Farbperspektive

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Luftperspektive: Entfernte Objekte erscheinen heller und bläulicher, unschärfer und weniger kontrastreich als nahe Gegenstände.

Farbperspektive nennt man die Erscheinung, dass durch Farben in zweidimensionlen Bildern der Eindruck unterschiedlicher räumlicher Entfernungen erweckt wird. Dieser Effekt ist für die Malkunst und Fotografie bedeutsam.

Bläuliche Farbtöne ziehen den Blick in die Ferne, rötlich-gelbe Farben scheinen auf uns zuzukommen, wie es schon Goethe in seiner Farbenlehre als sinnlich-sittliche Wirkung der Farben beschrieben hat. Zudem werden durch die von ihm beschriebenen Urphänomene der Farbenlehre weiter entfernte dunkle Objekte (z.B. Berge) durch die sonnendurchhellte Luft zu Blautönen aufgehellt, ein Phänomen, das insbesondere bei Tag am Blau des Himmels beobachtet werden kann. In der Naturbetrachtung zeigt sich die Farbperspektive als Luftperspektive, die auch bewirkt, dass entfernte Objekte heller und zugleich kontrastärmer, weniger scharf und weniger detailreich gesehen werden. Die Blaufärbung entfernte Objekte, also die Farbperspektive selbst, wird physikalisch durch die stärkere Streuung des blauen Lichts an den Luftmolekülen erklärt.

Bedeutsam ist vor allem aber auch der geistige Hintergrund der Farbperspektive:

„Dazu brauchen wir aber zunächst künstlerisch die Möglichkeit, mit der Farbe zu leben. Also zum Beispiel, wie ich öfter angedeutet habe und wie Sie es in den betreffenden Vorträgen im «Goetheanum» nachlesen können, braucht man die Möglichkeit, die Fläche als solche zu empfinden, wenn ich die Fläche mit Blau bestreiche, das Sich-Entf ernen nach rückwärts; wenn ich sie mit Rot oder Gelb bestreiche, das Sich- Nähern nach vorwärts. Denn Farbenperspektive, nicht eine Linienperspektive ist dasjenige, was wir uns wieder erobern müssen: Empfindung der Fläche, des Fernen und des Nahen nicht bloß mit der Linienperspektive, die eigentlich immer durch eine Verfälschung das Plastische auf die Fläche zaubern will, sondern das Farbige auf der Fläche sich intensiv, nicht extensiv, fernend und nahend. So daß ich in der Tat gelb-rot male, wenn ich andeuten will, etwas ist aggressiv, etwas ist auf der Fläche, was mir gewissermaßen entgegenspringen will. Ist etwas in sich ruhig, fernt es sich von mir, geht es nach rückwärts, ich male es blau-violett. Intensive Farbenperspektive! Studieren Sie die alten Maler, Sie werden überall finden, es war selbst bei den Malern der frühen Renaissancezeit noch durchaus ein Empfinden für diese Farbenperspektive vorhanden. Sie ist aber überall vorhanden in der Vorrenaissancezeit, denn erst mit dem fünften nachatlantischen Zeitraum ist die Linienperspektive an die Stelle der Farbenperspektive, der intensiven Perspektive getreten.

Damit gewinnt die Malerei aber ihre Beziehung zum Geistigen. Es ist schon merkwürdig, sehen Sie, heute denken die Menschen hauptsächlich nach, wie können wir den Raum noch räumlicher machen, wenn wir über den Raum hinauskommen wollen? Und sie verwenden in dieser materialistischen Weise eine vierte Dimension. Aber so ist diese vierte Dimension gar nicht vorhanden, sondern sie ist so vorhanden, daß sie die dritte vernichtet, wie die Schulden das Vermögen vernichten. Sobald man aus dem dreidimensionalen Raum herauskommt, kommt man nicht in einen vierdimensionalen Raum, oder man kommt meinetwillen in einen vierten dimensionalen Raum, aber der ist zweidimensional, weil die vierte Dimension die dritte vernichtet und nur zwei übrigbleiben als reale, und alles ist, wenn wir uns von den drei Dimensionen des Physischen zum Ätherischen erheben, nach den zwei Dimensionen orientiert. Wir verstehen das Ätherische nur, wenn wir es nach zwei Dimensionen orientiert denken. Sie werden sagen, aber ich gehe doch auch im Ätherischen von hier bis hierher, das heißt nach drei Dimensionen. Nur hat die dritte Dimension für das Ätherische keine Bedeutung, sondern Bedeutung haben nur immer die zwei Dimensionen. Die dritte Dimension drückt sich immer durch das nuancierte Rot, Gelb, Blau, Violett aus, wie ich es auf die Fläche bringe, ganz gleichgültig, ob ich die Fläche hier habe oder hier, da ändert sich im Ätherischen nicht die dritte Dimension, sondern die Farbe ändert sich, und es ist gleichgültig, wo ich die Fläche aufstelle, ich muß nur die Farben entsprechend ändern. Da gewinnt man die Möglichkeit, mit der Farbe zu leben, mit der Farbe in zwei Dimensionen zu leben. Damit aber steigt man auf von den räumlichen Künsten zu den Künsten, die wie die Malerei nun zweidimensional sind, und überwindet das bloße Räumliche. Alles, was in uns selber Gefühl ist, hat keine Beziehung zu den drei Raumdimensionen, nur der Wille hat zu ihnen Beziehung, das Gefühl nicht, das ist immer in zwei Dimensionen beschlossen. Daher finden wir, dasjenige, was gefühlsmäßig in uns ist, [das ist] der Möglichkeit nach wiederzugeben in dem, was die Malerei in zwei Dimensionen darleben kann, wenn wir die zwei Dimensionen wirklich richtig verstehen.“ (Lit.:GA 291, S. 170ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Das Wesen der Farben, GA 291 (1991), ISBN 3-7274-2910-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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