Gundolf Keil

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Gundolf Keil (* 17. Juli 1934 in Wartha-Frankenberg, Landkreis Frankenstein, Provinz Niederschlesien) ist ein deutscher Germanist und Medizinhistoriker. Er lehrte unter anderem von 1972 bis 2003 an der Universität Würzburg.

Leben

Gundolf Keil, Sohn eines kaufmännischen Direktors, besuchte nach der Vertreibung aus Niederschlesien die Grundschule in Rostock, wo er auch das Gymnasium besuchte. Im Oktober 1950 wechselte er nach Zürich und nach dem 1951 erfolgten Umzug in die Bundesrepublik Deutschland ging er zunächst ans Realgymnasium Ettlingen und besuchte dann das Hellenstein-Gymnasium in Heidenheim an der Brenz, wo er im Februar 1954 sein Abitur bestand.[1] Keil studierte Medizin, Germanistik, Volkskunde, Klassische Philologie und Geowissenschaften in Heidelberg, Göttingen und Bonn. Nach dem philologischen Staatsexamen wurde er 1961 bei Gerhard Eis mit dem Thema Die ‚Cirurgia‘ Peters von Ulm zum Dr. phil. promoviert. Seine Assistentenzeit verbrachte er in Göttingen und Bonn bei Gernot Rath und Johannes Steudel. 1968 legte er das medizinische Staatsexamen in Bonn ab und wurde 1969 zum Dr. med. promoviert. Im gleichen Jahr wurde er zum Professor für Germanistik an die Universität Stockholm[2] berufen.

Seine Lehrbefugnis (venia legendi) für das Fachgebiet Geschichte der Medizin[3] erwarb er 1971 in Freiburg bei Eduard Seidler. Im Anschluss übernahm er kommissarisch das Amt des Direktors des Marburger Instituts für Geschichte der Medizin. Nachdem er im Mai 1972[4] auf den Würzburger Lehrstuhl berufen worden war, zog er mit seiner Ehefrau Anne-Marie Keil nach Würzburg, war dann von 1972 bis 2002 ordentlicher Professor an der Universität Würzburg und stand zugleich dem dortigen Institut für Geschichte der Medizin vor, vom Sommersemester 2002 bis zum Wintersemester 2003/4 als kommissarischer Vorstand.[5] Gundolf Keil ist seit 2004 Emeritus. Seine Nachfolge am Lehrstuhl für Geschichte der Medizin an der Universität Würzburg trat 2004 Michael Stolberg an. Keil ist Mitglied der Historischen Kommission für Schlesien.[6]

Wissenschaftliches Wirken

Der wissenschaftliche Schwerpunkt von Keil ist die mittelalterliche und frühneuzeitliche Fachprosaforschung.[7] Er hat zahlreiche Publikationen veröffentlicht unter anderem in den Bereichen Medizingeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Literaturgeschichte und zur Klassischen Philologie. Keil wirkt seit Beginn der 1960er Jahre als „wichtigster Repräsentant“ der von Gerhard Eis in die Medizingeschichte eingebrachten und dort etablierten philologischen Methodik.[8] So war Keil ab 1975 Herausgeber der 1974 begründeten Monographien-Reihe Würzburger medizinhistorische Forschungen (WmF), eine Studien-Reihe des Instituts für Geschichte der Medizin, die es bis 2009 auf 94 Bände brachte. Mitbegründer und Mitherausgeber der WmF war bis zum 1998 erschienenen Band 66 Michael Holler (1932–1996). Ab 1983 war Gundolf Keil Herausgeber der bis 2011 in 30 Bänden erschienenen Würzburger medizinhistorischen Mitteilungen (WmM).[5] Mitbegründer und Mitherausgeber der ersten 17 Bände (1983–1998) dieser Zeitschrift war wiederum Michael Holler.[9][10]

Bis 2005 fanden, organisiert durch das Institut für Geschichte der Medizin Würzburg regelmäßig die Würzburger medizinhistorischen Kolloquien statt, welche in den WmM bis Band 25 dokumentiert sind.[11]

In Weiterführung der Tradition der WmM war Keil ab 2005 zudem (und wie zu vor ehrenamtlicher) Herausgeber von Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen[12] (gegründet vom Würzburger Fachprosakreis; seit 2015: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung[13]). Im Jahr 1993 richtete Keil bei der Universität Würzburg die Wullstein-Forschungsstelle für deutsche Medizinliteratur des Mittelalters ein. Unter Mitwirkung von Franz-Christian Czygan wurde 1999/2000 von Keil die Forschungsgruppe „Klostermedizin“ der Universität Würzburg in Leben gerufen, die nach Keils Ausscheiden 2010 durch Johannes Gottfried Mayer in die außeruniversitäre Forschergruppe Klostermedizin umgewandelt wurde.[14] 2000 wurde er ordentliches Mitglied der Naturwissenschaftlichen Klasse der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt. 2010 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste, Naturwissenschaftliche Klasse berufen.

Keil betreute nach seinen eigenen Angaben mindestens 250 Dissertationen.[15] Im Wintersemester 2012/13 bot er als ordentlich emeritierter Ordinarius an der Universität Würzburg zwei Seminare an.[15]

Affäre um Promotionen

Die Universität Würzburg ging Vorwürfen nach, Keil habe Zahlungen für die Ausgabe von Dissertationen und wesentliche Hilfeleistungen angenommen; die Ständige Kommission fand in ihrem 22-seitigen Abschlussbericht vom 8. Juni 2007 den Verdacht naheliegend, dass „hier Zahlungen zum Vorteil jedenfalls der Medizinhistorischen Gesellschaft als Gegenleistung für die Ausgabe von Dissertationen und für wesentliche Hilfestellungen bei ihrer Erstellung erbracht wurden“.[15]

Der Präsident der Universität Würzburg folgte der Empfehlung, den Vorgang an die Staatsanwaltschaft zu übergeben. Die Vorwürfe der Geldannahme von Provisionsvermittlern konnten in sechs Fällen nachgewiesen werden. Keil wurde wegen Vorteilsannahme zu 90 Tagessätzen verurteilt.[16] Er erhielt 2009 einen Strafbefehl in Höhe von 14.400 Euro, in dem es hieß:[15] „Ihnen war bei Entgegennahme der genannten Geldbeträge bewusst, dass der Zeuge M. Ihnen die Geldbeträge auch vor dem Hintergrund überließ, dass über ihn ein erster Kontakt zu verschiedenen zukünftigen Doktoranden zustande kam (…).“

Eine anonyme Gruppe ehemaliger Institutsangehöriger[17] namens Freunde des Instituts für Geschichte der Medizin sandte im März 2011 ein 40-seitiges Dossier an Presse und Justiz.[15] Zu den Vorwürfen zählte, dass Keil an der Universität Würzburg eine „universitäre Doktorfabrik“ betrieben habe.[18] Die Universität Würzburg leitete eine Überprüfung der von Keil betreuten Dissertationen ein und stellte in Aussicht, Doktorgrade abzuerkennen, wenn sie „wissenschaftliche Mindeststandards“ nicht erfüllten.[19] Im November 2012 wurden in zwei Fällen Doktorgrade entzogen.

Zu den zahlreichen Schriften siehe auch

Siehe auch

Literatur

  • Josef Domes, Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Christoph Weißer, Volker Zimmermann (Hrsg.): Licht der Natur. Medizin in Fachliteratur und Dichtung. Festschrift für Gundolf Keil zum 60. Geburtstag. Kümmerle, Göppingen 1994, ISBN 3-87452-829-4.
  • Konrad Goehl, Johannes Gottfried Mayer (Hrsg.): Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, ISBN 3-8260-1851-6.
  • Dominik Groß, Monika Reininger (Hrsg.): Medizin in Geschichte, Philologie und Ethnologie. Festschrift für Gundolf Keil. Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2176-2, insbesondere S. 5 (Vorwort) und 411–471 (Verzeichnis der Veröffentlichungen von Gundolf Keil, zusammengestellt von Christoph Weißer und Carolin Schmidt)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Werner E. Gerabek: Laudatio anläßlich des 60. Geburtstages von Professor Dr. med. Dr. phil. Gundolf Keil am 17. Juli 1994. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 13, 1995, S. 533–535.
  2. Antrittsvorlesung in: Gundolf Keil, Peter Assion (Hrsg.): Fachprosaforschung. Acht Vorträge zur mittelalterlichen Artesliteratur. Berlin 1974, S. 183–196.
  3. Gundolf Keil: Die urognostische Praxis in vor- und frühsalernitanischer Zeit. Medizinische Habilitationsschrift Freiburg im Breisgau 1970.
  4. Gundolf Keil: Augenblicke. In: Andreas Mettenleiter (Hrsg.): Tempora mutantur et nos? Festschrift für Walter M. Brod zum 95. Geburtstag. Mit Beiträgen von Freunden, Weggefährten und Zeitgenossen. Akamedon, Pfaffenhofen 2007, ISBN 3-940072-01S. 425–427
  5. 5,0 5,1 Dominik Groß, Monika Reiniger: Medizin in Geschichte, Philologie und Ethnologie. Festschrift für Gundolf Keil. Königshausen & Neumann, Würzburg 2003
  6. Mitgliederverzeichnis
  7. Gundolf Keil: Literaturbegriff und Fachprosaforschung. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik. Band 2, 1970, Nr. 1, S. 95–102.
  8. Ullrich Rainer Otte: Jakob Calmann Linderer (1771–1840). Ein Pionier der wissenschaftlichen Zahnmedizin. Medizinische Dissertation, Würzburg 2002.
  9. Gundolf Keil: Vorwort. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 7–11
  10. Gundolf Keil: Vorwort. In: Würzburger Fachprosa-Studien. Beiträge zur mittelalterlichen Medizin-, Pharmazie- und Standesgeschichte aus dem Würzburger medizinhistorischen Institut. Michael Holler zum 60. Geburtstag. Hrsg. von Gundolf Keil und redigiert von Johannes Gottfried Mayer sowie Christian Naser, Königshausen & Neumann, Würzburg 1995 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 38), ISBN 3-8260-1113-9
  11. Gundolf Keil: Vorwort. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 7–11
  12. DWV: Fachprosaforschung - Grenzüberschreitungen
  13. DWV: Medizinhistorische Mitteilungen
  14. Gundolf Keil: Vorwort. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 7–11
  15. 15,0 15,1 15,2 15,3 15,4 Daniel Müller: Promotionen: Würzburger Doktorfabrik. In: Die Zeit. Nr. 47, 15. November 2012.
  16. Olaf Przybilla: Uni Würzburg – eine Doktorfabrik? – Die Angst vor dem Déjà-vu. In: Süddeutsche Zeitung. 31. März 2011.
  17. Armin Geus: Aufhören: Berichte aus den nachgelassenen Papieren eines heiteren Chronisten. (= Nebensachen und Seitenblicke. Heft 13). Basilisken-Presse, Marburg an der Lahn 2014, ISBN 978-3-941365-46-9, S. 24.
  18. Olaf Przybilla: Vorwürfe gegen die Universität Würzburg – Die Doktorfabrik. In: Süddeutsche Zeitung. 1. Juni 2011 (Interview mit Unipräsident Alfred Forchel und dem Dekan der medizinischen Fakultät Matthias Frosch)
  19. Hermann Horstkotte: Entziehung des Doktortitels: Ramschware Dr. med. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 26. Oktober 2011.
Dieser Artikel basiert (teilweise) auf dem Artikel Gundolf Keil aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU Lizenz für freie Dokumentation und der Creative Commons Attribution/Share Alike. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.