Oster-Imagination

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Der Christus als Menschheitsrepräsentant.

Die Oster-Imagination, die Rudolf Steiner gegeben hat, schildert, wie sich aus dem irdisch-kosmischen Geschehen heraus das Bild des Christus formt, der zwischen den Widersachermächten Luzifer und Ahriman steht und beide im Gleichgewicht hält. (Lit.:GA 229, S. 41ff)

Kalk und Ahriman

Der Kalk macht im Jahreslauf, wenn man das Augenmerk auf seine seelisch-geistigen Eigenschaften richtet, bedeutsame Metamorphosen durch. Der Frühlingskalk ist ganz anders geartet als der Winterkalk. Der Winterkalk in seiner Gesamtheit ist gleichsam eine durch und durch zufriedene Wesenheit. Im Winter ist das Geistige der Erde, die mannigfaltigen Elementarwesen, ganz in den Schoß der Erde zurückgekehrt. Die Salze der Erde - und insbesondere der Kalk – sind ganz durchgeistigt. Eben das bedeutet eine tiefe Befriedigung für den Kalk. Er ist gewissermaßen so zufrieden wie ein Menschenkopf, der lange um die Lösung eines schwierigen Problems gerungen hat und nun die Lösung in Form kristallklarer Gedanken in sich trägt.

Wenn es gegen das Frühjahr zu geht, lösen sich nach und nach die Elementarwesen aus den Erdentiefen, das Geistig-Seelische der Erde wird wieder ausgeatmet. Dadurch aber wird der Kalk dumpf in bezug auf seine geistigen Eigenschaften. Er entwickelt nun aber eine rege innere Lebendigkeit und vor allem wird er jetzt begierdenhaft, und das um so mehr, je mehr die Pflanzen aus der Erde heraussprießen. Die Pflanzen entziehen dem Kalk etwas von Wasser und etwas von Kohlensäure, und das entbehrt er, aber er wird dadurch innerlich immer lebendiger. Dieser Prozess setzt sich bis weit gegen den Sommer hin fort.

Dadurch, dass der Kalk innerlich immer lebendiger wird, übt er eine ungeheure Anziehungskraft auf die ahrimanischen Wesenheiten aus. Sie sind ja selbst vorwiegend ätherischer Natur, aber kalt und seelenlos. Jedes Jahr um diese Zeit erwacht die Hoffnung der ahrimanischen Wesenheiten, dass sie Astralisches, das ihnen selbst fehlt, aus dem Kosmos herabziehen ziehen können, um den lebendigen Kalk damit zu beseelen. Sie wollen die Erde, insofern in ihr der Kalk wirkt, so mit Seelischem durchdringen, dass sie bei jedem Tritt, ja bei jeder leisen Berührung Schmerz empfinden würde. Das gäbe den ahrimanischen Wesenheiten ein ungeheures Wohlbefinden. In gewaltigen Imaginationen jagen diese ahrimanischen Hoffnungen im Frühjahr über die Erde. Aber es sind nur Illusionen, die sich die ahrimanischen Wesenheiten machen, ihre Hoffnungen werden regelmäßig jedes Jahr wieder zerstört. An die Natur kommt Ahriman nicht unmittelbar heran.

Der Mensch aber bleibt nicht ungefährdet von diesen ahrimanischen Illusionen. Indem er die Nahrungsmittel genießt, die in dieser Atmosphäre der Hoffnungen und Illusionen gedeihen, wird er auch durchtränkt von diesen ahrimanischen Kräften. Und wenn diese schon das Astralische des Kosmos nicht herunterziehen können, so greifen sie nun um so mehr nach dem Seelischen des Menschen und versuchen es der Erde einzuverleiben. Nach und nach würde die Erde den Menschen aufnehmen. Aus der Erde würde allmählich eine große einheitliche Erdenwesenheit entstehen, in der gleichsam alle Menschen aufgelöst wären. Auf dem Weg dorthin würde der menschliche Organismus immer mehr von dem lebendigen Kalk durchdrungen. Eine immer sklerotischere Menschengestalt mit fledermausartigen Flügeln und ganz verknöchertem Kopf würde entstehen, wie sie Rudolf Steiner im unteren Teil der Statue des Menschheitsrepräsentanten angedeutet hat. Diese Gestalt würde sich schließlich ganz im Irdischen auflösen, ganz zum Bestandteil der irdisch-ahrimanischen Wesenheit werden.

Kohlensäure und Luzifer

Der Christus als Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und Ahriman, Holzskulptur von Rudolf Steiner.

Wenn im Frühjahr die Elementarwesen aus der Erde heraufsteigen in jene Regionen, wo die Erdendünste, die Luft und die Wärme wirken, sich dort mit den Wolkenbildungen verbinden und sich dabei auf Bahnen bewegen, die den planetarischen Rhythmen entsprechen, kommen sie in den Bereich der luziferischen Mächte. Diese sind ganz anders geartet als die ahrimanischen Wesen, aber auch in ihnen erwachen zur Frühjahrszeit bestimmte Hoffnungen und Illusionen. Die ahrimanischen Wesen sind ätherischer Natur und ihnen mangelt das Seelische. Die luziferischen Geister hingegen sind astrale Wesen, denen das Ätherische fehlt, die aber eine ungeheure Sehnsucht haben, sich zum ätherischen Zustand zu verdichten. Besonders zur Frühlingszeit erwacht in ihnen die Hoffnung, dass ihnen das gelingen könnte. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Kohlensäure.

Die Pflanzen, die im Frühling aus der Erde zu sprießen beginnen, bauen sich dadurch auf, dass sie Kohlensäure assimilieren. Mit Hilfe der Kohlensäureassimilation ernährt sich die Pflanze durch Photosynthese im Grunde unmittelbar vom Sonnenlicht. Während bei den Pflanzen die Kohlensäure ganz am Beginn ihrer Lebenstätigkeit steht, ist sie bei Tier und Mensch das Endprodukt des Stoffwechsels und damit Ausdruck eines radikalen Abbau- bzw. Todesprozesses. Was für die Pflanze lebensfördernd ist, wirkt auf den Menschen in höherer Dosis tödlich. Diese Todesprozesse sind aber notwendig, um das bloß vegetative Leben der Pflanze zum Bewusstseinsleben des Menschen zu verwandeln. Tatsächlich spielt das im Blut gelöste und zum Gehirn transportierte Kohlendioxid eine wesentliche Rolle für die Ausbildung des menschlichen Bewusstseins. Wird das Kohlendioxid durch Hyperventilation zu stark abgeatmet, treten Schwindelanfälle auf; das Bewusstsein wird getrübt. Es können sogar Krämpfe auftreten, was ein Zeichen dafür ist, dass der Astralleib aufgrund des Kohlendioxidmangels nicht genügend in den Organismus eingreifen kann.

Die Kohlensäure wird sehr stark angezogen von den luziferischen Wesen. Sie wollen gleichsam die Kohlensäure von der Erde weg nach oben heben, sie wollen eine Art Kohlensäureverdunstung bewirken. Gelänge ihnen das in größerem Umfang, müsste alles Atmen auf der Erde aufhören, alle atmenden Wesen müssten ersticken. Dann müsste auch das Physische des Menschen abfallen und sein Ätherisches könnten die luziferischen Mächte heraufziehen und dadurch selbst ätherische Wesen werden. Sie wollen eine Äthersphäre der Erde schaffen, die sie selbst bewohnen können.

Könnten die luziferischen Wesen ihr Ziel erreichen, würde eine Äthergestalt entstehen, die die unteren Partien des menschlichen Leibes nicht hätte. Der Leib wäre, imaginativ betrachtet, wie aus bläulich-violettem Erdendunst geschaffen, aber nur bis zur Brust ausgebildet. Das Haupt dieser merkwürdigen Gestalt ist idealisch übersteigert und aus den Wolken heraus bilden sich in gelblich-rötlichen Farbtönen so etwas wie weit ausgreifende Flügel, die sich von der Seite her zu Gehörorganen verdichten und nach vorne hin zu einem mächtigen Kehlkopf zusammendrängen. Diese Flügel in ihren wellenartigen Formungen ertasten alles, was im Weltenall geheimnisvoll webt und wirkt. Und was die Flügel so ertasten, das wird durch die Ohrenbildungen ergriffen und durch den mächtigen Kehlkopf zum schöpferischen, schaffenden Wort verdichtet, in dem sich die Geheimnisse des Weltalls aussprechen.

Tafel III zu (Lit.:GA 229, S. 45)

„So wie unten die ahrimanischen Wesenheiten ihre Hoffnungen bekommen und ihre Illusionen durchmachen, so machen oben die luziferischen Wesenheiten ihre Hoffnungen und ihre Illusionen durch.

Wenn wir genauer eingehen auf die Natur der ahrimanischen Wesenheiten, so ist diese eigentlich ätherisch. Und es fehlt den ahrimanischen Wesenheiten, die eigentlich die von Michael gestürzten Wesenheiten sind, die Möglichkeit, sich so zu entfalten, daß sie auf andere Art als durch den lebendig-begehrlich gewordenen Kalk Herrschaft bekommen könnten über die Erde.

Die luziferischen Wesenheiten da oben, sie durchströmen und durchsetzen dasjenige, was da hinaufgezogen ist und sich nun in den oberen Elementen der Erde regsam macht. Sie durchsetzen das, und sie sind eigentlich, diese luziferischen Wesen, rein astralischer Natur. Sie bekommen nun die Hoffnung, durch alles das, was da im Frühling anfängt hinaufzustreben, ihre astralische Natur durchsetzen zu können mit ätherischer Natur und eine Ätherhülle der Erde hervorzurufen, die aber dann bewohnt werden könnte von ihnen selber. Man kann also sagen: Die ahrimanischen Wesen streben danach, die Erde astralisch zu beseelen (Tafel III, rötlich); die luziferischen Wesenheiten streben danach, von oben herunter das Ätherische in ihr Wesen aufzunehmen (Blau mit Gelb).“ (Lit.:GA 229, S. 45)

Bis zu einem gewissen Grad sind die Hoffnungen der luziferischen Wesenheiten in der Vergangenheit tatsächlich erfüllt worden – und das hatte auch wesentliche, durchaus positive Konsequenzen für den Menschen. Indem sie die Hauptestätigkeit des Menschen mit den Kohlensäurekräften durchzogen haben, weckten sie das Bewusstsein des Menschen und schufen damit die Grundlage für die menschliche Freiheit.

Die Freiheit entfaltet sich zunächst im Denken. Die Denkkräfte sind eine Metamorphose der Fortpflanzungskräfte. Die Freiheit des Denkens wurde in der Frühzeit der Menschheitsentwicklung vorbereitet durch die Befreiung der Fortpflanzungskräfte von der engen Bindungen an den Jahreslauf, wie sie im Tierreich noch sehr stark gegeben ist. Auch bei den Menschen war es noch in alten Zeiten so, dass die Befruchtung nur zur Frühjahrszeit geschehen konnte und die Geburten dann in die Weihnachtszeit fielen. Von dieser jahreszeitlichen Bindung wurden wir durch die luziferischen Wesenheiten befreit. Ihnen verdanken wir die Möglichkeit der Freiheit.

Christus zwischen Luzifer und Ahriman

Osterimagination - Tafel IV zu (Lit.:GA 229, S. 51f)

Jedes Jahr zur Osterzeit erneuert sich in gewisser Weise das Mysterium von Golgatha, der Tod und die Auferstehung des Christus. Und so erscheint in der Oster-Imagination der Christus in seiner Auferstehungsgestalt, oben überschwebt von den luziferischen Mächten, unten gegründet auf die ahrimanischen Gewalten, beide nicht bekämpfend, sondern in das rechte Gleichgewicht bringend. In der Formung des Christus-Kopfes wird der Sieg über die ahrimanischen Mächte deutlich und das Christus-Antlitz, die ganze Physiognomie, erscheint mit einem solchen Blick, mit einer solchen Mimik, die abgerungen ist den verflüchtigenden Kräften Luzifers. Fest stehend auf dem Irdischen, in dem Ahriman wirkt, wird zugleich die auflösende, das Physische zum Ätherischen verflüchtigen wollende luziferische Kraft in gesunder Weise hereingeholt in das Irdische.

„Damit sehen Sie zugleich, wie berechtigt es war, das Christus-Bild so zu formen, wie es hier bei uns geformt wurde, denn das ist aus dem kosmischen Werden im Jahreslaufe herausgeboren. Daran ist nichts Willkürliches. Da ist jeder Blick, da ist jede Konfiguration im Antlitz, da ist jede verlaufende Falte im Gewände so zu denken, daß sich hineinstellt das Christus- Bild zwischen das Luziferbild und das Ahrimanbild als dasjenige, was im Menschen in der Erdenentwickelung wirken soll so, daß der Mensch entrissen werde gerade in der Zeit, in der er am meisten verfallen kann den luziferischen und ahrimanischen Mächten, in der Oster-, in der Frühlingszeit, eben diesen ahrimanischen, diesen luziferischen Mächten.

Wiederum ist es so, daß wir gerade an diesem Christus-Bild sehen: Es kann nichts willkürlich in dem Sinne, wie man es heute künstlerisch liebt, gemacht werden. Gerade wenn der Mensch seine völlige Freiheit im Künstlertum entwickeln will, dann kettet er sich nicht sklavischahrimanisch an Material und Modell, dann erhebt er sich frei in geistige Höhen und schafft aus den geistigen Höhen heraus frei, was frei da zu schaffen ist, weil in geistigen Höhen eben die Freiheit walten kann. Dann wird es so sein, daß er aus einem bläulich-violettlichen Dunstgebilde heraus dieses schafft, was eine Art Brustgebilde des Luziferischen ist, daß er wie aus Wolkengebilden rötlich hervorkommend dasjenige schafft, was Flügel- und Kehlkopf- und Ohrengebilde ist, damit das wie aus Wolken heraus gebildete Flügel-Kehlkopf-Ohrgebilde zu gleicher Zeit in seiner vollen Realität erscheinen kann als malerisches Abbild dessen, was diese Wesen draußen astralisch sind, was sie ätherisch zu werden drohen (siehe hierzu und zum folgenden: Tafel IV).

Denn stellen Sie sich einmal lebendig diese im Astralischen wirkenden, nach dem Ätherischen hinstrebenden Flügel Luzifers vor, dann werden Sie finden, daß sie, weil sie tastend sind, diese Flügel, indem sie herumtasten in den Weltenweiten, indem sie herumwirken in den Weltenweiten, alle Kraftgeheimnisse des Weltenalls erfühlen. Es ist im Luziferischen ein Herumschweifen, ein Sich-Herumbewegen in Wellen, so daß diese Flügel in ihren wellenförmigen Bildungen alles ertasten, was an geheimnisvoll-geistigen, spirituellen Wellenwirkungen im Weltenall vorhanden ist. Und was da in diesen Wellen ertastet wird, das geht durch die Ohrenbildung in das Innere des Luziferwesens, setzt sich da fort. Das Luziferwesen begreift durch die Ohrenbildungen, was es ertastet durch die Flügel, und durch den damit verbundenen Kehlkopf wird das zum schaffenden Worte, das in den Formen des Lebendigen west und lebt.

Wenn Sie also ein solches luziferisches Wesen mit seinen gelblichrötlichen Flügel-Ohren-Kehlkopf bildungen anschauen, so sehen Sie in ihm dasjenige, was da wirkt im Weltenall als ertastend die Geheimnisse des Weltenalls durch die Flügel, erlebend diese Geheimnisse des Weltenalls durch die nach ihnen fortwirkenden Ohrengebilde, aussprechend im schöpferischen Worte diese Geheimnisse des Weltenalls in diesem mit Flügel und Ohr als einem organischen Ganzen verbundenen Kehlkopf.“ (Lit.:GA 229, S. 51f)

Bildhauerisch ausgestaltet wurde das Motiv der Oster-Imagination von Rudolf Steiner gemeinsam mit Edith Maryon in der Holzplastik des Menschheitsrepräsentanten und in der Kuppelmalerei des ersten Goetheanums. Dazu sollte nach der Meinung Rudolf Steiners ein Mysterienspiel mit dem Menschen und Raphael mit dem Merkurstab als Hauptpersonen zur Aufführung gebracht werden: Der Mensch, belehrt von Raphael, inwiefern die ahrimanischen und luziferischen Kräfte den Menschen krankmachen, und inwiefern man durch die Raphael-Gewalt angeleitet werden kann, das heilende Prinzip, die große Weltentherapie, die im Christus-Prinzip lebt, zu durchschauen, zu erkennen. (Lit.: GA 229, S. 53)

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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