Carl Vogt

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Carl Vogt

August Christoph Carl Vogt (* 5. Juli 1817 in Gießen; † 5. Mai 1895 in Plainpalais) war ein deutsch-schweizerischer Naturwissenschaftler sowie ein demokratischer Politiker, der nach seiner Einbürgerung in der Schweiz als Reformer der Universität Genf wirkte.

Materialismus, Evolutionstheorie, Rasse und Geschlecht

Im Materialismusstreit, der 1854 einen Höhepunkt erreichte, war Vogt ein wesentlicher Vertreter des naturwissenschaftlichen Materialismus. Er trat entschieden für Darwins Evolutionstheorie ein und wird von diesem in der Einleitung seines Buchs Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl namentlich erwähnt. Darwin verhielt sich zu Vogt allerdings sehr distanziert und konnte verhindern, dass ausgerechnet Vogt, wie beabsichtigt, Darwins Buch Variation under Domestication ins Deutsche übersetzte.[1]

Psychische Prozesse, die Seelentätigkeit, sind für Vogt nur Funktionen der Gehirnsubstanz, die Gedanken produziert ähnlich wie die Niere den Urin. Eine unsterbliche Seele anzunehmen, die sich des Gehirnes wie eines Instrumentes bedient, mit dem sie arbeiten kann, ist reiner Unsinn.[2] Vogt behauptete einen direkten, materiellen Einfluss der Nahrung auf den Menschen, seinen Charakter und sein Verhalten: die Schwerfälligkeit der Teltower Rübenbauern sollte etwa aus den aufgenommen Steckrübenatomen stammen. Nach 1848 leugnete Vogt offen die Willensfreiheit des Menschen.[3] Für Vogt gab es, wie sein Kontrahent, der idealistisch gesinnte Anatom Rudolf Wagner in der Replik auf Vogt feststellte, nur folgerichtige Denker, die Materialisten, und alle anderen, blödsinnige und vernagelte Menschen.[4]

„Materialismus ist nicht allein diejenige Weltanschauung, die in den Büchern von Büchner, Moleschott und Vogt zum Ausdruck kommt, sondern sogar diejenigen, die als Erklärer der religiösen Urkunden sich auf einen gewissen geistigen Standpunkt stellen wollen, tun dies in völlig materialistischer Weise. Als Beispiel konnte man anführen den Streit zwischen Karl Vogt und dem Göttinger Professor Wagner. Dieser Streit ist seinerzeit in der «Augsburger Zeitung» ausgefochten worden und völlig zugunsten des Karl Vogt ausgefallen. Dabei vertrat Wagner die Existenz der Seele, tat dies aber auch in völlig materialistischer Weise.“ (Lit.:GA 100, S. 199)

„Mit der ganzen Kühnheit von Enthusiasten des Gedankens gingen Vogt, Büchner und Moleschott an die Erklärung aller Erscheinungen aus materiellen Vorgängen, wie sie sich vor den menschlichen Sinnen abspielen. Einen bedeutsamen Ausdruck fand der Kampf, den der Materialismus zu führen hatte, als sich der Göttinger Physiologe Rudolf Wagner und Carl Vogt gegenüberstanden. Wagner trat 1852 in der «Allgemeinen Zeitung» für ein selbständiges Seelenwesen gegen die Anschauung des Materialismus ein. Er sprach davon, «daß die Seele sich teilen könne, da ja das Kind vieles vom Vater und vieles von der Mutter erbe». Vogt antwortete zunächst in seinen «Bildern aus dem Tierleben». Man erkennt Vogts Stellung in dem Streite, wenn man in seiner Antwort folgenden Satz liest: «Die Seele, welche gerade der Inbegriff, das Wesen der Individualität des einzelnen, unteilbaren Wesens ausmachen soll, die Seele soll sich teilen können! Theologen, nehmt Euch diesen Ketzer zur Beute - er war bisher der Euren Einer! Geteilte Seelen! Wenn sich die Seele im Akte der Zeugung, wie Herr R. Wagner meint, teilen kann, so könnte sie sich auch vielleicht im Tode teilen, und die eine mit Sünden beladene Portion ins Fegefeuer gehen, während die andere direkt ins Paradies geht. Herr Wagner verspricht zum Schlüsse seiner physiologischen Briefe auch Exkurse in das Gebiet der Physiologie - wir sind sehr begierig auf diese Physiologie der geteilten Seelen.» Heftig wurde der Kampf, als Wagner 1854 auf der Naturforscherversammlung in Göttingen einen Vortrag über «Menschenschöpfung und Seelensubstanz » gegen den Materialismus hielt. Er wollte zweierlei beweisen. Erstens, daß die Ergebnisse der neueren Naturwissenschaft dem biblischen Glauben an die Abstammung des Menschengeschlechtes von einem Paare nicht widersprechen; zweitens, daß diese Ergebnisse nichts über die Seele entscheiden. Vogt schrieb 1855 gegen Wagner eine Streitschrift «Köhlerglaube und Wissenschaft», die ihn einerseits auf der vollen Höhe naturwissenschaftlicher Einsicht seiner Zeit zeigt, anderseits aber auch als scharfen Denker, der rückhaltlos die Schlußfolgerungen des Gegners als Truggebilde enthüllt. Sein Widerspruch gegen Wagners erste Behauptung gipfelt in den Sätzen: «Alle historischen wie naturgeschichtlichen Forschungen liefern den positiven Beweis von dem vielfältigen Ursprung der Menschenarten. Die Lehren der Schrift über Adam und Noah und die zweimalige Abstammung der Menschen von einem Paare sind wissenschaftlich durchaus unhaltbare Märchen.» Und gegen die Wagnersche Seelenlehre wandte Vogt ein: Wir sehen die Seelentätigkeiten des Menschen sich allmählich entwickeln mit der Entwickelung der körperlichen Organe. Wir sehen die geistigen Verrichtungen vom Kindesalter an bis zur Reife des Lebens vollkommener werden; wir sehen, daß mit jeder Einschrumpfung der Sinne und des Gehirnes auch der «Geist» entsprechend einschrumpft. «Eine solche Entwickelung ist unvereinbar mit der Annahme einer unsterblichen Seelensubstanz, die in das Gehirn als Organ hineingepflanzt ist.» Daß die Materialisten bei ihren Gegnern nicht allein Verstandesgründe, sondern auch Empfindungen zu bekämpfen hatten, zeigt gerade der Streit zwischen Vogt und Wagner mit vollkommener Klarheit. Hat doch der letztere in seinem Göttinger Vortrage an das moralische Bedürfnis appelliert, das es nicht verträgt, wenn «mechanische, auf zwei Armen und Beinen herumlaufende Apparate» zuletzt sich in gleichgültige Stoffe auflösen, ohne daß man die Hoffnung haben könnte, daß das Gute, das sie tun, belohnt und ihr Böses bestraft werde. Vogt erwidert darauf: «Die Existenz einer unsterblichen Seele ist Herrn Wagner nicht das Resultat der Forschung oder des Nachdenkens. . . . Er bedarf einer unsterblichen Seele, um sie nach dem Tode des Menschen quälen und strafen zu können.»“ (Lit.:GA 18, S. 361ff)

Vogt vertrat, ähnlich wie Georg Forster, den Standpunkt, dass sich mehrmals unabhängig voneinander menschenähnliche Affen entwickelt hätten, aus denen schließlich verschiedene Menschenarten hervorgegangen (diese These wird Polygenismus genannt, d. h. die Entstehung der Menschheit aus mehreren Ursprüngen, nicht aus einer einzigen Affe-Mensch-Übergangsform).[5] Bereits Karl Ernst von Baer warnte (in der russischen Zeitschrift Naturalist 1865) vor den impliziten Folgen dieses Polygenismuskonzeptes.

In diesen Zusammenhang gehören auch Vogts rassistische und sexistische Auffassungen; Vogt argumentierte dabei „wissenschaftlich“, nämlich anatomisch. Schwarze sah er für minderwertig an, am tiefsten stehend schwarze Frauen; die beiden Endpunkte der Menschheit lagen für den Preußenhasser Vogt in den Negern einerseits und in den Germanen andererseits, eine Summe der Unterschiede, die letztlich größer ist als diejenige der Unterschiede zwischen zwei Affenarten.[6] Schwarze erinnern, so Vogt, unwiderstehlich an den Affen: der kurze Hals, die langen, mageren Glieder, der aufgetriebene Hängebauch – Alles dies läßt unverkennbar den verwandten Affen durch die Menschenhülle hervorschimmern.[7]. Schädel- und Gehirnbau, Zahnlücken, die Krümmung der Wirbelsäule, Extremitätenknochen und Bau von Hand und Fuß (in der That ein, so Vogt, entschiedener Plattfuß) zeigten entschiedenste Hinneigungen zum thierischen Typus, die intellectuellen Fähigkeiten des Schwarzen bleiben stationär und das Individuum, wie die Rasse im Ganzen werden unfähig, weiter vorzuschreiten.[8] Die schwarze „Rasse“, prinzipiell unfähig zum Fortschritt und zu höheren Kulturleistungen, wäre evolutiv angesiedelt zwischen den Menschenaffen und den höchststehenden Menschen: Die stete Arbeit kennt der Schwarze nicht, eben so wenig die Voraussicht in die Zukunft; ... im übrigen aber kann man dreist behaupten, daß die ganze Rasse weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart irgend etwas geleistet hat, welches zum Fortschritte des Entwickelungsganges der Menschheit nöthig oder der Erhaltung werth gewesen wäre.[9] Zwischen Schwarzen und Menschenaffen würden die angeboren Schwachsinnigen vermitteln: Man braucht nur die Schädel des Chimpanse, Idioten und Negers neben einander zu stellen, wie wir hier thun, um zu zeigen, daß der Idiot sich genau zwischen die beiden in jeder Beziehung seinen Platz anweisen läßt.[10]. Frauen würden ähnlich Kindern oder niederen Rassen einen evolutionär älteren Zustand konservieren, die Ungleichheit der Geschlechter werde daher notwendigerweise umso größer, je mehr die Civilisation fortgeschritten ist. Besonders Gehirn- und Schädelbau beweisen nach Vogt, daß der Abstand der Geschlechter in Bezug auf die Schädelhöhle mit der Vollkommenheit der Rasse zunimmt, so daß der Europäer weit mehr die Europäerin überragt, als der Neger die Negerin.[11]

Nach 1850 geriet er in Gegensatz zu den Sozialisten unter Karl Marx, den er 1845 in Paris kennengelernt hatte. 1860 beschuldigte ihn Marx in seiner Schrift Herr Vogt, ein bezahlter Agent von Kaiser Napoléon III. gewesen zu sein, und mitverantwortlich für die Ausweisung Wilhelm Liebknechts aus der Schweiz 1850.

Schriften

  • Untersuchungen über die Entwicklungsgeschichte der Geburtshelferkröte. (Alytes obstetricans). Jent und Gassman, Solothurn 1842, S. 130.
  • Im Gebirg und auf den Gletschern. 1843.
  • Lehrbuch der Geologie und Petrefactenkunde. 1846.
  • Physiologische Briefe. 1847.
  • Die politischen Aufgaben der Opposition in unserer Zeit. 1849.
  • Zoologische Briefe. 2 Bände. 1851. (Digitalisat und Volltext Bd. 1, Digitalisat und Volltext Bd. 2)
  • Untersuchungen über Thierstaaten. 1851. (Digitalisat und Volltext)
  • Bilder aus dem Thierleben. 1852. doi:10.5962/bhl.title.1729
  • Köhlerglaube und Wissenschaft. Eine Streitschrift gegen den Hofrat Rudolph Wagner in Göttingen. 1855.
  • Studien zur gegenwärtigen Lage Europas. 1859.
  • Altes und Neues aus Tier- und Menschenleben. 2 Bände. 1859.
  • Vorlesungen über den Menschen, seine Stellung in der Schöpfung und in der Geschichte der Erde. 1863.
  • Nord-Fahrt entlang der Norwegischen Küste, nach dem Nordkap, den Inseln Jan Mayen und Island. 1863.
  • Physiologie des Geschmacks. 1865.
  • Politische Briefe. 1870–1871.
  • Die Säugetiere in Wort und Bild. 1883.
  • Lehrbuch der praktischen vergleichenden Anatomie. 2 Bände. 1885 bis 1895.
  • Aus meinem Leben. Erinnerungen und Rückblicke. Stuttgart 1896, unvollendet.

Übersetzungen:

  • Edouard Desor: Die Besteigung des Jungfrauhorns durch Agassiz und seine Gefährten. Jent und Gassmann, Solothurn 1842 (Übersetzung von L’ascension de la Jungfrau effectuée le 28 août 1841 par MM. Agassiz, Forbes, Du Chatelier et Desor, 1841).
  • Robert Chambers: Natürliche Geschichte der Schöpfung des Weltalls, der Erde und der auf ihr befindlichen Organismen. Vieweg, Braunschweig 1851; 2., verbesserte Auflage 1858 (Übersetzung von Vestiges of the Natural History of Creation, 1844).

Literatur

  • Kurt Bayertz, Walter Jaeschke, Myriam Gerhard (Hrsg.): Weltanschauung, Philosophie und Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert. Der Materialismusstreit. Band 1. Meiner, Hamburg 2007, ISBN 3787317775.
  • Annette Wittkau-Horgby: Materialismus. Habilitationsschrift. Universität Hannover 1997. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3525013752.
  • Fredrick Gregory: Scientific Materialism in Nineteenth Century Germany. Springer, Berlin u. a. 1977, ISBN 902770760X.
  • Christian Jansen: Politischer Streit mit harten Bandagen. Zur brieflichen Kommunikation unter den emigrierten Achtunvierzigern - unter besonderer Berücksichtigung der Kontroverse zwischen Marx und Vogt. In: Jürgen Herres, Manfred Neuhaus (Hrsg.): Politische Netzwerke durch Briefkommunikation. Brierfkultur der politischen Oppositionsbewegungen im 19. Jahrhundert. Akademie Verlag, Berlin 2002. ISBN 3-05-003688-5, S. 49–100.
  • Hermann Misteli: Carl Vogt. Seine Entwicklung vom angehenden naturwissenschaftlichen Materialisten zum idealen Politiker der Paulskirche (1817–1849). Gebr. Leemann, Zürich 1938.
  • Karl Marx: Herr Vogt. London 1860.
  • Ernst Krause: Vogt, Carl. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Bd. 40, Leipzig 1896, S. 181–189.
  • Artikel "In einem Genfer Landhause" in: Die Gartenlaube, Bd. 1867 (Teil 1), S. 148–152.
  • Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Band I Politiker, Teil 6: T–Z, Heidelberg 2005, S. 156–159.
  • Deutsche Monats-Hefte, Band 3, S. 388 Digitalisat
  • Rudolf Steiner: Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis, GA 100 (1981), ISBN 3-7274-1000-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  • Rudolf Steiner: Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt, GA 18 (1985), ISBN 3-7274-0180-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Weblinks

 Wikisource: Carl Vogt – Quellen und Volltexte
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 Wikiquote: Carl Vogt – Zitate

Einzelbelege

  1. Adrian Desmond, James Moore: Charles Darwin. 2. Aufl. München 1994, S. 612–613
  2. C. Vogt: Physiologische Briefe. Stuttgart 1847, S. 206
  3. C. Vogt: Untersuchungen über Thierstaaten. Frankfurt/Main 1851.
  4. R. Wagner: Ueber Wissen und Glauben. Göttingen 1854, S. 7; vgl. C. Vogt: Physiologische Briefe. Stuttgart 1847.
  5. Gerhard Heberer (Hrsg.): Menschliche Abstammungslehre. Fortschritte der „Anthropogenie“ 1863–1964. Gustav Fischer, Stuttgart 1965, S. 2–5.
  6. Vorlesungen über den Menschen. Gießen 1863, S. 216
  7. Vorlesungen über den Menschen. Gießen 1863, S. 218
  8. Vorlesungen über den Menschen. Gießen 1863, S. 216–237, 242–243
  9. Vorlesungen über den Menschen. Gießen 1863, S. 243
  10. Vorlesungen über den Menschen. Gießen 1863, S. 251
  11. Vorlesungen über den Menschen. Gießen 1863, S. 94–95


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