Casella

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Gustave Doré: Die Ankunft der Engelsbarke, (Purgatorio 2, 16-51)

Casella (* in Florenz oder Pistoia; † um 1299 in Florenz; Vorname unbekannt) war ein italienischer Komponist und Sänger, von dem keine Werke überliefert sind.[1] Alles, was über ihn bekannt ist, steht in den Werken von Dante Alighieri (1265-1321) und es ist unmöglich, ihn mit absoluter Sicherheit mit irgendeinem der in zeitgenössischen Dokumenten genannten Casellas zu identifizieren.

Casella war vermutlich ein Jugendfreund Dantes, der einige seiner Kanzonen vertonte und vor 1300 starb. Dante macht ihn zur Hauptfigur im 2. Gesang des Purgatorio seiner «Göttlichen Komödie». Casella zählt hier zu den Seelen, die mit der Engelsbarke von der Tiber-Mündung an den Strand des Läuterungsberges gebracht werden. 3 Monate musste Casella zuvor auf die Überfahrt warten. Sobald er Dante erkennt, stürmt er auf diesen zu und will ihn umarmen, doch die versuchte Umarmung geht dreimal ins Leere, da er selbst nur mehr ein Schatten ist. Dante bittet ihn dann, ihm die Vertonung der 2. Kanzone aus aus seinem «Convivio» („Das Gastmahl“) vorzusingen, die mit den Versen „Amor che ne la mente mi ragiona“ („Liebe, die mir im Geiste redet“) beginnt. Wahrscheinlich war Casellas Musik - zumindest teilweise - im monodischen Stil der okzitanische Lyrik bzw. der italienische Lyrik in okzitanischer Manier gehalten.

73 So drängten jetzt, mich mit den Augen messend
Zu mir die hochbeglückten Seelen sich,
Beinah den Gang zur Reinigung vergessend.
76 Hervor trat Eine jetzt, so inniglich
Mich zu umarmen, mit so holden Mienen,
Daß mein Verlangen ganz dem ihren glich.
79 O leere Schatten, die Gestalt nur schienen![2]
Dreimal hatt’ ich die Hände hinter ihr,
Und dreimal kehrt’ ich zu der Brust mit ihnen.
82 Das Antlitz, glaub’ ich, malt’ Erstaunen mir,
Und Jenen sah’ ich lächelnd rückwärts schweben,
Doch folgt’ ich ihm mit liebender Begier.
85 Und lieblich hört’ ich ihn die Stimm’ erheben:
„Verweile!“ da erkannt’ ich ihn und bat
Er möge bleiben und mir Antwort geben.
88 „Dich lieb’ ich,“ sprach er, als ich ihm genaht,
„Wie einst im Leib, so jetzt der Haft entbunden,
Drum weil ich – doch was gehst du diesen Pfad?“
91 „„O mein Casella, hier nur eingefunden
Hab’ ich mich, um zur Welt zurückzugehn.
Doch wie bist du beraubt so vieler Stunden?““[3]
94 Und Er: „Drob ist kein Unrecht mir geschehn,
Mußt’ Er auch öfters mich zurückeweisen,
Der mit sich fortnimmt wann er will und wen.
97 Denn sein Will’ ist nur der des Ewig-Weisen;
Und seit drei Monden hat er gern gewährt,
Wenn irgend wer verlangt hat, mitzureisen.
100 Auch mich, der ich mich zu dem Strand gekehrt,
Wo salzig wird der Tiber süße Welle,
Empfing er liebevoll, da ich’s begehrt.
103 Jetzt schwebt er wieder hin zu jener Stelle,[4]
Wo er vereint mit freudigem Empfang
Die, so nicht Sünde stürzt zur Nacht der Hölle.“
106 Und ich: „„Hat dir nicht jenen Liebes-Sang,
Den du geübt, ein neu Gesetz entrissen,
Der öfters mir gestillt des Herzens Drang,
109 So laß mich jetzt nicht seinen Trost vermissen,
Denn meine Seele, die der Leib umflicht,
Schwebt, da sie hier erscheint, in Kümmernissen.““
112Die Liebe, die zu mir im Herzen spricht –“[5]
Begann er jetzt, und ach, die süße Weise
Verklingt noch jetzt in meinem Innern nicht.
                         (Purgatorio 2, 73-114)

Die Geliebte, die hier in Gestalt einer edlen Frau angebetet wird, ist die Philosophie. In der 1. Strophe der Kanzone heißt es:

Amor che ne la mente mi ragiona
de la mia donna disiosamente,
move cose di lei meco sovente,
che lo ’ntelletto sovr’esse disvia.
 5 Lo suo parlar sì dolcemente sona,
che l’anima ch’ascolta e che lo sente
dice: «Oh me lassa! ch’io non son possente
di dir quel ch’odo de la donna mia!»
E certo e’ mi conven lasciare in pria,
10 s’io vo’ trattar di quel ch’odo di lei,
ciò che lo mio intelletto non comprende;
e di quel che s’intende
gran parte, perchè dirlo non savrei.
Però, se le mie rime avran difetto
15 ch’entreran ne la loda di costei,
di ciò si biasmi il debole intelletto
e ’l parlar nostro, che non ha valore
di ritrar tutto ciò che dice Amore.

Liebe, die mir im Geiste redet
Von meiner Herrin sehnsuchtsvoll,
Erreget oftmals mir Gefühle,
Daß der Verstand sich ganz verwirret.
 5 Und was sie spricht, das klingt so lieblich,
Daß meine Seele, die es hört und fühlt,
„O weh mir“ ruft, „wie wenig können
Die Worte mein das Lob der Herrin künden!“
Auslassen muß ich gleich zuvor
10 Im Lob auf meine Herrin,
Was mein Verstand nicht kann begreifen;
Doch auch von dem, was er erfaßt,
Find‘ ich für vieles nicht die Worte.
Wenn also mangelhaft die Reime sind,
15 Die ihren Lobpreis künden,
So gebt die Schuld dem schwachen Geist
Und unsrer kleinen Redekraft,
Die Amors Worte nicht kann wiedergeben.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Luigi Peirone: Casella. In: Enciclopedia Dantesca. Istituto dell'Enciclopedia Italiana, 1970. Abgerufen am 21. November 2017.
  2. 79. Ueber die Gestaltung der Seelen vgl. Anm. zur Hölle Ges. 3 V. 34 und Ges. 6 V. 35.
  3. 93. Casella, ein berühmter Sänger, Musiker und Freund Dante’s, der auch Sonette und Canzonen des Dichters in Musik gesetzt zu haben scheint (nach V. 112), war ohne Zweifel zu Anfang des, von Bonifaz VIII. auf 1300 ausgeschriebenen Jubeljahrs, also etwa 3 Monate vor des Dichters Höllenreise, gestorben. Da nun nach dem frommen Glauben, den auch Dante theilt, alle bußfertigen Theilnehmer des Jubeljahrs, der Hölle enthoben, sofort nach dem Tod nach dem Berg der Läuterung gelangen, so konnte Dante hier fragen, weshalb Casella jetzt erst hier ankomme und „so viel Zeit verloren habe?“ Wo indessen seine Seele geweilt, ist nicht angegeben, aber der Rückschluß auf Casella’s auch sonst bezeugtes, nicht gerade bußfertiges Leben, leuchtet ein.
  4. 103. Den Ausfluß der Tiber hält der Dichter für den Ort, wo die zur Seligkeit bestimmten Seelen eingeschifft werden, um sich zuvörderst im Fegefeuer zu läutern. Die Verdammten dagegen stürzen unmittelbar nach dem Tode zu ihrem Straforte hinab. Hiermit ist die Vermittelung der Kirche (Rom am Tiber) zwischen Gott und den zur Seligkeit bestimmten Seelen angedeutet.
  5. 112. Die Liebe etc. Amor, che nella mente mi ragiona – der Anfang einer wunderschönen Canzone des Dante.