Paul Alfred Weiss

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Paul Alfred Weiss
Paul Weiss (1963)

Paul Alfred Weiss (* 21. März 1898 in Wien; † 8. September 1989 in White Plains, USA) war ein österreichisch-amerikanischer Biologe. Er trug wesentliches zur Systemtheorie bei und führte eine Feldtheorie in die Embryologie ein.

Leben

Paul Weiss wurde 1898 in Wien als Sohn von Carl S. Weiss, einem Geschäftsmann, und Rosalie Kohn-Weiss geboren. Schon früh interessierte er sich für Musik, Dichtung und Philosophie und spielte Geige. Ein Onkel begeisterte ihn für die Wissenschaften. 1916 maturierte Weiss und diente anschließend bis zum Ende des Ersten Weltkriegs als Artillerie-Offizier in der Österreichisch-Ungarischen Armee.

Im Herbst 1918 begann Weiss zunächst Rechtswissenschaft und Ingenieurwissenschaften zu studieren, wechselte aber dann zur Biologie. Ein Jahr später schloss er seine Dissertation über die Bewegung der Schmetterlingsflügel in Wien bei Hans Leo Przibram in der Biologischen Versuchsanstalt im Wiener Prater ("Vivarium") ab. Noch im selben Jahr veröffentlichte er zum hundertjährigen Jubiläum der "Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte" die bis heute kontroverse diskutierte Resonanztheorie, mit der er die Daten seiner Transplantations- und Explantationsexperimente mit den Gliedmaßen von Salamandern interpretierte.

1926 heiratete Weiss Maria Helen Blaschka und bewarb sich 1927 erfolgreich für ein RF-Stipendium und führte Forschungen zur Gewebekultur und Nerven-Muskel-Reinnervation am Ozeanographischen Institut in Monaco, der Sorbonne in Paris und dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie in Berlin-Dahlem durch. Als er 1930 wegen der Depression in Deutschland einen angestrebten Posten an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main nicht erhielt, übersiedelte Weiss in die USA.

Ab September 1931 arbeitete Weiss als Sterling Fellow an der renomierten amerikanischen Yale University im Labor von Ross Granville Harrison, der damals als Doyen der amerikanischen Embryologie und Meister der Gewebekulturtechniken galt. Hier überprüfte er, ob seine früher gewonnenen Erkenntnisse über die durch mechanische Spannungen beeinflusste Orientierung einer Mischung aus koaguliertem Blutplasma und embryonischem Extrakt auch für das Auswachsen von Nervenfasern gelten würden. Den von Alexander Gurwitsch in die Biologie eingeführten und von Harrison und Hans Spemann weitergedachten Begriff des morphischen Feldes, der etwa gleichbedeutend mit dem von dem Neovitalisten Hans Driesch im Rahmen der Biologie verwendeten Begriff der Entelechie war, entwickelte Weiss weiter zu einer Feldtheorie der Morphogenese, die fast 50 Jahre später den Weg für das Konzept der Positionsinformation ebnete.

1934 wurde Weiss als Nachfolger von Benjamin Willier als Assistenz-Professor an die University of Chicago berufen und vier Jahre später in die Star-Umfrage der führenden amerikanischen Wissenschaftler aufgenommen. Wegweisend war auch sein 1939 veröffentlichtes Lehrbuch «Principles of Developmeny», das allerdings erst nach über zehn Jahren als Meisterwerk der experimentellen Embryologie anerkannt wurde.

1942 wurde Weiss von der Universität von Chigago zum Professor für Zoologie ernannt und setzte seine Studien über das Wachstum und die Entwicklung von Embryonal- und Nervenzellen fort. Er bewies u.a. die Existenz von Neurofibrillen in Wirbeltier-Nervenzellen und untersuchte die mechanische Belastung im Knorpel. Die Entdeckung der Nervenfaszikulation, die zur Wiedervereinigung kleiner Nerven durch Tubulation führt, wurde von ihm zu einer Tubulationstechnik ausgearbeitet, die für die Neurochirurgie so bedeutsam wurde, dass er während des Zweiten Weltkriegs zum führenden Forscher der Regierungsforschung über Nervenreparaturen wurde. Während seiner Arbeit für das Komitee der medizinischen Forschung des OSRD versuchte er und seine Gruppe auch, die ersten Nervenbänke von gefriergetrockneten Geweben anzulegen.

Darüber hinaus erkannten er gemeinsam mit seinen Mitarbeitern die Bedeutung der kolloidalen Exsudate für die Gewebeorganisation und wie der Durchmesser der Nervenzellen aufgebaut wird. Mit Hilfe radioaktiver Tracer maß seine Gruppe den stetigen proximo-distalen Fluss von Flüssigkeit durch die Nervenfasern, was 1948 zu der wichtige Entdeckung des axonalen Transports in peripheren Nerven durch Weiss und seine Assistentin Helen Hiscoe führte. Dabei zeigte sich, dass das Wachstum der Nervenfasern von bestimmten Nervenzentren in den kernhaltigen Zellkörpern ausgeht.

Zufällig entdeckte Weiss, dass spontane rhythmische peristaltische Nervenentladung eine grundlegende Eigenschaft des motorischen Nervenzellenpools sind. Das wies ihm in den 1960er-Jahren den Weg für seine Arbeit über pulsierende peristatltische Wellen auf der Oberfläche von Neuronen und die kontraktilen Bewegungen der Nervenscheiden.

1948 wurde Weiss von der International Union of Biological Sciences beauftragt, an der Universität von Chigago einen Kongress zu verschiedenen Aspekten des Nervensystems auszurichten. Sechs Jahre später berief ihn Detlev W. Bronk, damals Präsident des Rockefeller Institutes, zum Direktor des neu gegründeten Labors für Entwicklungsbiologie, was Weiss begeistert annahm.

1956 wurde Weiss Professor für Biologie am MIT. Mit dem Konzept der molekularen Ökologie und dem Begriff der Kontaktführung erklärte er die zelluläre Spezifität, die er und Cecil Taylor in einer Reihe von Experimenten an der University of Chicago und dem Rockefeller Institute von 1950 bis 1960 untersuchten. Die gemeinsame Arbeit gipfelte in der berühmten Feststellung, dass einzellige Zellsuspensionen aus embryonalen Organen den ursprünglichen Organtyp, dem sie entnommen worden waren, wieder aufbauen konnten, indem sie sich organspezifisch differenzieren. Die Experimente, die er mit seinen Mitarbeitern durchführte, zeigten erstmals, das Zellen, denen durch Beigabe des Enzyms Trypsin die Erinnerung an ihren früheren Zellzusammenhang genommen worden war, sich dennoch zu ihren ursprünglichen Organen reorganisieren konnten.

1964 verließ Weiss das Rockefeller Institute um - allerdings mehr als zögerlich - einem Ruf an die Graduate School of Biomedical Sciences der University of Houston (GSBS) zu folgen. Eine prestigeträchtige Position an der Indiana University Bloomington schlug er zugleich aus. Aus politischen Gründen verließ er Houston schon nach 11 und kehrte im Frühjahr 1966 an die Rockefeller-Universität zurück.

Paul Alfred Weiss starb 91-jährig am 8. September 1989 in einem Krankenhaus in White Plains.

Ehrungen

1954 wurde Weiss in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. 1966 wurde er zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gewählt.[1] 1979 erhielt er die National Medal of Science für Biologie.

Schriften

  • 1968: Dynamics of Development: Experiments and Inferences, New York
  • 1973: The Science of Life. The Living System - A System for Living, ISBN 0-87993-034-9

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Mitgliederverzeichnis Leopoldina, Paul Weiss


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