Karmontag

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James Tissot: Der verfluchte Feigenbaum (zwischen 1886 und 1894)

Der Karmontag (eng. Holy Monday) ist der zweite Tag der Karwoche bzw. der Heiligen Woche, die auch den Ostersonntag als Oktav des Palmsonntags mit einschließt.

Am Karmontag erfolgte nach den Berichten des Matthäus- (Mt 21,18-22 EU) und des Markusevangeliums (Mk 11,12-21 EU) durch den Christus in Bethphage (altgriech. Βηθφαγή; aramäisch בית פגי „Haus der (unreifen) Feigen“) die Verfluchung des Feigenbaums, der nach Rudolf Steiner ein Symbol für das alte atavistische Hellsehen ist, das nun verschwinden sollte.

„Haben wir, von Jerusalem kommend, den Gipfel des Olbergs überquert und schreiten wir langsam auf der anderen Seite wieder talwärts, wo uns aus den Tiefen der Wüste Juda der unterirdische Zauberspiegel des Toten Meeres entgegengleißt, so kommen wir auf halbem Wege zwischen Olberg und Bethanien an einen Ort, der in hohe Mauern eingefaßt ist. Schwarze Zypressen ragen über die Mauern hinaus und weisen wie ernste feierliche Zeichen zum Himmel empor. Hier befand sich zur Zeit Jesu eine kleine Siedlung: Bethphage, »das Haus der Feigen«. Wir dürfen uns diese Siedlung nicht vorstellen als ein Dorf wie andere Dörfer. Die Gruppe von Menschen, die ihr gemeinsames Leben hierher verlegt hatten, wurde durch ein besonderes geistig-religiöses Streben zusammengehalten. Die schlichten Hütten, die dort gestanden haben mögen, waren von einem Hain von Feigenbäumen umgeben, nach denen der Ort seinen Namen trug. Diese Feigenbäume waren aber mehr als Nutzpflanzen, sie waren den Menschen, die dort wohnten, heilige Bäume, sichtbare Zeichen ihres geistigen Strebens. Es handelte sich um Menschen, die in ihrem Kreise das Geistgeheimnis der alten Menschheit zu bewahren trachteten, das in der Nathanael-Geschichte auch einmal innerhalb des Neuen Testamentes auftaucht. Die Leute von Bethphage pflegten das »Sitzen unter dem Feigenbaum«, den Zustand des übersinnlichen Schauens, der durch teils körperliche, teils versenkungsartige Übungen erzielt wurde.

Bethphage, das Haus der Feigen, war eine Stätte, an der das alte Schauen gepflegt wurde. Von hier ließ Jesus in der Frühe des Palms: nntags durch Petrus und Johannes die Eselin und das Eselsfüllen holen. Wie es dort heilige Bäume gab, so gab es dort auch heilige Tiere. Die Esel, die dort gehalten wurden, waren keine Nutztiere. Auch sie drückten innerhalb dieses Menschenkreises ein Geheimnis aus. Erinnerte man sich doch in der alttestamentlichen Strömung noch recht deutlich jenes Magiers, der einmal aus Babylonien herbeigerufen worden war, um durch seinen Fluch dem israelitischen Volk den Einzug in das Land der Verheißung zu verwehren. Bileam wurde als auf einer Eselin reitend vorgestellt. Aber man wußte: das Reiten auf der Eselin bedeutete nicht bloß die Art des Sichfortbewegens. Man sah auch darin den Ausdruck eines ganz bestimmten Entrückungszustandes, nämlich jener somnambulen Seelenverfassung, in welcher einst der babylonische Magier zu sprechen begann, nicht aus seinem menschlichen Bewußtsein, sondern wie aus einer geistigen Besessenheit heraus, nur daß, als er den magischen Fluch gegen Israel schleudern wollte, ohne daß er wußte, wie ihm geschah, ein Segen daraus wurde. Die heiligen Tiere von Bethphage lassen erkennen, daß das dort gepflegte Schauen unwacher Natur und an die physische Leiblichkeit gebunden war; ist doch bis in die Volksmärchen der neueren Zeit hinein der Esel der imaginative Bildausdruck des physischen Menschenleibes.“ (Lit.: Bock, S. 328f)

Rudolf Steiner sagt dazu in seinen Vorträgen über das Markus-Evangelium:

"Eine besondere Stelle, wobei man wieder das Methodisch-Künstlerische kennenlernen kann, was das Evangelium an okkulten Tatsachen der Menschheitsevolution birgt, ist die folgende, die wieder eine Art von Crux für die Erklärer ist. «Und am folgenden Tage, als sie von Bethanien ausgezogen, hungerte ihn. Und er sah von weitem einen Feigenbaum, der Blätter hatte, und trat herzu, ob er etwas auf demselben finde. Und wie er hinkam, fand er nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigen. Und er hob an und sprach zu ihm: Nie mehr in Ewigkeit soll jemand von dir Frucht essen! Und seine Jünger hörten es.» (11, 12-14.)

Nun sollte doch jeder ehrlicherweise fragen: Ist es denn nach dem Evangelium nicht doch sonderbar von einem Gotte, daß er auf einen Feigenbaum losgeht, Feigen sucht, aber keine findet, daß man noch dazu den Grund angibt, warum er keine gefunden hat - denn es heißt ausdrücklich «es war nicht die Zeit der Feigen», das heißt also, daß er zur Zeit, da es keine Feigen gibt, zum Feigenbaume hingeht, Feigen sucht und keine findet -, und nachher sagt: «Nie mehr in Ewigkeit soll jemand von dir Frucht essen!»? Nun nehmen Sie die Erklärungen, die zu dieser Geschichte gewöhnlich gegeben werden, während trocken und nüchtern nichts anderes dasteht, als daß in sonderbarer Weise der Christus Jesus Hunger verspürt, zu einem Feigenbaume geht in einer Zeit, in welcher keine Feigen wachsen, keine Feigen findet und den Baum dann verflucht, daß in alle Ewigkeit keine Feigen mehr auf ihm wachsen sollen. Ja, was ist denn dann der Feigenbaum, und warum wird das Ganze hier erzählt? Wer okkulte Schriften lesen kann, wird in dem «Feigenbaume » - wie der Zusammenhang im Evangelium ist, werden wir noch sehen - zunächst dasselbe erkennen, wovon bei dem Buddha gesprochen wird, der unter dem «Bodhibaume» saß und die Erleuchtung zu der Predigt von Benares empfing. Unter dem «Bodhibaume» - das heißt auch: unter dem «Feigenbaume». Weltgeschichtlich war zur Zeit des Buddha in bezug auf das menschliche Hellsehen noch die « Zeit der Feigen », das heißt, man bekam, wie es bei Buddha der Fall war, unter dem Bodhibaume - unter dem Feigenbaume - die Erleuchtung. Jetzt war das nicht mehr so. Das sollten die Jünger lernen. Jetzt war die weltgeschichtliche Tatsache eingetreten, daß nicht mehr an jenem Baume, unter dem der Buddha die Erleuchtung empfangen hat, die Früchte da waren.

Und was in der ganzen Menschheit geschah, das spiegelte sich dazumal in der Seele des Christus. Sehen wir einen Repräsentanten der Menschheit in Empedokles von Sizilien, einen Repräsentanten für viele Menschen, die ähnlich hungerten, weil ihre Seele nicht mehr fand die Offenbarung, die ihr früher gegeben war und sich jetzt mit den Abstraktionen des Ich begnügen mußte, so kann man von dem hungernden Empedokles sprechen, kann sprechen von dem Hunger nach dem Geist, den alle Menschen der heranrückenden Zeit fühlten. Und der ganze Hunger der Menschheit lud sich ab in der Seele des Christus Jesus, bevor heranrückte das Mysterium von Golgatha.

Und die Jünger sollten teilnehmen an diesem Geheimnis und davon wissen. Der Christus führt sie hin zu dem Feigenbaum und sagt ihnen das Geheimnis von dem Bodhibaum. Er ließ aus, weil es bedeutungslos war, daß noch der Buddha die Früchte dieses Feigenbaumes gefunden hat. Aber jetzt war nicht mehr die Zeit der «Feigen», die Buddha zur Zeit der Predigt von Benares von dem Bodhibaume gehabt hat; sondern konstatieren mußte der Christus, daß bis in alle Ewigkeit an dem Baume, von dem heruntergeflossen ist das Licht von Benares, nicht mehr die Erkenntnisfrüchte reifen werden, sondern daß sie jetzt kommen werden von dem Mysterium von Golgatha.

Welche Tatsache haben wir vor uns? Die Tatsache, daß der Christus Jesus mit seinen Jüngern von Bethanien nach Jerusalem geht und daß bei dieser Gelegenheit in den Jüngern eine besonders starke Empfindung, eine besonders starke Kraft hervorgerufen wird, welche in den Seelen der Jünger hellseherische Kräfte hervorruft, so daß sie besonders zur Imagination geneigt sind. In den Jüngern werden hellseherische, imaginative Kräfte erweckt. Sie sehen hellseherisch den Bodhibaum, den Feigenbaum, und der Christus Jesus bewirkt in ihnen die Erkenntnis, daß von dem Bodhibaume nicht mehr die Früchte der Erkenntnis kommen können; denn es ist nicht mehr die Zeit der Feigen, das heißt der alten Erkenntnis. In alle Ewigkeit wird dieser Baum verdorrt sein, und ein neuer Baum muß erwachsen, der Baum, der aus dem toten Holze des Kreuzes besteht, und an dem nicht die Früchte reifen der alten Erkenntnis, sondern die Früchte, die der Menschheit aus dem Mysterium von Golgatha reifen können, das mit dem Kreuze von Golgatha als einem neuen Sinnbild verbunden ist. Hingestellt hat sich an die Stelle jener Szene der Weltgeschichte, die wir sehen in dem Sitzen des Buddha unter dem Bodhibaum, das Bild von Golgatha, wo ein anderer Baum, der Baum des Kreuzes, erhöht ist, an dem die lebendige Frucht des sich offenbarenden Menschengottes hing, damit von ihm ausstrahle die neue Erkenntnis des sich nun weiter ausbildenden Baumes, der in alle Ewigkeit die Früchte tragen soll." (Lit.: GA 139, S. 161ff)

Im Markusevangelium umrahmt diese Geschichte die Tempelaustreibung, die nach den beiden anderen synoptischen Evangelien bereits am Vortag, am Palmsonntag, stattgefunden hatte und im Johannesevangelium sogar schon unmittelbar nach der Hochzeit von Kana, also ganz am Anfang des irdischen Wirkens des Christus geschildert wird.

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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