Tatsache

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Eine Tatsache, ein Faktum (lat. factum „Tat, Handlung“ bzw. res facti, wörtlich "Tat-Sache", entsprechend eng. matter of fact; von lat. facere „machen, tun“) ist im ursprünglich juristischen Sinn ein durch eine Tat bewirkter Tatbestand (auch Tatsächlichkeit, Gegebenheit oder Faktizität). Darüber hinaus im weitesten Sinn alles, was durch sinnliche oder übersinnliche Beobachtung als gegeben festgestellt wird, wobei aber erst durch das Denken entschieden werden kann, ob dem als Wahrnehmung Gegebenen eine Wirklichkeit entspricht oder ob es sich um einen bloßen Schein, d.h. nur um das für sich genommen unwirkliche Bild einer Wirklichkeit handelt. Im engeren Sinn die durch Denken und Beobachtung zu einem bestimmten Zeitpunkt bestätigte Existenz eines Wirklichen. Tatsachen kann man nicht beweisen, sondern nur erleben.

So ist es etwa eine Tatsache, dass mir mein Spiegelbild erscheint, wenn ich mich in einem ebenen Spiegel betrachte; durch denkende Erfassung der Reflexionsgesetze lässt sich gleichwohl erkennen, dass es sich dabei nur um ein virtuelles Bild handelt, dem keine eigenständige Wirklichkeit zukommt. Hingegen kann ein Hohlspiegel unter geeigneten Umständen ein reelles Bild erzeugen, das, im Gegensatz zum bloß virtuellen Bild, mit einem Schirm aufgefangen und sogar mit einem Fotopapier festgehalten werden kann und sich somit in bestimmtem Sinn als Wirklichkeit erweist.

Geistige Tatsachen

Für die Geistesforschung ist die Unterscheidung von wirklichen Tatsachen und bloßen Illusionen, Visionen und Halluzinationen von besonderer Bedeutung:

„Der Verstand kann gar nichts tun, als Tatsachen kombinieren und systematisieren. Tatsachen kann man erfahren, aber nicht «mit dem Verstande beweisen». Mit dem Verstande kann man auch einen Walfisch nicht beweisen. Den muß man entweder selbst sehen, oder sich von denen beschreiben lassen, die einen gesehen haben. So ist es auch mit übersinnlichen Tatsachen. Ist man noch nicht so weit, sie selbst zu sehen, so muß man sie sich beschreiben lassen.“ (Lit.:GA 34, S. 107)

„Gesagt ist, daß ein gewöhnlicher und wiederum berechtigter Einwand gegen eine solche Behauptung der Geistesforschung der ist: Da kann man durch eine solche Seelenentwickelung zum Beispiel zu inneren Vorstellungswelten kommen, die man als einen Ausdruck einer übersinnlichen Welt ansieht. Man kann auch durch die Art, wie sich diese Vorstellungsarten ergeben, die Meinung haben, sie wiesen auf etwas Reales hin. Aber man wisse doch-so kann gesagt werden - , daß der, welcher Halluzinationen, Wahn-Ideen, Visionen hat, auch mit aller Kraft an diese Halluzinationen und so weiter glaubt, und es sei daher ganz unmöglich, in Wahrheit eine Unterscheidung zu finden zwischen den Halluzinationen, Wahn-Ideen und so weiter und dem, was sich so beim Geistesforscher einstellt. - Warum sollte man das, wozu der Geistesforscher auf diese Weise kommt, nicht auch, zwar als eine raffiniertere, aber doch als eine bloße Halluzination ansehen? Abgesehen davon, daß man sagen kann: Was so im Innern erlebt werde, sei nur subjektiv und könne nicht von einem anderen zu jeder Zeit kontrolliert werden, wie dies zum Beispiel beim physikalischen Experiment der Fall ist.

Nun muß aber darauf hingewiesen werden, daß es durchaus nicht im Charakter aller Wahrheiten liegt, daß sie durch äußere Veranstaltungen gefunden oder auch nur bekräftigt werden können. Man kann sagen, es könnten für jeden, der nur denken will, die Vorstellungen der Mathematik im äußersten Sinne dafür überzeugend sein, denn sie werden im Innern gewonnen. Wir brauchen, um das einzusehen, nicht auf höhere, sondern nur auf die gewöhnliche Vorstellung, dreimal drei ist neun, hinzuweisen. Um das einzusehen, bedarf es nur eines inneren Vorstellens der Seele, und es ist nichts weiter als eine Versinnlichung, wenn sich jemand zum Beispiel durch dreimal drei Erbsen veranschaulicht, daß dreimal drei neun ist. Es hängt von der inneren Seelenentwickelung ab, wenn jemand die Erkenntnis hat, daß dreimal drei neun ist, und er braucht sie sich durch einen äußeren Vorgang nicht erst zu bekräftigen. Er weiß, was er erlebt hat, er weiß es ohne jede äußere Kontrolle. Es gibt also ein inneres Seelenarbeiten, für welches äußere Kontrolle nichts weiter als Veranschaulichung ist, die sich in dem Veranschaulichten erschöpft, und dem man es ansieht, daß dieses innerlich Durchzumachende wahr ist. In einer ganz ähnlichen Weise, nur auf höherer Stufe, wird der Unterschied erlebt zwischen Irrtum und Wahrheit der übersinnlichen Welt. Der Geistesforscher muß alle die Dinge durchmachen wollen, die ihn zur Erkenntnis führen können: wo hören Halluzinationen, Visionen und Illusionen auf, und wo beginnt die übersinnliche Realität? Wo das eine aufhört und das andere beginnt, das kann nur auf eine ähnliche Weise eingesehen werden, wie die mathematischen Wahrheiten eingesehen werden können. Aber es kann eingesehen werden. Wer ein wirklicher Geistesforscher ist und die Natur, die wirklich zur Geistesforschung hinführt, kennt, der wird ohnedies nicht die Welt mit seinen Visionen unterhalten, und wenn Sie jemanden finden, der die Menschen über die übersinnliche Welt dadurch unterhält, daß er von seinen Visionen mitteilt, so können Sie immer voraussetzen, daß er von einem wahren Geistesforscher sehr weit entfernt ist. Denn der wahre Geistesforscher weiß, daß alles imaginäre, visionäre Leben, das man in der äußeren Welt kennt, nichts als eine Vorstellung des eigenen Seelenlebens ist, daß es nichts anderes darstellt als ein Hinausprojizieren der eigenen Seele in den eigenen Raum. Und nicht in diesem Raum, nicht in dem, was man eigentlich meint, wenn man von dem Vorstellen des Geistesforschers als ein Nichtkenner spricht, liegt das, was seine Wissenschaft begründet, sondern in demjenigen, was erst hinter diesem Vermeintlichen liegt, nachdem er ganz den Vorgang durchgemacht hat, wie sich das Seelenleben verobjektiviert und wie dann die Wand durchbrochen wird, welche sich zuerst als eine Widerspiegelung unserer inneren Seelenvorgänge aufrichtet.

Gerade das ist für den Geistesforscher wichtig, daß er das Wesen der Halluzinationen, der Visionen und Illusionen in ihrem Zusammenhange mit dem inneren seelischen Leben erkannt hat und sich lange genug sagen kann: Was so erscheint, ist nicht als das objektiv Maßgebende, sondern rein als innere Seelenvorgänge aufzufassen. Und es gehört nicht so sehr zu den Anforderungen einer wirklichen geisteswissenschaftlichen Schulung, durch gewisse Verrichtungen, die man in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» nachlesen kann, die Seele dazu zu bringen, daß sie frei vom Leibe Erlebnisse hat, daß sie aus dem Leibe heraustritt; sondern wichtiger ist es, daß die Seele über diese Erlebnisse außerhalb des physischen Leibes, im rein Geistigen, ein richtiges Urteil gewinnt. Von einem gewissen Punkt ab weiß die Seele durch das, was sie erlebt, daß sie nicht mehr subjektive Vorgänge erlebt, sondern daß sie ihre Subjektivität abgestreift hat und in ein Objektives hineinkommt, das für jeden objektiv ist, wie das Mathematische objektiv ist, trotzdem man seine Beweiskraft nur im Innern erleben kann. Der Fehler, den die Menschen machen, die an ihre Illusionen glauben, besteht darin, daß sie nicht lange genug die Widerstandskraft gegen die illusionäre Welt aufrechterhalten können, daß zu früh der Glaube eintritt an das, was sie erleben, daß sie sich von ihren Erlebnissen nicht lange genug sagen: Das erscheint zunächst nur als eine Widerspiegelung von dir selbst, und erst wenn du alles Subjektive von dir abgestreift hast, wie du es bei der Mathematik machen mußt, trittst du in die Sphäre der objektiven Wirklichkeit ein. So entfällt auch der Einwand, daß man es bei den geistesforscherischen Erlebnissen mit etwas Subjektivem zu tun hat. Man hat es ebensowenig mit etwas Subjektivem zu tun, wie man es bei mathematischen Wahrheiten damit zu tun hat. Wenn Geisteswissenschaft mitgeteilt wird, so handelt es sich nicht eigentlich darum, Beweise zu liefern. Wenn es sich darum handelt, so muß man vor allem das Wesen des Beweises verstehen. Wenn es niemals in der Welt vorgekommen wäre, daß jemand einen Walfisch gesehen hätte, so würde niemand beweisen können, daß es einen Walfisch gibt. Aus allen Kenntnissen, die er hat, würde er nie das Dasein eines Walfisches beweisen können, denn ein Walfisch ist eine Tatsache, und Tatsachen kann man nicht beweisen, sondern man kann sie nur erleben. Damit ist etwas außerordentlich Gewichtiges über die Logik gesagt, aber man muß sich erst von diesem Gewichtigen überzeugen.

Von diesem Gesichtspunkte aus handelt es sich bei den Mitteilungen der Geistesforschung auch nicht darum, daß man Beweise für die übersinnliche Welt oder zum Beispiel für die Unsterblichkeit der Seele liefert, sondern um etwas ganz anderes. Davon werden sich diejenigen überzeugen, die eine längere Zeit den wahren Betrieb der Geistesforschung mitmachen. Nicht um ein logisches Spintisieren handelt es sich, sondern um ein Kennenlernen, um ein Mitteilen der übersinnlichen Tatsachen. Wenn der Geistesforscher durch die schon geschilderte Entwicklung der Seele in die Lage gekommen ist, daß er das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt überblickt, so handelt es sich darum, daß er dann die Tatsachen, welche er für das Leben der Seele in der Zeit zwischen dem Tode und der nächsten Geburt anzuführen hat, mitteilt, daß er mitteilt, was er in der übersinnlichen Welt erlebt. Um Mitteilung von Erlebnissen, von Tatsachen, die er in seiner Seele durchwandert, handelt es sich.“ (Lit.:GA 62, S. 61ff)

Physikalische Tatsachen

Die klassische Physik beschreibt die Welt als streng determinierte, also lückenlos kausal bestimmte Folge von Tatsachen - oder wie es Ludwig Wittgenstein in seinem berühmten «Tractatus logico-philosophicus» ausgedrückt hat: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.[1]. Die moderne Quantenphysik zeigt demgegenüber auf, dass dem Weltgeschehen ein zwar streng gesetzmäßig bestimmtes, aber letztlich unendliches Feld von Möglichkeiten zugrundeliegt, aus dem sich erst durch den Messvorgang bzw. durch Wechselwirkung einzelne, nicht kausal vorherbestimmte - und in diesem Sinn „zufällige“ - reale Tatsachen herauskristallisieren. Die Welt ist daher ursprünglich reine Potentialität, die erst durch entsprechende schöpferische Akte nach und nach verwirklicht wird, wie es in etwa der von Aristoteles begründeten und in der Scholastik namentlich von Thomas von Aquin weiterentwickelten Lehre von Akt und Potenz entspricht.

Kontrafaktizität

Behauptungen die den Tatsachen widersprechen sind kontrafaktisch (lat. gegen die Fakten). Kontrafaktizität ist ein in der Philosophie und Wissenschaft oft bewusst gebrauchtes Mittel um Hypothesen und Theorien gedanklich zu entwickeln bzw. auf ihren Realitätsgehalt zu überprüfen.

Zitate

"Ich wollte Markus Gabriel immer mal fragen, was eine Tatsache ist... Also, was ist eine Tatsache?" (Joachim Stiller)

Siehe auch

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
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Einzelnachweise

  1. Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus 1