Manfred Spitzer

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Manfred Spitzer (2018)

Manfred Spitzer (* 27. Mai 1958 in Lengfeld bei Darmstadt) ist ein deutscher Neurowissenschaftler und Psychiater. Er ist Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm, seit 1998 ist er ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, an der er auch die Gesamtleitung des 2004 dort eröffneten Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) innehat, das sich vor allem mit Neurodidaktik beschäftigt.

Leben

Nach dem Abitur am Max-Planck-Gymnasium in Groß-Umstadt studierte Manfred Spitzer Medizin, Philosophie und Psychologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seinen Lebensunterhalt während dieser Zeit verdiente er sich u. a. als Straßenmusiker.[1] In diese Fußstapfen ist inzwischen sein Sohn Thomas Spitzer getreten, der als Comedian erfolgreich ist. Manfred Spitzer erwarb ein Diplom in Psychologie, anschließend promovierte er in Medizin (1983) und Philosophie (1985) und habilitierte sich 1989 für das Fach Psychiatrie (Facharzt für Psychiatrie) mit der Arbeit „Was ist Wahn?“[2]

Von 1990 bis 1997 war er an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg als Oberarzt tätig. Zweimal war er als Gastprofessor an der Harvard University; ein weiterer Forschungsaufenthalt führte ihn an das Institute for Cognitive and Decision Sciences der University of Oregon.

Im Jahr 1997 wurde Manfred Spitzer auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Ulm berufen. Kurze Zeit darauf wurde Spitzer Herausgeber der Fachzeitschrift Nervenheilkunde,[3] eines Fortbildungsorgans für Ärzte und Verbandsorgans vieler Verbände aus dem psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereich. Dort veröffentlicht er auch regelmäßig eigene Arbeiten und Editorials, die er später in Büchern zusammengefasst gesondert wieder herausgibt.

Über die Fachkreise hinaus bekannt wurde Spitzer durch populärwissenschaftliche Vorträge und allgemeinverständliche Bücher.

Von 2004 bis 2012 wurde unter Federführung des Bayerischen Rundfunks die Serie Geist & Gehirn in 194 Folgen ausgestrahlt, in der Spitzer Erkenntnisse aus der Gehirnforschung vorstellte. Diese Sendungen sind auch auf DVD erhältlich und können auf BR-alpha angesehen werden.[4] Er ersann mit dem Transferzentrum das Konzept zu Spielen macht Schule, einem Wettbewerb für Grundschulen. Spitzer ist Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Louisenlund.[5]

Bücher

Der Mensch: Zum Lernen geboren

Nach Spitzer zeigt die Gehirnforschung nicht nur, dass wir zum Lernen geboren sind und gar nicht anders können, als lebenslang zu lernen, sondern auch die Bedingungen für erfolgreiches Lernen. Sie ermögliche uns damit ein besseres Selbstverständnis im besten Sinne des Wortes und leiste einen wichtigen kulturellen Beitrag. Es sei an der Zeit, dieses Verständnis für die Gestaltung von Lernumgebungen zu nutzen.[6]

Weil alle Handlungen „Spuren im Gehirn“ hinterließen[7] – umso intensiver, je häufiger sie ausgeführt werden –, sei es nicht egal, was Kinder und Jugendliche den ganzen Tag tun.[8] Kinder lernten deutlich schneller als Erwachsene. Das Gehirn eines Erwachsenen unterscheide sich grundlegend von dem in der Entwicklung begriffenen Kindergehirn. Handeln und Begreifen (im Wortsinn gemeint, vgl. Jean Piaget) spielten nicht nur für das Erlernen konkreter einzelner Dinge eine Rolle, sondern auch beim Erlernen allgemeinen Wissens (semantisches Gedächtnis und sogar abstrakte Begriffe wie Zahlen): „Wer möchte, dass aus seinen Kindern Mathematiker oder Spezialisten für Informationstechnik werden, der sorge für Fingerspiele statt für Laptops in den Kindergärten. Und wer die Schriftsprache ernst nimmt, der sollte eher für Bleistifte als für Tastaturen plädieren.“[8]

Computer schaden Kindern mehr, als sie nutzen

Mit Bezug auf vor dem Jahr 2010 erhobene statistische Mediennutzungsdaten von Schülern in Deutschland[9] hat Spitzer 2012 vor dem Konsum elektronischer Medien durch Kinder und Jugendliche gewarnt; dieser führe zu nur oberflächlicher Beschäftigung mit Informationen und gehe zu Lasten des eigenen, aktiv tätigen Lernens. Das Gehirn werde (wie ein Muskel) nur dann trainiert, wenn man es wirklich fordere.[8]

Spitzer hat 2012 in diesem Zusammenhang einen Teil der Bildungspolitiker kritisiert: „Enquetes laden ausschließlich Experten ein, die von Medienunternehmen-gesponserten Medieninstituten stammen. Das erklärt, warum sie dann empfehlen, dass jeder Schüler einen Laptop haben soll, obwohl wir wissen, dass der dem Lernen mehr schadet als nutzt.“[10]

Digitale Demenz

In seinem 2012 erschienenen Buch Digitale Demenz kritisierte Spitzer Initiativen von Politik und Industrie, „alle Schüler mit Notebooks auszustatten und die Computerspiel-Pädagogik zu fördern“. Diese Initiativen zeugten von blankem Unwissen oder skrupellosen kommerziellen Interessen. Zahlreiche wissenschaftliche Studien hielten digitale Medien als Lernmittel für wenig geeignet. Soziale Online-Netzwerke lockten mit virtuellen Freundschaften; tatsächlich beeinträchtigten sie aber das Sozialverhalten und förderten Depressionen.

Cyberkrank!

Spitzers 2015 erschienenes Buch ergänzt das vorige und zeigt auf, wie in den letzten Jahren Menschen und Gesellschaft durch den Umgang mit den digitalen Medien und dem Internet verändert wurden. Er beschreibt die Entstehung einer modernen „Zivilisationskrankheit“ und ihre verschiedenen Facetten (z. B. Spiele- und Online-Sucht, Isolation vom realen Leben). Basierend auf seinen Erkenntnissen als Wissenschaftler und Vater wirbt er in seinem Werk für mehr Medienkompetenz sowie für Erhalt und Stärkung der emotionalen Intelligenz, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen.

Siehe auch

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Halluzinationen. Ein Beitrag zur allgemeinen und klinischen Psychopathologie. Springer, Berlin 1988, ISBN 3-540-18611-5.
  • Was ist Wahn? Untersuchungen zum Wahnproblem. Springer, Berlin 1989, ISBN 3-540-51072-9.
  • Geist im Netz. 1996.
  • mit Leo Hermele: Von der Degeneration zur Antizipation – Gedanken zur nicht-Mendelschen Vererbung neuropsychiatrischer Erkrankungen aus historischer und aktueller Sicht. In: Gerhardt Nissen, Frank Badura (Hrsg.): Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde. Band 2. Würzburg 1996, S. 111–127.
  • Ketchup und das kollektive Unbewusste. Geschichten aus der Nervenheilkunde. Schattauer, Stuttgart 2001, ISBN 3-7945-2115-3.
  • Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. 2002.
  • Musik im Kopf: Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk. 2002.
  • Selbstbestimmen. Gehirnforschung und die Frage: Was sollen wir tun? 2004.
  • Frontalhirn an Mandelkern. Letzte Meldungen aus der Nervenheilkunde. 2005.
  • Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. Klett, Stuttgart 2005, ISBN 3-12-010170-2.
  • Gott-Gen und Grossmutterneuron. Geschichten von Gehirnforschung und Gesellschaft. 2006.
  • Mozarts Geistesblitze. Wie unser Gehirn Musik verarbeitet. 2006.
  • Vom Sinn des Lebens. Wege statt Werke. Schattauer, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-7945-2563-8.
  • Liebesbriefe und Einkaufszentren. Meditationen im und über den Kopf. Schattauer Verlag, 2008, ISBN 978-3-7945-2627-7.
  • Medizin für die Bildung. Ein Weg aus der Krise. 2010, ISBN 978-3-8274-2677-2.
  • Wie Kinder denken lernen 2010, ISBN 978-3-902533-26-5. (4 Hörbücher, 300 min.)
  • Wie Erwachsene denken und lernen. 2011, ISBN 978-3-902533-38-8. (3 Hörbücher, 210 min.)
  • Nichtstun, Flirten, Küssen und andere Leistungen des Gehirns. Schattauer Verlag, 2011, ISBN 978-3-7945-2856-1.
  • Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer Knaur, München 2012, ISBN 978-3-426-27603-7. (Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste vom 27. August bis zum 9. September 2012)
  • als Hrsg.: Heinz Janisch, Carola Holland: Tom und der König der Tiere (= Leben Lernen. 1). 2012, ISBN 978-3-902533-43-2.
  • als Hrsg.: Heinz Janisch, Susanne Wechdorn: Mein Freund, der Rasenmäher (= Leben Lernen). 2012, ISBN 978-3-902533-45-6.
  • Das (un)soziale Gehirn. Schattauer, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-7945-2918-6.
  • Rotkäppchen und der Stress. Schattauer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-7945-2977-3.
  • Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer, München 2015, ISBN 978-3-426-27608-2.
  • Früher war alles später. Schattauer, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-7945-3243-8.
  • Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit. Schmerzhaft. Ansteckend. Tödlich. Droemer, München 2018, ISBN 978-3-426-27676-1.
  • Die Smartphone-Epidemie. Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-608-96368-7.

Weblinks

Commons-logo.png Commons: Manfred Spitzer - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

Einzelnachweise

  1. Fernsehsendung „Typisch deutsch“: Manfred Spitzer im Gespräch mit Hajo Schumacher
  2. M. Spitzer: Was ist Wahn? Untersuchungen zum Wahnproblem. Springer-Verlag, Berlin/ New York 1989, ISBN 3-540-51072-9.
  3. Nervenheilkunde im Schattauer Verlag, schattauer.de (Memento vom 24. September 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft (bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis)
  4. Geist & Gehirn, BR-alpha
  5. Kuratorium der Stiftung Louisenlund
  6. Manfred Spitzer: Zum Lernen geboren. (Memento vom 18. Februar 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft (bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis) In: Zeitschrift für KulturAustausch. 4/2004.
  7. Manfred Spitzer: Selbstbestimmen. Gehirnforschung und die Frage Was sollen wir tun? Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-8274-2081-7, S. 46.
  8. 8,0 8,1 8,2 Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer Verlag, München 2012, ISBN 978-3-426-27603-7, S. 203.
  9. F. Rehbein, M. Kleimann, T. Mößle: Computerspielabhängigkeit im Kindes- und Jugendalter. Empirische Befunde zu Ursachen, Diagnostik und Komorbiditäten unter besonderer Berücksichtigung spielimmanenter Abhängigkeitsmerkmale. (= Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen. Forschungsbericht Nr. 108). Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, 2009, zit. nach Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer Verlag, München 2012, ISBN 978-3-426-27603-7.
  10. Spitzer im Interview mit der Zeitschrift Absatzwirtschaft (20. August 2012)
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