Differenz (Philosophie)

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Differenz (griech. διαφορά diaphorá, lat. differentia „Unterschied, Verschiedenheit“) ist ein Begriff, der in der Philosophie unterschiedlich, meist aber als Gegenbegriff zu Identität verwendet wird und dadurch festlegt, wodurch sich Dinge voneinander unterscheiden. Aristoteles bezeichnete in diesem Sinn mit dem Wort diaphorá das „Anderssein von Dingen“[1].

Porphyrios

Porphyrios zählt in seiner Isagoge die Differenz zu den fünf Prädikabilien, die die Art und Weise angeben, wie über die Dinge gesprochen werden kann. Die anderen vier Prädikabilien sind Gattung, Art, Proprium und Akzidenz.

„Die Differenz aber (Unterschied) gelte als etwas, was allgemein, was eigentlich und was im eigentlichsten Sinne so heißt.

Allgemein unterscheidet sich eines vom anderen, was durch irgendeine Verschiedenheit entweder von sich selbst oder von anderem abweicht. Denn Sokrates unterscheidet sich von Platon als ein anderer und von sich selbst als Kind und als Erwachsender, als tätig und ruhend, und erscheint beständig in verschiedenen Zuständlichkeiten. Eigentlich unterscheiden sich zwei Dinge, wenn sie sich durch ein untrennbares Akzidenz unterscheiden. Ein untrennbares Akzidenz aber ist z.B. die Blauäugigkeit oder die Krummnasigkeit oder eine harte, von einer Wunde zurückgebliebene Narbe. Im eigentlichen Sinne aber unterscheiden sich zwei Dinge, wenn ein spezifischer (artbildend) Unterschied zwischen ihnen besteht, in der Art z.B., wie sich der Mensch vom Pferd durch den spezifischen Unterschied der Vernünftigkeit unterscheidet.

Es gilt demnach von der Differenz überhaupt, dass sie ein Ding durch den Zutritt zu ihm verschieden beschaffen macht. Aber die Differenzen, als allgemeine und als eigentliche genommen, machen es anders beschaffen dagegen machen die Differenzen im eigentlichsten Sinne es zu etwas anderem. Denn die Differenzen machen das Subjekt teils zu einem anders beschaffenen, teils zu einem anderen. Die letzteren hat man nun spezifischen, die ersteren einfach Differenzen genannt. Denn indem zu Sinnenwesen die Differenz "vernünftig" hinzutritt, macht sie es zu einem anderen und bildet eine Art von Sinnenwesen, dagegen macht die Differenz "bewegt werden" es nur anders beschaffen als das ruhende, so dass jene es zu einem anderen, diese es nur anders beschaffen macht. Und auf Grund der das Ding zu einem anderen machenden Differenzen geschehen die Einteilungen der Genera in Spezies und werden die Definitionen, bestehend aus dem Genus und der betreffenden Differenz, aufgestellt, dagegen gibt es auf Grund der Qualitativ ändernden Differenzen nur Verschiedenheiten und nur Wandel der Zuständlichkeit.

Wir müssen nun wieder von vorne anfangen und sagen, dass die Differenzen teils trennbar, teils untrennbar sind. Denn bewegt werden und ruhen, gesund und krank sein und dergleichen ist trennbar. Aber krummnasig oder stumpfnasig, oder vernünftig oder unvernünftig sein ist untrennbar.

Die untrennbaren Differenzen aber wohnen ihrem Träger teils an sich bei, teils mitfolgend (per accidens). Denn vernünftig, sterblich und wissensfähig sein wohnt dem Mensch an sich bei; das er aber stumpf- oder krummnasig ist, hat er mitfolgend und nicht an sich. Die Differenzen nun, die man an sich hat, kommen in den Wesensbegriff und machen ein anderes, die akzidentellen Differenzen aber kommen nicht in den Wesensbegriff zu stehen und machen auch kein anderes, sondern nur ein anders beschaffenes. Und die es an sich sind, lassen kein Mehr und Minder zu, die akzidentellen aber sind, auch wenn untrennbar, einer Steigerung und Abschwächung fähig. Denn das Genus wird von dem, dessen Genus es ist, so wenig mehr und minder prädiziert wie die Differenzen des Genus, nach denen es eingeteilt wird. Denn diese letzteren sind es, die den jeweiligen Begriff vervollständigen, und das jeweilige Sein ist ein und dasselbe und duldet weder Abschwächung noch Steigerung, wohl aber lässt sich krummnasig oder stumpfnasig oder so und so gefärbt sein steigern und mäßigen.

Da nun drei Arten von Differenzen in Betracht kommen und dieselben teils trennbar, teils untrennbar sind, und da wieder die untrennbaren Differenzen teils an sich, teils mitfolgend solche sind, so sind wieder die Differenzen an sich teils solche, nach denen man die Gattungen in die Arten teilt, teils solche, nach denen das Geteilte spezifiziert wird. So wohnen z.B. von den Differenzen an sich alle solche, wie beseelt und sensitiv, vernünftig und unvernünftig, sterblich und unsterblich, dem Sinnenwesen bei, aber die Differenz beseelt und sensitiv konstituiert die Substanz des sinnlichen Wesens, da das Sinnenwesen eine beseelte, sensitive Substanz ist, dagegen sind die Differenzen sterblich und unsterblich, vernünftig und unvernünftig teilende Differenzen von Sinnenwesen, weil wir durch sie die Gattungen in die Arten teilen. Aber diese teilenden Differenzen vervollständigen die Gattungen und konstituieren die Arten. Denn man zerlegt Sinnenwesen durch die Differenzen vernünftig und unvernünftig und wiederum durch die Differenzen sterblich und unsterblich. Aber die Differenzen vernünftig und Sterblich werden zu Konstitutiven von Mensch, die Differenzen vernünftig und unsterblich zu solchen von Gott (Dämon) und die Differenzen sterblich und unvernünftig zu solchen der unvernünftigen sinnbegabten Wesen. So teilen aber auch die Differenzen beseelt und unbeseelt, wahrnehmend und nichtwahrnehmend die Substanz, die zu oberst steht, und macht die Differenz beseelt und wahrnehmend, zu Substanz hinzugefügt, den vollständigen Begriff von Sinnenwesen, und die Differenz beseelt und nicht wahrnehmend den von Pflanze aus. Uns sie sind es, die besonders bei der Einteilung der Genera und den Begriffsbestimmungen verwandt werden, nicht so die akzidentellen untrennbaren und noch weniger die trennbaren Differenzen.

Man definiert jene Differenzen denn auch durch die Formel: Differenz ist, um was die Art reicher ist als die Gattung. Denn Mensch ist um die Momente vernünftig und sterblich reicher als Sinnenwesen. Das Sinnenwesen ist ja weder nichts von diesen - denn woher hätten die Arte die Differenzen? - noch hat es alle entgegengesetzten Differenzen, da das nämliche Ding Entgegengesetztes zugleich haben würde, sondern es hat, wie der Lehrsatz lautet, alle unter es fallenden Differenzen potentiell, aber keine aktuell. Und so wird weder etwas aus nicht Seiendem, noch wird einem und demselben Ding Entgegengesetztes zugleich beiwohnen. Man definiert die Differenz aber auch so: sie ist, was von mehrerem und der Art nach Verschiedenem zur Bestimmung seiner Qualität ausgesagt wird. Denn vernünftig und sterblich, von dem Menschen ausgesagt, soll die Qualität, nicht die Wesenheit des Menschen bezeichnen. Denn wenn man uns fragt, was der Mensch ist, ist die passende Antwort: ein Sinnenwesen. Fragt man aber, was für ein Sinnenwesen er ist, so werden wir passender Weise sagen: ein vernünftiges und sterbliches Wesen. Denn da die Dinge aus Stoff und Form bestehen oder Analoga von Stoff und Form zu Konstitutiven haben, wie z.B. die Bildsäule aus Erz als Stoff und aus der Figur als Form besteht, so ist in gleicher Weise auch der Mensch, als Allgemeines und als Art gedacht, aus Gattung als Analogon des Stoffes und aus Differenz als Analogon der form zusammengesetzt. Dieses Ganze aber: vernünftiges, sterbliches Sinnenwesen, ist der Mensch, wie dort die Bildsäule.

Man beschreibt sie aber auch so: Differenz ist, was seiner Natur nach das unter dieselbe Gattung Fallende scheidet. Denn vernünftig und unvernünftig scheiden Mensch und Pferd, die unter dieselbe Gattung fallen.

Man gibt sie aber auch so an: Differenz ist, wodurch sich ein Ding unterscheidet. Denn Mensch und Pferd sind nicht nach der Gattung unterschieden, da wir sowohl als die Pferde Sinnenwesen sind, wohl aber unterschiedet uns von ihnen der Zusatz: vernünftig. Und vernünftig sind wir sowohl als die Götter (Dämonen), aber der Zusatz: sterblich unterschiedet uns von ihnen.

Die aber die begrifflichen Momente der Differenz genauer angeben, lassen nicht das erste beste, was die Glieder der nämlichen Gattung unterscheidet, Differenz sein, sondern nur solches, was zum Sein und zur Wesenheit beisteuert und was ein Teil des Dinges ist. Denn Schifffahrt treiben zu können ist, wenn schon Eigentümlichkeit, doch nicht Differenz des Menschen. Denn wir können, indem wir den Menschen von den anderen sinnlichen Wesen unterscheiden, sagen, dass von den sinnlichen Wesen die einen von Natur Schifffahrt treiben können, die anderen nicht. Aber von Natur Schifffahrt treiben können ist kein Komplement oder Teil der Substanz, sondern nur eine Fähigkeit an ihr, weil es keine Differenz nach Art derer ist, die im eigentlichen Sinne spezifische oder artbildende heißen. Demnach werden also spezifische Differenzen diejenigen sein, die eine andere Art begründen und die in die Bestimmung der Wesenheit aufgenommen werden. Über die Differenz möge dann so viel genügen.“

Porphyrios: Isagoge III

Einzelnachweise

  1. Aristoteles, Metaphysik Δ9 1018a12