R. Jørgensen: Invited essay: Identity and borderline personality disorder. In: Journal of personality disorders. Band 24, Nummer 3, Juni 2010, S. 344–364, doi:10.1521/pedi.2010.24.3.344. PMID 20545499 (Review).
  7. T. Fuchs: Fragmented selves: temporality and identity in borderline personality disorder. In: Psychopathology. Band 40, Nummer 6, 2007, S. 379–387, doi:10.1159/000106468. PMID 17652950 (Review).
  8. C. R. Jørgensen: Disturbed sense of identity in borderline personality disorder. In: Journal of personality disorders. Band 20, Nummer 6, Dezember 2006, S. 618–644, doi:10.1521/pedi.2006.20.6.618. PMID 17192141 (Review).
  9. J. M. Adler, E. D. Chin, A. P. Kolisetty, T. F. Oltmanns: The distinguishing characteristics of narrative identity in adults with features of borderline personality disorder: an empirical investigation. In: Journal of personality disorders. Band 26, Nummer 4, August 2012, S. 498–512, doi:10.1521/pedi.2012.26.4.498. PMID 22867502, PMC 3434277 (freier Volltext).
  10. Nicolay Stang: Edvard Munch. J. G. Tanum Forlag, Oslo 1972, ISBN 82-518-0010-2, S. 177.
  11. James F. Masterson: Search For The Real Self. Unmasking The Personality Disorders Of Our Age, Chapter 12: The Creative Solution: Sartre, Munch, and Wolfe, S. 208–230, Simon and Schuster, New York 1988, ISBN 1-4516-6891-0, S. 212–213.
  12. Tove Aarkrog: Edvard Munch: the life of a person with borderline personality as seen through his art. Lundbeck Pharma A/S, Denmark 1990, ISBN 87-983524-1-5.
  13.  Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5. Hogrefe, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8017-2599-0, S. 908–909.
  14. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI): ICD-10-WHO Version 2013: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (F60–F69)
  15. AWMF: Alte S2-Leitlinie Persönlichkeitsstörungen (gültig von 2008 bis 2013) (Memento vom 23. Januar 2013 im Internet Archive).
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