Überpsychisches Bewusstsein

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Das überpsychische Bewusstsein (auch Inspiration genannt) vereinigt in sich unser heutiges Gegenstands-Bewusstsein, das psychische Bewusstsein und das Schlaf-Bewusstsein auf höherer Ebene. Natürlicherweise wird der Mensch erst auf der neuen Venus dieses Bewusstsein haben.

Übergang von der Imagination zur Inspiration

Beim Übergang zur Inspiration müssen die in der Imagination erzeugten inneren Bilder wieder weggeschafft werden. Dazu ist eine starke innere Kraft nötig. Bei völliger Wachheit entsteht so zunächst ein Zustand des leeren Bewusstseins. Der Mensch ist nun ganz von seinem Leib befreit, den er durch die Geburt bzw. Empfängnis von seinen Eltern erhalten hat. Dieser Übergang wird als schmerzhafte Entbehrung empfunden. Das Bewusstsein bleibt aber nicht lange leer, indem man nun sein eigenes tieferes seelisch-geistiges Wesen kennenlernt, das man schon vor seinem irdischen Dasein besessen hat.

„Aber das Bewußtsein bleibt dann nicht lange leer. Es füllt sich. So wie sich das gewöhnliche Bewußtsein durch die Augenwahrnehmungen mit Farben füllt, durch das Ohr mit Tönen, so füllt sich nun dieses leere Bewußtsein mit einer geistigen Welt, die ebenso im Umkreise ist wie hier die gewöhnliche physische Welt. Erst das leere Bewußtsein entdeckt die geistige Welt, jene geistige Welt, die weder hier auf der Erde noch im Kosmos im Räume ist, sondern die außer Raum und Zeit ist, die aber doch unsere tiefste menschliche Wesenheit ausmacht. Denn haben wir vorher mit dem verdichteten Bewußtsein des Denkens hinschauen gelernt auf unser ganzes Erdenleben wie auf eine Einheit, jetzt schauen wir mit dem erfüllten, zuerst leeren Bewußtsein hinaus in diejenige Welt, die wir in einem seelisch-geistigen Leben durchgemacht haben, bevor wir ins irdische Dasein heruntergestiegen sind. Wir lernen uns jetzt kennen als ein Wesen, das geistig vorhanden war vor Geburt und Empfängnis, das vor dem Erdendasein in einem vorirdischen Dasein gelebt hat. Wir lernen uns erkennen als ein geistig-seelischer Mensch, der den Leib, den er an sich trägt, von Eltern und Voreltern überliefert erhalten hat, so überliefert erhalten hat, daß er ihn, wie gesagt, alle sieben Jahre auswechseln kann, der aber das, was er seinem eigentlichen Wesen nach ist, sich hereingebracht hat aus dem vorirdischen Dasein. Das lernt man nicht durch Theorien oder durch ein spintisierendes Denken kennen, sondern man kann es nur kennenlernen, wenn man in intellektueller Bescheidenheit eben die entsprechenden Fähigkeiten dazu erst entwickelt.

So lernen wir jetzt die innere menschliche Wesenheit, die eigentliche geistig-seelische Wesenheit kennen. Sie tritt uns entgegen, wenn wir in die Region des Gefühls nicht nur fühlend, sondern auch erkennend hinuntersteigen. Da müssen wir aber erst merken, daß Erkenntnis-Erringen verbunden ist mit starken inneren Erlebnissen, die ich in folgender Weise schildern kann. Wenn Sie irgendein Glied Ihres physischen Organismus unterbunden haben, es nicht bewegen können, wenn Ihnen jemand vielleicht nur zwei Finger zusammenbindet, so spüren Sie es als unangenehm, vielleicht als schmerzhaft. Jetzt sind Sie in einem Zustande, wo Sie im Geistig-Seelischen erfahren ohne den Leib. Jetzt haben Sie den ganzen physischen Menschen nicht an sich, denn jetzt leben Sie in einem leeren Bewußtsein. Der Übergang dazu ist mit einem tiefen Schmerzgefühl verbunden. Über die Erfahrung des Schmerzes, der Entbehrung hinüber, erringt man sich den Eingang in das, was unser tiefstes geistig-seelisches Wesen ist. Davor schrecken viele Menschen zurück. Aber es ist eben nicht anders möglich, sich über das wirkliche menschliche Wesen aufzuklären, als auf diese Art.“ (Lit.:GA 319, S. 152f)

Inspiration und okkulte Schrift

Durch das inspirierte Bewusstsein beginnt die geistige Welt zum Menschen wesenhaft zu sprechen. Die Imaginationen beginnen sich dadurch erst sinnvoll selbst zu erklären und erst dadurch ist eine sichere und klare geistige Erkenntnis möglich. Durch die Inspiration verbinden wir uns bewusst mit allem, was innerhalb unseres Sonnensystems geistig vorgeht; die Sphärenharmonie wird vernehmbar.

Durch geistige Schulung kann das inspirierte Bewusstsein schon heute in gewissem Sinn vorausgenommen werden; es muss dazu die Verstandes- oder Gemütsseele zur Inspirationsseele umgebildet werden. Die Inspiration, als dritte zu erreichende Stufe des Rosenkreuzer-Schulungswegs, wird auch bezeichnet als das Lesen der okkulten Schrift:

„Die dritte Stufe ist das Lesen der okkulten Schrift, das heißt, nicht nur einzelne Bilder sehen, sondern das Verhältnis dieser verschiedenen Bilder auf sich wirken lassen. Das wird zu dem, was man okkulte Schrift nennt. Man beginnt die Kraftlinien, die schöpferisch durch die Welt gehen, durch die Imagination zu gewissen Figuren und Farbengestaltungen zu ordnen. Man lernt einen inneren Zusammenhang, der in jenen Figuren ausgedrückt ist, empfinden: das wirkt als der geistige Ton, als die Sphärenharmonie, denn jene Figuren sind den wahren Weltverhältnissen nachgebildet. Unsere Schrift ist ein letzter dekadenter Rest dieser alten okkulten Schrift und ihr nachgebildet.“ (Lit.:GA 99, S. 162)

Einen schwachen Abdruck dieser kosmischen Inspirationen haben wir schon heute in unserem Gefühlsleben. Gefühle sind zurückgeworfene Spiegelbilder der Inspirationen, die uns aus dem Kosmos zuströmen. (Lit.:GA 157, S. 298ff)

Inspiration und Atmungstätigkeit

Die Inspiration (von lat.: inspiratio „das Einhauchen, Einatmen“) hängt eng mit der Atmung zusammen, die bereits auf der alten Sonne veranlagt wurde, die ja eine reine Wärme-, Luft- und Licht-Welt war.

„Die Inspiration als solche handelt von denjenigen inneren Tatsachen in der Menschennatur, die Erbgut von der alten Sonnenentwickelung sind, die zusammenhängen mit alledem, was den Menschen geeignet macht, in der Welt dasjenige zu leisten, was vom Himmel ist, was richtig vom Himmel ist. Dazu aber muß der Mensch nicht nur auf dasjenige reflektieren, was im einzelnen Leben erarbeitet werden kann innerhalb derjenigen Seelenarbeit, die da vorhanden ist zwischen Geburt und Tod; sondern der Mensch muß reflektieren auf dasjenige, was in den verborgenen Untergründen seiner Seele so ist, daß die göttlichen Welten hereinarbeiten in seine Organisation [...] Denken Sie, daß während der alten Sonnenzeit der Mensch nur aus Wärme und Luft bestand. In dem, was am Menschen arbeitet an Wärme und Luft, liegt als Erbgut aus der alten Sonnenzeit dasjenige, was des Menschen Gehirn so zubereiten kann, daß es ein Maler-, daß es ein Dichtergehirn sein kann.

Daraus sehen Sie aber, wie wir durch diese Betrachtung dessen, was im Menschen angeschaut wird und das von dem Mikrokosmos heraus in den Makrokosmos geht, sagen müssen: Der Mensch ist durch das, was altes Sonnenerbgut ist, eins mit seiner Umgebung; denn Luft und Wärme ist ebenso draußen wie drinnen. Ich habe oftmals darauf aufmerksam gemacht: Die Luftmenge, die ich jetzt in mir habe, ist im nächsten Augenblick außer mir; das geht immer aus und ein, Ausatmen, Einatmen. Die Luft hat meine Gestalt, und in dem Augenblicke, wo ich die Luft ausatme, ist es ja dieselbe Luft; sie ist dann nur draußen, außerhalb des Menschen. Aber so wahr, als meine Knochen ich selbst sind, so wahr ist von dem Moment des Einatmens bis zu dem Moment des Ausatmens die Luftgestalt dasjenige, was zu meinem eigenen Wesen gehört. So wahr die Knochen von meiner Geburt bis zu meinem Tode zu mir gehören, so gehört der Luftstrom von dem Moment, wo er eingeatmet wird, bis zu dem Moment, wo er ausgeatmet wird, zu mir. Er ist ebenso Ich, wie meine Knochen Ich sind, nur dauert das Ich-Sein jenes Luftstromes nur von einer Einatmung bis zur Ausatmung, und das Ich-Sein meiner Knochen annähernd von der Geburt bis zum Tode. Nur der Zeit nach sind diese Dinge verschieden, der Luftmensch stirbt bei der Ausatmung und er wird geboren bei der Einatmung. Und so wahr, als unsere Knochen geboren werden vor unserer physischen Geburt und allmählich langsam zugrundegehen, so wahr wird etwas in uns geboren, wenn wir einatmen, so wahr stirbt etwas in uns, wenn wir ausatmen. Dasjenige, was in uns geboren wird, wenn wir einatmen, das stirbt, wenn wir ausatmen; das gehört selber zum Erbgut von der alten Sonne her, das wurde dazumal veranlagt [...]

Ich habe Ihnen heute von Inspiration gesprochen; ich habe Ihnen gezeigt, wie die Inspiration zurückfuhrt auf das alte Sonnengut des Menschen. Auf der Sonne aber war der Mensch bis zum Atmen gekommen. Das heißt, dasjenige, was jetzt Atmung ist, und was im Luftelement lebt, war dazumal veranlagt. Also muß eine Beziehung sein zwischen dem Atmen des Menschen und der Inspiration. Sie brauchen ja nur sich zu überlegen, was das Wort Inspiration eigentlich ursprünglich bedeutet. In diesem Wort ist die innige Verwandtschaft des Atems mit der «Inspiration» schon ausgedrückt, denn es ist im Grunde genommen das Wort für Einatmen. Diejenigen, die die Geister leugnen wollen, die brauchten nur auf die Sprachentwickelung zu sehen. Wir haben das auch schon von anderer Seite angedeutet: man würde die Sprachgeister schon finden, aber auch finden, wie diese Sprachgeister in der menschlichen Natur wirken! Dann werden wir finden, wie wir eingebettet sind in die geistigen Welten, wie die Geister mit uns arbeiten, wie bei allem, was wir tun im Leben, die Geister mitarbeiten. Und wir werden uns in realer Weise fühlen: unser Selbst zum großen Selbst der Welt erweitert. Empfindung wird werden, was Theorie ist. Und das ist der Weg, um wirklich in die geistigen Welten hineinzukommen.“ (Lit.:GA 164, S. 82ff)

Mit der Atmungstätigkeit eng verbunden ist das Gefühlsleben, das wir im Alltagsleben aber nur traumhaft unklar erleben. Erst wenn es, ohne seine ganze Fülle dabei zu zerstören, in die Klarheit und Wachheit des Gedankenlebens heraufgehoben wird, kann daraus die Inspiration entstehen.

„Unser Gefühlsleben erscheint uns ja schon, wenn wir das seelische Erleben betrachten, als etwas mehr oder weniger ineinander Verschwimmendes. Wir haben von unseren Vorstellungen scharfe Konturen. Wir haben auch von den Assoziationen der Vorstellungen wiederum deutliche Begriffe. Aber wir haben nicht in derselben Weise scharfe Konturen der Einzelheiten unseres Gefühlslebens. Das regt sich und lebt sich ineinander. Und man wird niemals einen Herbartianer finden, der dasjenige, was er als Abbild für das Gefühlsleben schafft, in einer ähnlichen Zeichnung wird charakterisieren wollen, wie etwa der Anatom oder der Physiologe das Lungensystem oder das Herz-Blutsystem aufzeichnet. Da findet man schon, daß zwischen demjenigen, was innerlich seelisch ist, und demjenigen, was äußerlich ist, ein solcher Bezug nicht da ist. Daher kann man sich aber auch nicht diesen Zusammenhang des seelischen Gefühlslebens mit dem rhythmischen System durch die Erkenntnis der Imagination vor die Seele führen. Dazu ist notwendig dasjenige, was ich in meinen Schriften charakterisiert habe als die Erkenntnis der Inspiration. Dieser besonderen Erkenntnisart der Inspiration ergibt sich, daß das Gefühlsleben des Menschen einen unmittelbaren Bezug zu dem rhythmischen System hat, daß ebenso wie das Nerven-Sinnessystem dem Vorstellungsleben zugeeignet ist, das rhythmische System dem Gefühlsleben des Menschen zugeeignet ist. Aber - gewissermaßen vergleichsweise gesprochen - der Wachsabdruck des Gefühlslebens ist das rhythmische System nicht so, wie das Gehirnsystem der Wachsabdruck des Vorstellungslebens ist. Daher können wir nicht sagen, in unserem rhythmischen System sei ein imaginatives Abbild gegeben des Gefühlslebens. Dagegen müssen wir sagen, dasjenige, was sich in uns als rhythmisches System ausbildet, was in uns als rhythmisches System lebt, das ist - nun ganz abgesehen von jeder menschlichen Erkenntnis - durch Weltinspiration entstanden. Es ist inspiriert in uns. Die Tätigkeit, die in der Atmung, die in der Blutzirkulation ausgeübt wird, ist ja nicht nur etwas, was in uns lebt innerhalb unserer Haut, sie ist ein Weltgeschehen, wie das Blitzen und Donnern ein Weltgeschehen ist. Wir hängen ja auch durch unser rhythmisches System zusammen mit der Außenwelt. Die Luft, die jetzt in mir ist, sie war vorher draußen; die Luft, die jetzt in mir ist, sie wird nachher draußen sein. Es ist ein Wahn, zu glauben, daß der Mensch nur innerhalb seiner Haut lebt. Er lebt als ein Glied derjenigen Welt, die um ihn ist. Und aus dieser Welt herein inspiriert ist die Gestalt seines rhythmischen Systems, das in engster Beziehung zu seinen Bewegungen steht.“ (Lit.:GA 204, S. 41f)

„Was in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» Inspirationen genannt wird, das ist nur das zur Helligkeit, zum Vollbewußtsein heraufgehobene Erleben desjenigen, was bei jedem Menschen unten im Gefühlsleben unbewußt an Inspirationen vorhanden ist. Und wenn besonders veranlagte Leute von ihren Inspirationen sprechen, so sprechen sie eigentlich von dem, was die Welt in ihr Gefühlsleben hineingelegt hat und durch ihre Anlagen heraufkommen läßt in ihr volles Wachbewußtsein. Es ist das ebenso Weltinhalt, wie der Gedankeninhalt Weltinhalt ist. Aber in dem Leben zwischen Geburt und Tod spiegeln diese unbewußten Inspirationen solche Weltenvorgänge, die wir nur träumend erleben können; sonst würde unser Ich in diesen Vorgängen sich verbrennen oder es würde ersticken, namentlich ersticken. Dieses Ersticken beginnt auch manchmal beim Menschen in abnormen Zuständen. Denken Sie nur einmal, Sie haben Alpdruck. Dann will ein Zustand, der sich abspielt zwischen Ihnen und der äußeren Luft, wenn bei einem Menschen in diesem Wechselverhältnis nicht alles in Ordnung ist, in abnormer Weise übergehen in etwas anderes. Indem das übergehen will in Ihr Ich-Bewußtsein, wird es Ihnen nicht als eine normale Vorstellung bewußt, sondern als eine Sie quälende Vorstellung: als der Alpdruck. Und so qualvoll wie das abnorme Atmen im Alpdruck, so qualvoll wäre das gesamte Atmen, wäre jeder Atemzug, wenn der Mensch das Atmen vollbewußt erleben würde. Er würde es fühlend erleben, aber qualvoll wäre es für ihn. Es wird daher abgestumpft, und so wird es nicht als physischer Vorgang, sondern nur in dem träumerischen Gefühl erlebt.“ (Lit.:GA 293, S. 100f)

Um zur voll bewussten Inspiration zu kommen, muss die Verstandes- und Gemütsseele durch geistige Schulung zur Inspirationsseele verwandelt werden. Dabei muss das Eigendenken, aber auch das rein egoistisch auf sich selbst bezogene Fühlen überwunden werden. Nur so kann sich das Weltendenken und das Weltenfühlen bewusst in der Seele offenbaren.

„Dann wissen wir ja aus den Darstellungen der vergangenen Tage, daß sich verwandeln muß auch das Denken selber, welches vorzugsweise ausgebildet wird in der Verstandes- oder Gemütsseele. Wir haben ja gehört, wie das Denken immer mehr und mehr verzichten muß, eigene Gedanken zu entwickeln, wie die menschliche Persönlichkeit immer mehr und mehr das Selbstdenken unterdrücken muß. Wenn es dem Menschen gelingt, das, was er in seinem gewöhnlichen Leben aus seiner Verstandes- oder Gemütsseele gemacht hat, zu unterdrücken, dann geht an den Platz dessen, was als gewöhnliches Denken, als Verständigkeit und auch als gewöhnliches Gemütsleben für den physischen Plan in dem Menschen lebt, die Inspiration, da verwandelt sich die Verstandes- oder Gemütsseele in die Inspirations- oder inspirierte Seele. Die inspirierten Werke der Kultur sind in die verwandelte Verstandesseele herein inspiriert worden.“ (Lit.:GA 145, S. 177)

Sprachkraft, Inspiration und Weltenwort

Wenn es gelingt, die sprachbildende Kraft im Geistig-Seelischen abzufangen, bevor sie die physischen Sprachorgane ergreift, so werden dadurch die Seelenorgane ausgebildet, durch die der Mensch die Inspiration erleben kann. In letzter Konsequenz führt das zur Wahrnehmung des Weltenwortes, des Logos, des geistigen Christus.

„Wenn wir sprechen, greifen geistig-seelische Kräfte in das sogenannte Brocasche Organ, das sich in der dritten Gehirnwindung befindet, und dann in den Kehlkopf ein. Wenn wir diese Kraft, die auf das Brocasche Organ einwirkt, gleichsam herausziehen aus dem Sprechen, wenn wir uns ihrer bewußt werden, ohne daß wir sie zum Sprechen verwenden, dann haben wir sie in ihrem Geistig-Seelischen erfaßt. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie meditieren so, daß Sie sich in die Kräfte Ihrer Seele versetzen, die sonst im Sprechen zum Ausdruck kommen, ohne zu sprechen, Sie bleiben stumm. Wenn man so das Seelische gleichsam aufhält in seinem Inneren, bevor es in das Körperliche eingreift, so hat man eine Kraft in sich erfaßt, die zu der sogenannten Inspiration führt, zu dem geistigen Hören. Darauf beruht der okkulte Ausspruch von der sogenannten «schweigenden Erkenntnis». Ein solches Schweigen ist da gemeint, bei welchem man die Kräfte, die sonst in den Kehlkopf fließen, innerlich verwendet. Da dringen diese in das Seelische hinein und machen die Seele innerlich regsam. So dringt man ein in die Welt der Inspiration...

Wenn nun im Menschen wie naturgemäß die Kraft wirkt, die er sonst im Sprechen gebraucht, dann setzt ihn diese Kraft instand, ein Geistiges wahrzunehmen, was einer Inspiration entspricht. Das ist etwas anderes, als wenn man die Bilder wahrnimmt in der imaginativen Erkenntnis mit dem Auge des wahren Sehers. Diese Kraft, die in unseren moralischen Ideen wirkt, läßt uns die gute Seite der luziferischen Wesen erkennen. Wenn wir wahrnehmen können mit dieser Kraft, die sonst zum Sprechen verwendet wird, dann treten wir in die Sphäre ein, für die, ohne alles religiöse Vorurteil, das Johannes-Evangelium uns das richtige Verständnis gibt, indem es sagt: «Im Urbeginne war das Wort.» — Dieses «Wort» vernimmt man, wenn man das eigene Wort, die eigene Leiblichkeit so abdämpfen kann, daß man die Kraft, die sonst durch den Kehlkopf spricht, vor dem Kehlkopf aufhalten kann und sie dadurch frei wird.

Was war also das Hindernis, das machte, daß die Menschen nicht von Anfang an das Weltenwort wahrgenommen haben? Das war, daß sie sprechen lernen mußten! Aber bei der Weiterentwickelung wird in der Tat aus der Sprache etwas sehr Merkwürdiges werden. Die Sprache hat sich im Laufe der Menschheitsentwickelung doch sehr verändert. Wenn man zu ursprünglichen Sprachstufen zurückgeht, da waren die Menschen noch unmittelbar verknüpft mit der Sprache. Sogar heute noch findet man auf dem Lande, daß der Mensch dort viel mehr in ihr lebt und webt, mit ihr verwachsen ist. Er fühlt noch, wenn er ein Wort ausspricht, daß darin etwas liegt wie eine Nachbildung dessen, was er um sich herum sieht. Je weiter die Menschheitsentwickelung vorschreitet, um so abstrakter wird das Wort, es wird nur zum Zeichen dessen, was es ausdrücken soll. Die Sprache wird immer unorganischer, immer arabeskenartiger, immer fremder dem Menschen. Woher kommt das? In diesem Fremdwerden der Sprache von der inneren Bedeutung der Worte werden bloßgelegt diejenigen Kräfte, die früher dazu verwendet wurden, die Sprache auszubilden. Das hängt wiederum damit zusammen, daß bald eine geistige Wahrnehmung kommen wird von dem Christus-Wesen, eben weil der Mensch die sprachbildende Kraft frei bekommt. In älteren Zeiten war die Sprache eng verwachsen mit dem menschlichen Organismus, jetzt beginnt sie sich von diesem zu emanzipieren. Dadurch wird die sprachbildende Kraft frei und wird verwendet werden für das Wahrnehmen des Weltenwortes, des geistigen Christus.“ (Lit.:GA 150, S. 95ff)

Inspiration und innere Organe

„Die Inspiration erlebt man, indem man innerlich mit seinen eigenen Organen miterlebt. Man muß nur ja nicht da, wo es sich um Inspirationen handelt, den Satz vergessen: «naturalia non sunt turpia.[1]» Denn unter Umständen werden die wunderbarsten Inspirationen mit den Nieren erlebt oder mit andern niederen Organen.“ (Lit.:GA 316, S. 114)

In der Inspiration wirken die selben Kräfte, die vom siebten bis zum vierzehnten Lebensjahr, d.h. vom Zahnwechsel bis zur Pubertät, im menschlichen Organismus tätig sind:

„Die Kräfte wiederum, die vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre, bis zur Geschlechtsreife tätig sind und dann schlafen gehen, drunten in der Menschennatur ruhen, die werden heraufgeholt und bilden die Kraft der Inspiration.“ (Lit.:GA 191, S. 32f)

Literatur

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Einzelnachweise

  1. lat. „Natürliches ist keine Schande.“