Körperschema

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Als Körperschema (von griech. σχήμα schéma „Form, Gestalt, Körperstellung bzw. -haltung, Gebärde, Miene, Beschaffenheit, Lage, ...“) wird das Bewusstsein für den eigenen Körper hinsichtlich seiner Ausdehnung, Begrenzung und Lage im Raum bezeichnet. Erstmalig sprach Psychiater und Neurologe Arnold Pick] (1851-1914) in seinen 1908 erschienen „Studien zur Gehirnpathologie und Psychologie“ diesbezüglich von einer „Orientierung am eigenen Körper“. Zuvor schon hatte der französische Mediziner Pierre Bonnier (1861-1918) bestimmte zönästhetische Störungen als „Aschématie“ bezeichnet. 1920 führte der englische Neurologe Sir Henry Head (1861-1940) für den hintergründigen Standard, relativ zu dem die eigene Köperbewegung erlebt wird, den Begriff „Schema“ ein.

„Für diese kombinierte Norm, gegen die alle nachfolgenden Änderungen der Haltung gemessen werden, bevor sie in das Bewusstsein gelangen, schlagen wir das Wort „Schema“ vor. Durch permanente Positionsveränderungen sind wir immer in der Lage, ein Haltungsmodell von uns selbst aufzubauen, das sich ständig verändert. Jede neue Bewegungshaltung wird in diesem plastischen Schema aufgezeichnet und die Aktivität des Kortex bringt jede neue Gruppe von Empfindungen, die durch eine veränderte Haltung hervorgerufen werden, in Beziehung zu diesem. Eine sofortige Haltungserkennung erfolgt, sobald diese Beziehung vollständig ist.“ (Lit.: Head, S. 605f.[1])

Grundlage

Die Basis dieses überwiegend unterschwelligen Bewusstseins ist teilweise schon vor Geburt vorhanden, was für eine genetische Veranlagung seiner grundlegenden Elemente spricht. Ein zusätzliches Indiz dafür ist, dass auch Kinder, die mit verkümmerten oder fehlenden Gliedmaßen geboren werden, ein vollständiges Körperschema ausbilden können.[2] Die weitere Ausbildung des Körperschemas bedarf der aktiv handelnden Interaktion mit der Umwelt. Ganz ausgereift ist es erst nach der Pubertät, wenn das Körper- und Gliedmaßenwachstum abgeschlossen ist und der Bewegungsapparat willentlich voll ergriffen wird.

Das Körperschema umfasst zwei unterschiedliche Komponenten, nämlich die nur sehr dumpfe Wahrnehmung einerseits und die deutlich bewusstere Vorstellung des eigenen Körpers andererseits, die aber beim gesunden Menschen weitestgehend aufeinander abgestimmt sind. Häufig wurde deshalb auch zwischen einem unbewussten »Körperschema« und einem bewussten »Körperbild« unterschieden.

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers stützt sich vor allem auf die inneren Sinne. Bedeutsam ist dabei namentlich der Lebens- oder Schmerzsinn, der ein allgemeines dumpfes Körpergefühl und damit zugleich ein grundlegendes Ich-Gefühl vermittelt.

„Der Mensch bemerkt das Dasein dieses Sinnes eigentlich nur dann recht, wenn durch ihn etwas wahrgenommen wird, was in der Leiblichkeit die Ordnung durchbricht. Der Mensch fühlt Mattigkeit, Ermüdung in sich. Er hört nicht die Ermüdung, die Mattigkeit; er riecht sie nicht; aber er nimmt sie in demselben Sinne wahr, wie er einen Geruch, einen Ton wahrnimmt. Solche Wahrnehmung, die sich auf die eigene Leiblichkeit bezieht, soll dem Lebenssinn zugeschrieben werden. Sie ist im Grunde beim wachenden Menschen immer vorhanden, wenn sie auch nur bei einer Störung recht bemerkbar wird. Durch sie empfindet sich der Mensch als ein den Raum erfüllendes, leibliches Selbst.“ (Lit.:GA 45, S. 22f)

Der Tastsinn vermittelt darüber hinaus ein Gefühl für die Begrenzung des Körpers. Die einfache taktile Wahrnehmung, bei der wir nur passiv spüren, dass wir berührt werden[3], und noch mehr die aktive und wesentlich komplexere haptische Wahrnehmung, mittels der wir die Gegenstände der Außenwelt gezielt durch tastendes „Begreifen“ erforschen, ist ganz entscheidend für die eigene Ich-Wahrnehmung.

„Wodurch erleben wir während des Tagwachens das Ich-Bewußtsein? Machen Sie sich klar, wie eigentlich doch dieses Ich-Bewußtsein zusammenhängt mit allen äußeren Wahrnehmungen und allem äußeren Erleben. Wenn wir mit der Hand so durch die Luft fahren, verspüren wir nichts. Im Augenblick, wo wir aufstoßen, verspüren wir etwas. Aber wir verspüren eigentlich das eigene Erlebnis, verspüren dasjenige, was wir durch unsere Finger erleben. Im Stoßen an die Außenwelt werden wir unser Ich gewahr. Und in anderem Sinn werden wir beim Aufwachen eigentlich dadurch unser Ich gewahr, daß wir aus dem Schlafbewußtsein heraus untertauchen in unseren physischen Leib, zusammenstoßen mit unserem physischen Leib. In diesem Zusammenstoßen mit dem physischen Leib wird das Ich-Bewußtsein eigentlich vor die Seele gerufen.“ (Lit.:GA 174a, S. 86)

Auch in den Neurowissenschaften wurde mittlerweile erkannt, welche Bedeutung die Wahrnehmung der Körpergrenze für das Selbsterleben hat. Dabei spielt der Eigenbewegungssinn eine wesentliche Rolle:

„Dies setzt zunächst einmal voraus, dass Individuen einen unmittelbaren Bezug zu ihrem eigenen Körper haben, ein sogenanntes »Kernselbst«, das ihnen eine ganz basale Abgrenzung ihres Körpers gegenüber der Außenwelt erlaubt. Tatsächlich wird diese Annahme durch die Forschung bestätigt; Siegler sieht sogar »zwingende Belege dafür, dass Säuglinge schon in den ersten Lebensmonaten eine rudimentäre Vorstellung vom Selbst besitzen«.[4] Dieses Kernselbst ergibt sich aus der direkten Interaktion des Kindes mit der Umwelt. Entscheidend ist dabei zum einen die Erfahrung, etwas bewirken zu können,[5] zum anderen die körperlichen Empfindungen, die mit eigenen Handlungen einhergehen, zum Beispiel die Anspannung meiner Muskeln, die Reibung von Kleidern auf der Hautoberfläche, der Widerstand von Objekten, die im Wege stehen und so fort.“ (Lit.: Pauen, S. 148)

Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio sieht in dem leiblich empfundenen Selbst, das er als „Protoselbst“ bezeichnet, die Grundlage des Selbstbewusstseins, ja des Bewusstseins überhaupt. Diese primäre Selbstempfindung spiegelt sich durch entsprechende Akivitäten im oberen Hirnstamm wider. Dann entwickelt sich „das von Handlungen getriebene Kern-Selbst und schließlich das autobiografische Selbst, das auch soziale und spirituelle Dimensionen einschließt[6]. Das „Kern-Selbst“ stützt sich offenbar hauptsächlich auf den Eigenbewegungssinn. Auch der Gleichgewichtssinn ist bedeutsam. Zusammen geben sie ein Bewusstsein für die Lage und Bewegung des Körpers im Raum.

Tastsinn, Lebenssinn, Bewegungssinn und Gleichgewichtssinn sind ausgesprochene Willenssinne. Sie sind auf das Körperinnere bzw. auf die Grenze des Körpers gerichtet, dessen Zustand sie aber ganz objektiv wahrnehmen. Sie geben daher ein starkes Gefühl für die Realität des eigenen Körpers. Im Gegensatz dazu haben die auf die Umwelt gerichteten äußeren Sinne einen wesentlich subjektiveren Charakter.

„Wenn wir nun zu den nächsten vier Sinnen kommen, zu dem Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, Lebenssinn und Tastsinn, so kommen wir zu ausgesprochen inneren Sinnen. Wir haben es da zunächst mit ausgesprochen inneren Sinnen zu tun. Denn das, was uns der Gleichgewichtssinn übermittelt, ist unser eigenes Gleichgewicht, was uns der Bewegungssinn übermittelt, ist der Zustand der Bewegung, in dem wir sind. Unser Lebenszustand ist dieses allgemeine Wahrnehmen, wie unsere Organe funktionieren, ob sie unserem Leben förderlich sind oder abträglich sind und so weiter. Beim Tastsinn könnte es täuschen; dennoch aber, wenn Sie irgend etwas betasten, so ist das, was Sie da als Erlebnis haben, ein inneres Erlebnis. Sie fühlen gewissermaßen nicht die Kreide, sondern Sie fühlen die zurückgedrängte Haut, wenn ich mich grob ausdrücken darf; der Vorgang ist natürlich viel feiner zu charakterisieren. Es ist die Reaktion Ihres eigenen Inneren auf einen äußeren Vorgang, der da im Erlebnis vorliegt, der in keinem andern Sinneserlebnis in derselben Weise vorliegt wie im Tasterlebnis.

Nun aber wird allerdings diese letztere Gruppe der Sinne durch etwas anderes modifiziert. Da müssen Sie sich erinnern an etwas, das ich vor einigen Wochen hier gesagt habe. Nehmen Sie den Menschen in bezug auf das, was durch diese letzten vier Sinne wahrgenommen wird; es sind, trotzdem wir die Dinge wahrnehmen - unsere eigene Bewegung, unser eigenes Gleichgewicht - , es sind, trotzdem wir das, was wir wahrnehmen, auf entschieden subjektive Weise nach innen hin wahrnehmen, dennoch aber Vorgänge, die ganz objektiv sind. Das ist das Interessante an der Sache. Wir nehmen diese Dinge nach innen hin wahr, aber was wir da wahrnehmen, sind ganz objektive Dinge, denn es ist im Grunde genommen physikalisch gleichgültig, ob, sagen wir, ein Holzklotz sich bewegt oder ein Mensch, ob ein Holzklotz im Gleichgewicht ist oder ein Mensch. Für die äußere physische Welt in ihrer Bewegung ist der sich bewegende Mensch ganz genau ebenso zu betrachten wie ein Holzklotz; ebenso mit Bezug auf das Gleichgewicht. Und wenn Sie den Lebenssinn nehmen, so ist es zunächst allerdings nicht in bezug auf die äußere Welt - scheinbar allerdings nur - , aber es ist so, daß das, was unser Lebenssinn übermittelt, ganz objektive Vorgänge sind. Stellen Sie sich vor einen Vorgang in einer Retorte: er verläuft nach gewissen Gesetzen, kann objektiv beschrieben werden. Das, was der Lebenssinn wahrnimmt, ist ein solcher Vorgang, der nach innen gelegen ist. Ist er in Ordnung, dieser Vorgang, ganz als objektiver Vorgang, so übermittelt Ihnen dieses der Lebenssinn, oder ist er nicht in Ordnung, so überliefert Ihnen der Lebenssinn auch das. Wenn auch der Vorgang in Ihrer Haut eingeschlossen ist, der Lebenssinn übermittelt es. Ein objektiver Vorgang ist schließlich gar nichts, was zunächst mit dem Inhalt Ihres Seelenlebens einen besonderen Zusammenhang hat. Und ebenso beim Tastsinn; es ist immer eine Veränderung in der ganzen organischen Struktur, wenn wir wirklich tasten. Unsere Reaktion ist eine organische Veränderung in unserem Inneren. Wir haben also durchaus in dem, was wir mit diesen vier Sinnen gegeben haben, eigentlich ein Objektives gegeben, ein solches, was uns als Menschen so in die Welt hineinstellt, wie wir im Grunde genommen als objektive Wesen sind, die auch in der Sinneswelt äußerlich gesehen werden können. So daß wir sagen können, es sind ausgesprochen innere Sinne, aber dasjenige, was wir durch sie wahrnehmen, ist an uns genauso wie das, was wir äußerlich in der Welt wahrnehmen. Ob wir schließlich einen Holzklotz in Bewegung setzen, oder ob der Mensch in äußerer Bewegung ist, darauf kommt es nicht an für den physikalischen Fortgang der Ereignisse. Der Bewegungssinn ist nur da, damit das, was in der Außenwelt geschieht, auch zu unserem subjektiven Bewußtsein kommt, wahrgenommen wird.

Sie sehen also, richtig subjektiv sind gerade die ausgesprochen äußeren Sinne. Die müssen dasjenige, was durch sie wahrgenommen wird, im ausgesprochenen Sinne in unsere Menschlichkeit hereinbefördern. Ich möchte sagen, ein Hin- und Herpendeln zwischen Außen- und Innenwelt stellt die mittlere Gruppe der Sinne dar, und ein ausgesprochenes Miterleben von etwas, was wir sind, indem wir der Welt angehören, nicht uns, ist uns durch die letzte Gruppe der Sinne übermittelt.“ (Lit.:GA 206, S. 15ff)

Dysmorphophobie

Eine wahnhafte oder nichtwahnhafte, hypochondrische Körperschemastörung bzw. Körperbildstörung oder Missgestaltsfurcht wird klinisch als Dysmorphophobie oder Körperdysmorphe Störung (von griech. δύς- dys „miss-, schlecht“, μορφή morphéForm“ und φόβος phóbosFurcht, Schrecken“) bezeichnet. Der Begriff wurde 1886 von dem Turiner Neurologen Enrico Morselli (1852–1929) geprägt, der dafür drei typische Symptome beschrieb: die (wahnhafte) Überzeugung, einen körperlichen Defekt zu haben, die (übertriebene) Scham vor Mitmenschen und eine sexuelle Hemmung. Auch die Magersucht fällt in diesen Bereich. Vorwiegend bei Männern kann auch eine Muskeldysmorphie, also die Furcht vor unzureichend ausgebildeten Muskeln, auftreten. Sie wird auch Muskelsucht oder Adonis-Komplex genannt.

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Einzelnachweise

  1. „For this combined standard, against which all subsequent changes of posture are measured before they enter consciousness, we propose the word "schema". By means of perpetual alterations in position we are always building up a postural model of ourselves which constantly changes. Every new posture of movement is recorded on this plastic schema, and the activity of the cortex brings every fresh group of sensations evoked by altered posture into relation with it. Immediate postural recognition follows as soon as the relation is complete.“ (Henry Head: Studies in Neurology, Vol. II, p. 605-606)
  2. vgl. den Artikel „Körperschema“ im Lexikon der Neurowissenschaft, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2000
  3. E. H. Weber: Die Lehre vom Tastsinne und Gemeingefühle auf Versuche gegründet, Friedrich Vieweg und Sohn 1851
  4. Siegler et al., S. 603
  5. ebd. S. 277ff.
  6. Damasio, S. 17