Kopfwissen

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Der Weg vom griechischen zum neuzeitlichen Bildungsideal führt über den Dreischritt: Gymnast, Rhetor, Doktor. Jeder dieser Schritte repräsentiert einen Entwicklungsschritt vom ganzheitlichen, den ganzen Menschen umfassenden Wissen, hin zum Kopfmenschen und zum Kopfwissen. Noch im antiken Griechenland gilt:

„Der Lehrer ist der Gymnast. Aus dem ganzen Menschen in seiner körperlichen Bewegung, in der die Götter wirken, kommt das zustande, was dann gewissermaßen heraufkommt und zu menschlicher Einsicht wird. Der Gymnast ist der Lehrer. In Rom tritt später an die Stelle des Gymnasten der Rhetor. Das ist schon etwas abstrahiert vom ganzen Menschen, aber es ist wenigstens noch etwas da, was zusammenhängt mit einem Tun des Menschen in einem Teil des Organismus. Was wird alles bewegt, wenn wir reden! Wie lebt das Reden in unserem Herzen, in unserer Lunge, wie in unserem Zwerchfell und weiter hinunter! Es lebt nicht mehr so intensiv im ganzen Menschen wie dasjenige, was der Gymnast getrieben hat, aber es lebt immerhin in einem großen Teil des Menschen. Und die Gedanken sind dann nur ein Extrakt aus dem, was im Reden lebt. Der Rhetor tritt an die Stelle des Gymnasten. Der Gymnast hat es mit dem ganzen Menschen zu tun. Der Rhetor hat es nur noch zu tun mit dem, was gewissermaßen die Gliedmaßen schon ausschließt und also aus einem Teil des Menschen herauf in den Kopf dasjenige schickt, was Einsicht ist. Und die dritte Stufe, die kommt erst in der Neuzeit herauf: das ist der Doktor, der nichts mehr abrichtet als den Kopf, der nur mehr auf die Gedanken sieht. Es ist ja so geworden, daß sozusagen noch im 19. Jahrhundert an einzelnen Hochschulen Professoren der Eloquenz (d.i. Rhetorik) ernannt worden sind, aber sie haben diese Professur nicht mehr ausüben können, weil es nicht mehr üblich war, etwas zu geben auf das Reden, weil alles nur noch denken wollte. Die Rhetoren starben aus. Diejenigen, die nur noch das Geringste am Menschen vertraten, die Doktoren, die nur noch den Kopf vertraten, die wurden die Führer der Bildung.233“ (Lit.:GA 110f)

Und heute ist es noch so, dass die Doktoren und Professoren ungeheuer stolz sind auf ihr Kopfwissen. Das lebendige am Wissen, der wahre Geist, ist aber weitgehend verloren gegangen. Und so kommt es heute zustande, dass selbst Wissenschaftler, die sich sich ernsthaft bemühen, alleine mit dem Kopf, den ganzheitlichen Lehrer Rudolf Steiner nicht mehr wirklich verstehen können. Solch ein Wissenschaftler-Beispiel stellt der Historiker und Theologe Helmut Zander dar.

Literatur

  • Rudolf Steiner: Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung, GA 233, Dornach 1991, 6. Vortrag vom 29.12.1923 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  • Helmut Zander: Rudolf Steiner. Die Biographie, München und Zürich 2011
  • Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Milieus und gesellschaftliche Praxis, 1884 bis 1945, 2 Bände, Göttingen 2007
  • Karen Swassjan: Aufgearbeitete Anthroposophie. Bilanz einer Geisterfahrt, Dornach 2007