Multiple Realisierung

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Als multiple Realisierung wird die in der Philosophie des Geistes häufig angeführte These bezeichnet, nach der ein ganz bestimmtes mentales Ereignis, eine mentale Eigenschaft oder ein mentaler Zustand durch verschiedene physikalische Ereignisse, Eigenschaften oder Zustände realisiert werden kann. Damit wurde die Identitätstheorie, wonach mentale und physische Ereignisse, Eigenschaften und Zustände identisch sind, ins Wanken gebracht und der Übergang zum sog. Funktionalismus eingeleitet.

Nach der Identitätstheorie sollte ein bestimmter mentaler Zustand M, z.B eine ganz bestimmte Art des Schmerzes, mit einer ganz bestimmten Art von Gehirnzustand G, z.B. dem Feuern von bestimmten C-Fasern, identisch sein. M und G werden dabei als Typen und nicht als Token verstanden. Gegen diese Vosrstellung hat sich erstmals Hilary Putnam 1967 gewandt[1]. So sei etwa nicht auszuschließen, dass auch Lurche Schmerzen empfinden, obwohl es höchst unwahrscheinlich ist, dass bei ihnen dabei dieselben Gehirnprozesse ablaufen wie beim Menschen. Gemäß der Hypothese der multiplen Realisierung könnten sogar rein technische Systeme mit künstlicher Intelligenz mentale Fähigkeiten entwickeln, die mit denen des Menschen vergleichbar sind.

Die klassische Identitätstheorie, wonach M-Typen mit G-Typen identisch sind, galt damit als widerlegt, obwohl man immerhin noch wie etwa Donald Davidson annehmen konnte das bestimmte M-Token (also einzelne konkrete mentale Ereignisse) mit ganz bestimmten G-Token (also konkreten Gehirnprozessen) identisch sind. Allerdings stellte sich dann die Frage, was die einzelnen M-Token zu Instanzen einer bestimmten M-Type (z.B. Kopfschmerz) macht. Die Antwort des Funktionalismus war, dass sie alle durch den gleichen Funktionstyp F realisiert werden, der aber durch verschiedenste Gehirnprozesse implementiert werden kann - so wie etwa ein Computerprogramm auf verschiedensten Rechnertypen laufen kann.

Jerry Fodor generalisierte Putnams Hypothese und argumentierte damit gegen einen überzogenen physikalischen Reduktionismus und plädierte insbesondere für die Eigenständigkeit der verschiedenen Einzelwissenschaften[2].

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Hilary Putnam: The Nature of Mental States, ursprünglich veröffentlicht unter dem Titel Psychological Predicates in: W. H. Captain (Hrsg.): Art, Mind and Religion, Pittsburgh 1967, S. 37–48 pdf pdf(2)
  2. Jerry Fodor: Special sciences, in: Synthese 28 (1974) S. 97–115 pdf