Erwachen am anderen Menschen

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Das Erwachen am anderen Menschen ist ein Bedürfnis, das im gegenwärtigen Bewusstseinsseelenzeitalter, namentlich seit Beginn des 20. Jahrhunderts, immer stärker wird. Rudolf Steiner hat es auch als ein zweites Erwachen bezeichnet, das über das Erwachen zum alltäglichen Gegenstandsbewusstsein hinausführt.

Durch das Gegenstandsbewusstsein sieht sich der Mensch der äußeren Natur gegenübergestellt. Auch den anderen Menschen steht er zunächst äußerlich gegenüber. Er sieht ihre äußere Gestalt, ihre Mimik und Gestik, hört ihre Sprache. An diesem Erleben der sinnlichen Außenwelt entzündet sich zugleich sein Selbstbewusstsein, indem er sich durch sein Denken, Fühlen und Wollen seiner eigenen seelischen Innenwelt bewusst wird. Durch sein Mitgefühl findet er er bereits eine gefühlsmäßige Brücke zu seinen Mitmenschen - eine Entwicklung, die bereits in der griechisch-lateinischen Zeit begann. Heute ist, als Steigerung dieser Fähigkeit, ein volles Erwachen am Geistigen und Seelischen des anderen Menschen möglich, ein Erwachen an dessen wirklichem Wesen, mit dem man sich karmisch verbunden fühlt.

„Mit dem Erwachen der Bewußtseinsseele, mit dem Entfalten der Bewußtseinsseele ist in dieser Beziehung ein neues Element hereingetreten ins Menschenleben. Da muß es nämlich noch ein zweites Erwachen geben, und dieses zweite Erwachen wird immer mehr und mehr als ein Bedürfnis der Menschheit auftreten: Das ist das Erwachen an Seele und Geist der andern Menschen. Im gewöhnlichen wachen Tagesleben erwacht man ja nur an der Natur des andern Menschen; aber an Seele und Geist des andern Menschen will der Mensch erwachen, der selbständig, der persönlich durch das Bewußtseinszeitalter geworden ist. Er will an Seele und Geist des andern Menschen erwachen, er will dem andern Menschen entgegentreten so, daß der andere Mensch in seiner eigenen Seele einen solchen Ruck hervorbringt, wie es gegenüber dem Traumleben das äußere Licht, das äußere Geräusch und so weiter hervorbringt.

Dieses Bedürfnis ist einmal ein ganz elementares seit dem Beginne des 20. Jahrhunderts und wird immer stärker werden. Das ganze 20. Jahrhundert hindurch wird, trotz allem seinem chaotischen, tumultuarischen Wesen, das die ganze Zivilisation durchsetzen wird, dieses als Bedürfnis aufzeigen: es wird sich einstellen das Bedürfnis, daß Menschen an dem andern Menschen in einem höheren Grade werden erwachen wollen, als man erwachen kann an der bloßen natürlichen Umgebung. Traumleben, es erwacht an der natürlichen Umgebung zum wachen Tagesleben. Waches Tagesleben, es erwacht am andern Menschen, an Seele und Geist des andern Menschen zu einem höheren Bewußtsein. Der Mensch muß mehr werden, als er dem Menschen immer war. Er muß ihm zu einem weckenden Wesen werden. Die Menschen müssen sich näherkommen, als sie sich bisher gestanden haben: zu einem weckenden Wesen muß jeder Mensch, der einem andern entgegentritt, werden. Dazu haben eben die modernen Menschen, die ins Leben jetzt hereingetreten sind, viel zu viel Karma aufgespeichert, als daß sie nicht ihr Schicksal verbunden fühlen würden, ein jeder mit dem, der ihm im Leben als anderer Mensch entgegentritt. Wenn man in frühere Zeitalter zurückgeht, da waren die Seelen jünger, da haben sie weniger karmische Zusammenhänge gehabt. Jetzt tritt eben die Notwendigkeit ein, daß man nicht nur durch die Natur erweckt wird, sondern durch die Menschen, die mit einem karmisch verbunden sind und die man suchen will.“ (Lit.:GA 257, S. 176f)

Dadurch wird heute eine neue Art von Gemeinschaftsbildung möglich, eine spirituelle Gemeinschaftsbildung, wie sie etwa in der anthroposophischen Gemeinschaftsbildung gepflegt werden soll. Dadurch kann zugleich eine neue Form des Kultus entstehen, eine Art umgekehrter Kultus, durch den sich eine gemeinsam geistig strebende Gemeinschaft so in die geistige Welt erhebt, dass in ihrer Mitte auch höhere geistige Wesen wirksam anwesend sein können.

„Und so gibt es außer jenem Bedürfnis nach Erinnerung an die übersinnliche Heimat, die durch den Kultus befriedigt werden kann, das andere Bedürfnis, sich erwecken zu lassen zum Geistig-Seelischen durch den andern Menschen. Und der Gefühlsimpuls, der da wirksam sein kann, der ist der des neueren Idealismus. Wenn das Ideal aufhört, ein bloßes abstraktes zu sein, wenn es lebendig verwurzelt sein wird wiederum mit dem menschlich Seelisch-Geistigen, dann wird es eben die Form annehmen: Ich will erwachen an dem andern Menschen. - Das ist schließlich ganz im Unbestimmten das Gefühl, das durch die Jugend heute sich einstellt: Ich will erwachen an dem andern Menschen. Und das ist es, was als besonderes Gemeinschaftsleben in der Anthroposophischen Gesellschaft gepflegt werden kann, was sich da auf die natürlichste Weise von der Welt einstellt. Denn, wenn eine Menschengruppe sich zusammenfindet, um gemeinsam zu erleben dasjenige, was aus der übersinnlichen Welt heraus durch die Anthroposophie geoffenbart werden kann, dann ist dieses Erleben in einer Menschengruppe eben etwas anderes als das einsame Erleben. Daß man erwacht an der Seele des andern in dem Momente, wo man zusammen ist, das gibt eine Atmosphäre ab, die nicht etwa in die übersinnliche Welt hineinführt so, wie es in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist, die aber das Verständnis der Ideen fördert, welche durch anthroposophische Geisteswissenschaft von der übersinnlichen Welt gegeben werden.“ (Lit.:GA 257, S. 177f)

Zeichnung aus Rudolf Steiners Vortrag in Dornach, am 3. März 1923, Klartextnachschrift des 9. Vortrags aus GA 257, S. 20 (Tafel 1)

„Durch den Kultus wird das Übersinnliche in Wort und Handlung heruntergeholt in die physische Welt. Durch den anthroposophischen Zweig werden die Gedanken und Empfindungen der Anthroposophengruppe hinauferhoben in die übersinnliche Welt. Und wenn in der richtigen Gesinnung erlebt wird der anthroposophische Inhalt von einer Menschengruppe, wobei Menschenseele an Menschenseele erwacht, wird tatsächlich diese Menschenseele erhoben zur Geistgemeinschaft. Nur handelt es sich darum, daß dieses Bewußtsein wirklich vorhanden ist. Wenn dieses Bewußtsein vorhanden ist und solche Gruppen in der Anthroposophischen Gesellschaft auftreten, dann ist in diesem, wenn ich so sagen darf, umgekehrten Kultus, in dem andern Pol des Kultus, etwas Gemeinschaftsbildendes im eminentesten Sinne vorhanden. Man möchte sagen, wenn man bildlich sprechen will: Die Kultgemeinde versucht die Engel des Himmels zu veranlassen, herunterzugehen in den Kultraum, damit sie unter den Menschen seien. Die anthroposophische Gemeinde versucht, die Menschenseelen zu erheben in die übersinnliche Welt, damit sie unter die Engel kommen. Das ist in beiden das gemeinschaftsbildende Element.

Aber wenn Anthroposophie dem Menschen etwas sein soll, was wirklich in die übersinnliche Welt führt, dann darf sie nicht Theorie, nicht Abstraktion sein. Dann darf man nicht bloß von geistigen Wesen reden, sondern man muß die nächsten, die unmittelbarsten Gelegenheiten aufsuchen, um mit geistigen Wesen zusammenzusein. Die Arbeit einer anthroposophischen Gruppe besteht nicht bloß darin, daß eine Anzahl von Menschen über anthroposophische Ideen reden, sondern daß sie sich als Menschen so vereinigt fühlen, daß Menschenseele an Menschenseele erwacht und die Menschen hinaufversetzt werden in die geistige Welt, so daß sie wirklich unter geistigen Wesen sind, wenn auch vielleicht ohne Schauen. Auch wenn das in der Anschauung nicht da ist, im Erleben kann es da sein. Und das ist dann das Stärkende, das Kräftigende, das aus den Gruppen hervorgehen kann, die mit richtiger Gemeinschaftsbildung eben entstanden sind innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft.“ (Lit.:GA 257, S. 179f)

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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