Martin Scherber

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Martin Scherber (* 16. Januar 1907 in Nürnberg; † 10. Januar 1974 ebenda) war ein deutscher Komponist und Schöpfer der Metamorphosensinfonik.

Martin Scherber um das Jahr 1930, vermutlich in Aussig an der Elbe

Kindheit und Jugend

In den frühen Morgenstunden des 16. Januar 1907 erblickte Martin Scherber in Nürnberg als drittes und jüngstes Kind von Marie und Bernhard Scherber [1] das Licht der Welt. Sein Vater war erster Kontrabassist am Städtischen Opernhaus (heute: Staatstheater Nürnberg) [2], seine Mutter arbeitete in dessen Verwaltung, bis die Kindererziehung für einige Zeit ihre Hauptaufgabe wurde.

Als Kind hatte er eine weit zurückgehende Erinnerung, empfand sich ‚aus dem Paradies verstoßen' und erlebte insbesondere, wenn ihm Märchen erzählt wurden, eine innere Bilderwelt, die ihm Kunde vom eigentlichen Leben zuzuströmen schien. Er war ein stilles Kind, voller Fragen – ohne zu fragen. „Dieser Tatbestand, dass mir abwechselnd die Innenwelt zu einer real erlebten und angeschauten Welt wurde, wobei dann die Außenwelt wie ein leiser Traum war, und dann wieder die Welt, die mit Augen gesehen wird, real erlebbar wurde, wodurch die Innenwelt verfinstert wurde – etwa wie die Sterne durch die Sonne unsichtbar werden – dieser Tatbestand, das Leben in zwei nicht voll verstandenen Welten – ist mir der eigentliche ‚Schlüssel’ geworden für alle Welträtsel und [Welt]geheimnisse.“ [3]

Mit sieben Jahren kam er in die in seiner direkten Nachbarschaft liegende Volksschule [4]. Hier hatte er große Sorge, dass ihm das geschilderte Erleben 'wegpädagogisiert' würde, wie er sich später erinnernd ausdrückte. Es blieb ihm aber geschützt und dadurch erhalten. Früh zeigten sich technische, musikalische und darüber hinausgehende Begabungen, welche in einem liebevollen Mitleben seiner natürlichen und sozialen Umwelten bestanden.

Er kam 1918 auf die Oberrealschule [5], da sein Vater meinte, er wäre prädestiniert für das Ingenieurdasein. Schließlich entschied er sich jedoch für die Musik.

Beim immer umfangreicher ausgeübten Musizieren – er hatte mit etwa fünf Jahren bei seinem strengen Vater angefangen, Geige zu spielen, wozu bald Klavier kam – erlangte er eine Geistesgegenwart, welche ihm erlaubte, ohne Noten, die er einfach nicht lernen wollte, synchron mit seinem Mitspieler zu musizieren. Eine Eigenschaft, die später beim Unterrichten dazu führte, dass er praktisch gleichzeitig mit den Taktfehlern seiner Schülerinnen und Schüler mitsprang. Wenn er musizierte, hatte er das Empfinden ‚hinter die Wände’ zu treten, später kam, als er mit dreizehn Jahren anfing zu komponieren, das Erleben dazu, wie er eingebettet war in eine 'Hülle aus Musik' , oder - wie er es auch ausdrückte - in eine 'Mutterhülle aus Klängen' [6]. Diese rätselhaften Erlebnisse versuchte er von da an zu ergründen.

Studium in München und Zeit in Aussig

Ab September 1925 besuchte er die Staatliche Akademie der Tonkunst in München [7]. Dazu erhielt er Stipendien [8]. Gleichzeitig studierte er als Gasthörer an der Universität München Philosophie. Hier befasste er sich besonders mit Erkenntnistheorie, d.h. der Verständigung des tätigen Bewusstseins mit sich selbst und den Eingliederungsmöglichkeiten dieser Bewusstseinstätigkeiten in das Weltgeschehen. Beides - die Innen- und Außensicht - verschmolz er in seinem künstlerischen Erleben und gewann dadurch eine sichere Basis für das Erfassen der sich dabei bietenden Zusammenhänge. Die verborgen und daher unbeantwortet gebliebenen Fragen seiner Kindheit und Jugend konnten nun aus diesen neu errungenen Einsichten heraus richtig gestellt und bearbeitet werden. Dabei stieß er zuerst auf das Werk von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), dessen umfassende Weltsicht und künstlerische Art, mit den inneren und äußeren Phänomenen umzugehen, ihn unmittelbar ansprach.

Während seiner Goethestudien fragte er den Fremden, welcher sich bei seinen Eltern eingemietet hatte und eine kleine Bibliothek besaß, nach Schriften über Goethe, und er erhielt das Buch ‚Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung’ [9]. Das war ungefähr im Jahre 1925. Der Autor dieser Abhandlung - Rudolf Steiner (1861-1925) - berührte ihn durch seine unkonventionelle, lebendige und gedanklich konsequente Darstellungsweise gerade der Fragen, deren bewußte Aufklärung ihm so am Herzen lagen. Nun begann er dessen erkenntnispraktische und spirituelle Hinweise mit der ihm eigenen Selbständigkeit zu erproben. Dadurch gelang es ihm sehr langsam, nach jahrelangem ergebnisoffenem Arbeiten, bewusster auch an die inneren Quellen der Musik heranzukommen. Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft ist er nicht geworden.

Nach seiner Münchner Zeit – vermutlich hatte er dort in der Nähe des Englischen Gartens gewohnt – ging er nach Aussig, heute Tschechien. Dort war er am Stadttheater von 1929-33 Korrepetitor, später Kapellmeister und Chorleiter. Obwohl er große Anerkennung fand [10], verließ er 1933 die Elbestadt. Wieder in Nürnberg machte er sich selbständig, leitete Chöre, Ensembles und wirkte dort, von 1940-46 durch Kriegsdienst und Gefangenschaft unterbrochen, als Privatmusiklehrer und freischaffender Komponist.

Der Komponist während der Entstehungszeit der Großen Metamorphosensinfonien in seinem Musikzimmer. Hier standen ein Steinway-Klavier und ein Bechsteinflügel in rötlichem Palisander; etwa Anfang der 1950er Jahre

Nürnberg - Hauptort seines Wirkens

Hier entstanden seit 1935 in aller Stille die meisten seiner Werke: Kammermusiken und Chöre a capella oder mit Begleitung, auch nach eigenen Texten; Lieder und Liedzyklen; der Zyklus 'ABC-Stücke für Klavier' (ca. 1935-65) - ein Versuch, die deutschen Sprachlaute 'musikalisch einzufangen'; seine Klavierbearbeitungen der Bruckner-Symphonien Nr. 3-9 (1948-50) und die beiden großen Metamorphosensymphonien in den Jahren 1951-55 als Fortsetzung des sinfonischen Prologs von 1938. Auch von diesen gibt es Auszüge für zwei Klaviere.

Martin Scherber verbrannte alle Werke, die er vor dem Jahre 1935 geschrieben hatte. Darunter waren Walzer, Märsche, Rhapsodien, Passacaglias, Fugen, Variationen, Klaviersonaten, ein Streichtrio und Teile der Goethelieder von 1930. Verschollen blieben die Toten-, Bergmanns- und Winterlieder, die Klavierstücke ‚Der Teufel entführt eine Seele’ und die Märchenmusik für Streichorchester ‚Prinzessin Sternröslein’ (Aussig). Aufgetaucht sind wieder einige seinerzeit verschenkte Kompositionen wie die sieben Goethelieder von 1930, die sich vierzig Jahre später bei der Sängerin Magda Steiner-Hauschild in Wien wiederfanden. Sie depütierte in Aussig zu Scherbers dortiger Zeit, und dieser hatte ihr die Lieder zum Magdalenentag 1930 gewidmet. Nach seinem Unfall 1970 nahm sie wieder Kontakt zu ihm auf [11].

Die Anregungen, die ihm durch die Werke von Goethe und Steiner zuflossen, waren einige der frühen Voraussetzungen für Scherbers spätere künstlerische Erkenntniserlebnisse. Die Entdeckung der Metamorphose als ‚Wesenselement der Musik’ [12] wurde dadurch vorbereitet. Sie ging ihm in den beginnenden 1930er Jahren auf und wurde allmählich durch die meditative Arbeit [13] und seine sich ausweitende innere menschlich-musikalische Entwicklung hervorgeholt. In einem Brief an Magda Steiner schreibt er noch im Januar 1932 „Mit dem Komponieren steht es augenblicklich ein wenig schlimm – ich merke beim Phantasieren, das etwas ganz anderes werden will. Es ist noch nicht bestimmt [...] Es muß eine ganz neue Art der Musik, eine ganz neue Einstellung zur Musik heraufkommen.“ Das empfanden auch viele seiner zeitgenössischen Komponistenkollegen und suchten nach eigenständigen Wegen. Es dauerte aber Jahre bis Scherber seine Fähigkeiten so weit gesteigert hatte, dass 1937/38 als Ansatz die I. Symphonie niedergeschrieben werden konnte. Eigentlich wollte er ein Chorwerk schaffen. Erst nach seinen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg [14], und nachdem er auch die Symphonik von Anton Bruckner bei der Umsetzung in Klavierbearbeitungen [15] genau durchgenommen hatte, war das seelisch-geistige Terrain bereitet für die Weiterführung der symphonischen Entwicklung zu den Großen Metamorphosensymphonien im Beginn der 1950er Jahre.

Neben dem Unterrichten und Komponieren leitete Scherber über Jahrzehnte hinweg (1946-74) Kurse und Arbeitskreise zu erkenntnistheoretischen, künstlerischen und sozialen Themen. Er war ein sensibler, humorvoller, sehr aufmerksam Zuhörender und fähig, in den Fragen, Problemen und Idealen seiner Gesprächspartner zu leben. Daraus erwuchsen die Anregungen, die er hier und da geben konnte - und lebenslange Freund- und zeitbedingte Feindschaften. Auch seine aufschlussreichen Korrespondenzen geben davon Kunde.[16]. Er wanderte gerne in der Fränkischen Schweiz, den Alpen, der Lüneburger Heide und an der Nordsee. Im Familiengarten nicht weit von seiner Wohnung entfernt konnte man ihn regelmäßig treffen. [17] Spazierengehen und Gärtnern wäre er seiner Gesundheit schuldig, meinte er dazu. So sparte er sich die dafür notwendige Zeit ab.

Die Metamorphose als Wesenselement der Musik

Metamorphosensinfonik ist komplexe Wandlungsmusik. In ihr pulsiert reines Leben [18]. Darum kann man auch bei ihr zu Recht von 'organischer Musik' sprechen. Sie wird nicht konstruiert [19].

Musik-Metamorphosen erwachsen aus dem Unhörbaren - der inneren Quellsphäre der Musik. Sie konzentrieren sich allmählich zu einem Themenkeim [20]. Dieser beherrscht dann die ganze sinfonische Entwicklung. Aus dieser ursprünglichen Einheit erwachsen alle Differenzierungen. Trotz der vielen sich eröffnenden musikalisch möglichen Wege bleibt der Inhalt des Themas stets anwesend, immer produktiv, weiterschreitend, offenbleibend - ein Paradox - zielstrebig... Das 'Ganze' beherrscht die 'Teile' und letztere leben aus dem ersteren. Alle Orchesterstimmen entwickeln sich somit in ihrer Vielschichtigkeit aus dem Thema und seinem Umkreis.

Sätze mit jeweils thematischen Neuanfängen, wie mit grandioser Vielfalt in der klassischen und romantischen Sinfonie praktiziert, kann es nicht mehr geben, wohl aber Glieder. Die historischen Satzcharaktere gehen sich durchdringend in das Ganze über [21]. Sie sind formale und erlebnismäßige Vorläufer der Metamorphosensinfonik.

Daraus folgt, dass hier kein kontrapunktisches [22], kein lineares oder sich additiv vernetzendes kompositorisches - also zusammensetzendes Bewußtsein - tätig ist, welches auf zu verarbeitende 'gute Einfälle', 'faszinierende Anregungen' oder zwingende 'schicksalhafte Lebensimpulse' warten muss, um diese nach bestimmten Methoden mehr oder weniger geschickt zu verarbeiten [23], sondern ein alles gleichzeitig umfassendes Bewußtsein - ein sich in den Quellströmen der Musik frei bewegendes, sowohl individualisiertes als auch universalisiertes 'Erlebnisbewußtsein' [24]. Dieses handhabt die äußerlichen musikalischen Parameter als bewirkte Ausdrucksweisen lebendiger Zusammenhänge, verwebt sie und lässt sie so zu einem hörbaren musikalischen Organismus heranreifen.

Auch die zur Darbietung nötigen Instrumente mit ihren spezifischen Charakteren und Aussageweisen gehen aus diesem Erlebnisbewusstsein hervor [25].

Scherber schilderte diese Art von Bewusstseinstätigkeiten als ein ‚Über-Kreuz-Erleben’. „Im Innern nicht ich, sondern die Welt; außen nicht die Welt, sondern sich selbst.“ Die dabei durchzumachenden Erlebnisse „können nicht in Worte gebracht werden, nur zunächst in Tongebilde: dramatisch-symphonisches Geschehen. Wesentlich: der schöpferische Mensch ist dabei wacher (gesteigertes Bewusstsein), die Erlebnisse realer!“[26]

Metamorphosenmusik geht über traditionell geschaffene Musik mit ihren Modulations- und Variationsweisen, über avantgardistische kombinatorische, serielle, aleatorische, über computergenerierte Musik hinaus, obwohl sie Elemente dieser Kompositionsweisen in sich trägt. Sie wird durch strenge Schulung aus bewußt gewordenen Lebensprozessen und umfassenderen Schöpfungstätigkeiten gewonnen. Es gibt folglich keine Konstruktionen, keine Sensationen oder Sentimentalitäten etc.. wie Scherber in einem seiner seltenen schriftlichen Hinweise "Von Urquellen..."deutlich macht.

Der Tonkünstler ordnet Disharmonisches und Konsonantisches als Wesenhaftes zeitgerecht in den Musikstrom ein, lässt beides angemessen zur Geltung kommen, und löst, wenn nötig, sentimental ausufernde Harmonik, brutal und zerstörerisch sich breit machende Disharmonik im in sich stimmigen Gesamtstrom der Musik auf. Er beherrscht das Ganze, denn er lebt in ihm und dieses gibt den sinfonischen Gliedern ihren Sinn. Disharmonien lässt er als retardierende, aber auch progressive Anregungen und Weckimpulse; Konsonanzen als Ruhe-, Festigungs-, Wachstums- und Regenerationsphasen gelten. Eine hypertrophierende Emanzipation der Disharmonien oder anderer vereinzelter musikalischer Elemente, eine Musik ohne Herz und Zentrum, kann es hier nicht geben.

Das musikalische Thema durchdringt bei Scherber als sich wandelndes, Bewußtsein stiftendes Element, als ‚unendliche Melodie’, die sinfonischen Entwicklungen, die Rhythmen strömen in reiner schöpferischer Energie dahin und sogar die Harmonik gerät in Bewegung, wird lebendig. Sie ‚kippt’ fortwährend aus ihrer Vertikalität und sucht im Wandlungsstrom verschmolzen mit Melodie und Rhythmus ihre musikalische Vollendung.

Es wirken - und das macht die Beurteilung der Metamorphosenmusik erst einmal nicht leicht - viele historisch-musikalische Elementarprozesse in ihr. Umgekehrt wirft sie Licht auf die bisherige Musikevolution. Das Neue lebt im 'Wie' der Durchführungen, denn Metamorphosensinfonien sind 'Durchführungssinfonien'. Feine Wandlungen des sich scheinbar Wiederholenden [27] und die besondere Art des Einsatzes der disharmonischen und konsonantischen Elemente bewirkt, dass das musikalische Bewußtsein sich ‚auf der Wanderschaft’ erlebt. Metamorphosensinfonik ist eben offene, eigentlich nur anregende Musik und kann nicht zu Ende sein, wenn sie endet.

Metamorphosenmusik ist absolute Musik. Sie hat unmittelbar mit dem menschlichen Leben und seinen Entwicklungsmöglichkeiten in der Welt, in welche der Mensch mit seinen Erkenntnisbemühungen, Freuden, Leiden und Taten eingebettet ist, zu tun. Doch ist in ihr trotz dieser Bezüge kein Programm zu vermuten. Sie ist in ihrer Absolutheit weder wurzellos - ohne Vergangenheit - noch abstrakt - ein Produkt ausgedachter Kompositionssysteme. Sie fließt in ihrer Universalität aus den Lebensbedürfnissen ond meist verborgenen Erlebnissen des individuellen Menschen und dient diesem in seiner Zeit.

Die 'einheitliche Sinfonieform' deutet sich nicht nur allein und besonders bei Anton Bruckner durch die Wiederaufnahme von Themen in seinen Sätzen und Sinfonien an, sondern theoretisch [28] oder praktisch auch bei vielen anderen Komponisten [29] des gerade vergangenen Jahrhunderts. Die Einsätzigkeit der neueren Sinfonien darf keine Verarmung gegenüber der klassischen Sinfonieform und deren Inhalt sein - ein Satz statt vier. Es müssen alle wesentlichen Qualitäten der bisherigen Satzcharaktere in die neue, organische Einheit stiftende Sinfonieform, entsprechend der sich immer weiter entwickelnden musikalischen Logik [30], übergehen können. Die Einsicht in die Metamorphosensinfonik gibt einen Schlüssel für die Musikevolution überhaupt.

Die Metamorphosenmusik steht, trotz der schriftlichen Fixierung, der echten musikalischen Improvisation nahe. Sie stellt in der Regel einen kleinen Ausschnitt aus dem Gesamterleben des Komponisten dar, der nicht nur eine starke Konzentration auf dem Wege zu ihr, sondern auch bei der Umkehrung in das sinnlich Fassbare, Präsente und Interpretierbare herbeiführen muss [31].

Die Klavierimprovisation gehörte beispielsweise zu den besonderen Fähigkeiten von Martin Scherber. Ein Können, welches durch den spirituellen Anschluss an die Sphären des Lebens, an die tieferen Quellen der Musik überhaupt, seine Wirksamkeit entfaltet. Nicht umsonst waren alle großen Komponisten wie Ludwig van Beethoven oder Anton Bruckner begnadete Improvisatoren, weil sie sich seelisch frei entweder spontan beim Spielen in die Quellregionen der Musik hineinspürten, oder bei ihren schriftlich ausgearbeiteten Werken aus diesen heraus - eben authentisch - komponieren konnten. Heute werden auch Interpreten durch ihre eigenständige schöpferische Improvisationskunst bekannt - beispielsweise Gabriela Montero.

Unfall

Im Mai 1970 setzte ein schwerer Unfall all diesen Tätigkeiten ein Ende - gerade als mit der Veröffentlichung seines symphonischen Werkes begonnen werden sollte. Ein stark betrunkener Autofahrer fuhr Scherber auf einem Spaziergang vollständig zusammen. So muss der Tatbestand berichtet werden. Nach schwierigen Operationen, wochenlanger Intensivstation mit künstlicher Ernährung und einem insgesamt achtmonatigen Krankenhausaufenthalt blieb er zeitlebens - wegen verbliebener Lähmungen - an den Rollstuhl gefesselt. Er konnte musikalisch und kompositorisch nicht mehr arbeiten. Was dieser brutale Eingriff in die Biographie eines so sensiblen Künstlers bedeutete, dürfte schwer nachvollziehbar sein. Er unterstützte die Veröffentlichung jedoch weiterhin mit besten Kräften und führte seinen Hauptarbeitskreis bis zu seinem Lebensende fort.

Er starb am 10. Januar 1974 in seiner Heimatstadt am Versagen der beim Unfall gequetschten Nieren (akute Zuckerkrankheit) - inmitten heftiger Auseinandersetzungen mit der Versicherung des Unfallfahrers, die ihm, obwohl gerichtlich seine Unschuld festgestellt worden war, aus finanziellen Gründen eine Mitschuld am Unfall diktieren wollte.

Werke (Auszug)

Klavierwerke
  • Tänze für zwei Klaviere zu je vier Händen
  • ABC-Stücke für Klavier (ca. 1935–1965), UA: offen
Klavierbearbeitungen
  • Max Reger: Symphonischer Prolog für Großes Orchester von 1908 (1926)
  • Anton Bruckner: Sinfonien No. 3 bis 9, (1948-50)
  • Martin Scherber: Sinfonien No. 1 (1937/38, Überarbeitung 1951); No. 2 (1951-52); No. 3 (1952-55)
Sinfonische Musik
  • 1. Sinfonie in d-Moll 1938 (Überarbeitung 1952), UA 11. März 1952 in Lüneburg; Lüneburger Sinfonie-Orchester, Dirigent Fred Thürmer
  • 2. Sinfonie in f-Moll 1951–1952, UA 24. Januar 1957 in Lüneburg; Niedersächsisches Sinfonie-Orchester Hannover, Dirigent Fred Thürmer
  • 3. Sinfonie in h-Moll 1952–1955, UA offen
Vokalwerke
  • Goethelieder (1930), 7 Vertonungen
  • Stör’ nicht den Schlaf 1936 (Morgenstern)
  • Wanderers Nachtlied 1937 (Goethe)
  • Kinderliederzyklen 1930/1937 (Scherber (9), Brentano (18))
  • Hymne an die Nacht 1937 (Novalis)
  • Chöre a cappella (10) und Chöre mit Klavier oder Orchester (3 Stücke)
Texte
  • Von Urquellen wahrhaft moderner Kunst und der Allverbindung des vereinsamten Menschen (1972)
  • Warum heute wieder Märchen? (1972)
  • Aphorismen I + II (1976 und 1993)

Diskografie

Große Metamorphosensinfonien

  • Sinfonie No. 3 in h-Moll, 2001 bei col legno WWE 1 CD 20078; World Premiere Recording. Herausgeber: Peermusic Classical, Hamburg 2001.
  • Sinfonie No. 2 in f-Moll, 2010 bei Cascade Order No. 05116; am@do-classics. World Premiere Recording. Herausgeber: Bruckner-Kreis, Nürnberg 2010

Weblinks

Commons-logo.png Commons: Martin Scherber - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

Einzelnachweise

  1. Bernhard Scherber * 1. Dezember 1864 in Klein Tschachwitz bei Dresden - † 8. Juni 1941 in Nürnberg; Maria Scherber geb. Egloff * 20. Juli 1878 in Maxhütte/Oberpfalz - † 11. März 1963 in Nürnberg
  2. Booklet zur Sinfonie No. 3 in h-moll durch Martin Scherber, Peermusic Classical, Hamburg/ col legno Bad Wiessee 2001, S. 7.
  3. Martin Scherber Autobiographische Notiz 1 aus dem Nachlass; Archiv des Bruckner-Kreises Nürnberg (A/BRK-N)
  4. heute Bismarck-Schule, Volks-und Mittelschule
  5. Oberrealschule an der Löbleinstraße; heute: Hans-Sachs-Gymnasium Nürnberg
  6. Martin Scherber: Autobiographische Notiz 2. Archiv Bruckner-Kreis Nürnberg (A/BRK-N).
  7. heute: Hochschule für Musik und Theater
  8. Vermutlich von der Stadt Nürnberg - für die gesamte Studienzeit an der Akademie 1925-28
  9. 'Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller' von 1886; Rudolf Steiner Verlag Dornach, 8. neu durchgesehene Auflage 2003 (GesamtAusgabe) GA 2, ISBN 978-3-7274-0020-9
  10. "Grandiose Goethefeier im Stadttheater" mit Prolog von Martin Scherber, Zeitung Aussig, 1932, Zum 100. Todestag Goethes, genaues Datum der Feier und des Zeitungsartikels unbekannt
  11. Die Sieben Goethelieder und ein Lied von Martin Scherber ("So schön war jene Stunde") wurden 2009 eingespielt, aber noch nicht veröffentlicht. Interpreten: Thomas Heyer (Tenor, Frankfurt) und Lars Jönsson (Klavier, Stuttgart)
  12. Henning Kunze: Die Metamorphose als Wesenselement der Musik. In: Die Drei. 9/1990, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1990, S. 676-687, u.a. Hinweise auf die Zweite Sinfonie
  13. Anmerkung bei Henning Kunze: Zur Dritten Symphonie von Martin Scherber. Booklet zur Dritten, Peermusic Classical/col legno, 2001, S. 4-7.
  14. Er wurde am 6.11.1940 als Soldat nach Brockzettel einberufen, war mit der schweren Bahnflak in Deutschland, Polen, Frankreich und Dänemark unterwegs, kam ins Musikcorps nach Rerik, war Sanitäter vom 7.5.-29.11.1945 in Lüneburg, wurde dann in Munsterlager vom 29.11.1945-22.1.1946 gefangen gesetzt und schließlich über Lüneburg nach Nürnberg entlassen
  15. Wilhelm Furtwängler schrieb über die Klavierbearbeitungen: "Sie sandten mir neben einigen verständnisvollen Worten über mein Buch ,Gespräche über Musik', für die ich Ihnen vielmals danke, einige Proben Ihrer Klavierbearbeitung der 7. Symphonie von Bruckner. Dieselbe scheint mir getreu und vernünftig zu sein - das Beste was man von einer Klavierbearbeitung sagen kann. ..." (Wilhelm Furtwängler (1886-1954), Brief vom 12. September 1950)
  16. Es sind etwa 1000 Briefe von ihm erhalten geblieben. Leider keine an ihn gerichtete Schreiben
  17. Seine Wohnung lag in der Nürnberger Schoppershofstraße 34. Der Garten befand nicht weit von ihr im Osten, jenseits der Welserstrasse, auf der später auch der Unfall geschah. Heute ist das ehemalige Gartengelände überbaut und aus der Welserstrasse eine doppelspurige Hauptverkehrsader geworden
  18. Yehudi Menuhin spricht, ohne dass er die Metamorphosenmusik kannte, ein gestaltendes Prinzip der lebendigen Metamorphosensinfonik aus: ”Nur ein Musiker versteht die Macht der Feinheit. Die mikroskopisch kleine Abweichung in der Melodie verleiht der Musik das Leben, fehlt diese, bleibt die Musik tot."
  19. siehe Darstellung bei Henning Kunze ‚Die Metamorphose als Wesenselement der Musik’, Anmerkung 12
  20. Booklet zur Symphony No. 2, Cascade Medien, Staufen im Breisgau 2010 ‚Große Metamorphosensymphonie in f-moll’, Seite 6-10
  21. siehe Briefzitat des Komponisten in der Anmerkung 28
  22. Aussage von Scherber
  23. „Ich behaupte nur, daß sie [die Inspiration] keineswegs eine Voraussetzung für den schöpferischen Akt ist, sondern daß sie in zeitlicher Folge eine Äußerung von sekundärer Art ist“. [...] „Im eigentlichen Sinn bedeutet Kunst so viel, wie Werke nach bestimmten Methoden herstellen.“ Nach Igor Strawinskis ‚Musikalische Poetik’; aus einem Brief Martin Scherbers an seinen Freund, den Dirigenten Fred Thürmer vom 27.6.1955, Zitat leicht nach dem Originalwerk korrigiert. Strawinsky, Igor: Musikalische Poetik, Wiesbaden 1960, S. 34.
  24. Rudolf Steiner beschreibt z. B. dieses Bewußtsein in seiner Philosophie der Freiheit - Grundzüge einer modernen Weltanschauung - Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode, Rudolf Steiner Verlag, 16. Auflage, Dornach 1995, ISBN 9783727400407 bzw. TB Tb 627 ISBN 9783727462719 und auch schon in komprimierter, elementarer Weise in seiner der Freiheitsphilosophie vorausgehenden Doktorarbeit, die unter dem Titel "Wahrheit und Wissenschaft - Vorspiel einer 'Philosophie der Freiheit'" erschienen ist; Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2012. ISBN 9783727400315, 4. überarbeitete Auflage. Es geht hier um die Charakterisierung der 'Intuition' und um den Weg zu ihr.
  25. Friedrich Oberkogler. Vom Wesen und Werden der Musikinstrumente, Novalis Verlag, Schaffhausen, 1985; ISBN 3721400062
  26. 'Über-Kreuz-Erleben': Begleitheft zur CD-Ausgabe der Symphony No. 2 in f-Moll durch Martin Scherber, Seite 5; Cascade Medienproduktions- und Vertriebs GmbH, Staufen im Breisgau 2010, Order 05116; World Premiere Recording.
  27. siehe Yehudi Menuhin: Anmerkung 18
  28. Richard Wagner "...am Ende seines Lebens. Er und Liszt sprachen in Venedig über einsätzige Symphonien, die vor allem Wagner gern noch schreiben wollte." (Martin Gregor-Dellin: Richard Wagner. Eine Biographie in Bildern - Das Bayreuther Werk in Richard Wagner: Werke, Schriften und Briefe, S. 51696 aus Digitale Bibliothek Publishing GmbH, Berlin, Band 107. Auch in den Tagebüchern von Cosima Wagner Band 2 S. 827 - Digitale Bibliothek Band 107 Richard Wagner S. 40469
  29. Bei Sinfonikern des 20. Jahrhunderts taucht die 'einsätzige' Sinfonie immer häufiger auf. Von Allan Pettersson hörte man z. B.: "No one in the 50‘s noticed, that I am always breaking up the structures, that I was creating a whole new symphonic form." "Niemand nahm in den 1950er Jahren zur Kenntnis, dass ich ständig die [alten] musikalischen Formen aufbrach, dass ich [damit] eine gänzlich neue sinfonische Form schuf", Paul Rapoport: Allan Pettersson. Stockholm 1981, S. 21
  30. Brief von Martin Scherber an Karl Foesel, Nürnberger Kritiker, am 3.4.1952: "es ist der Versuch gewagt, die vier Sätze der klassischen Sinfonie organisch-logisch zusammenzugliedern – nicht spekulativ, sondern künstlerisch -, etwa so wie die 4 Elemente der Natur im Menschen zu einem Leib zusammengegliedert sind, sich durchdringen."
  31. siehe Anmerkung 26, Hinweis zum 'Über-Kreuz-Erleben'


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