Pyrrhonismus

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Pyrrhonismus ist die Bezeichnung für eine historische Variante des Skeptizismus, die auf den antiken griechischen Philosophen Pyrrhon von Elis (ca. 362 v. Chr. – 275/270 v. Chr.) zurückgeht. Der Pyrrhonismus, auch „pyrrhonische Skepsis“ genannt, ist die älteste in Europa entstandene Form des Skeptizismus. Seine Anhänger werden Pyrrhoneer (seltener Pyrrhoniker) genannt.

Begriffsabgrenzung

Im Unterschied zu Platonikern, Peripatetikern, Stoikern und Epikureern gab es bei den Pyrrhoneern keine Schule als Institution mit festem Sitz, sondern nur einzelne Lehrer, um die sich Schüler scharten.

Man unterscheidet zwischen Älterem und Jüngerem Pyrrhonismus. Der Ältere Pyrrhonismus, auch Ältere Skepsis genannt, ist die von Pyrrhon selbst sowie seinen Schülern und deren Schülern vertretene Philosophie. Der prominenteste Schüler Pyrrhons war Timon von Phleius. Als Jüngeren Pyrrhonismus bezeichnet man die im 1. Jahrhundert v. Chr. von Ainesidemos begründete Tradition. Ihr bekanntester Vertreter ist Sextus Empiricus, der im späten 2. Jahrhundert n. Chr. lebte.

Neben der pyrrhonischen Skepsis gab es in der Antike noch eine weitere skeptische Hauptrichtung, die „akademische Skepsis“, die in der Platonischen Akademie rund 180 Jahre lang herrschte. Die akademischen Skeptiker vertraten zum Teil gemäßigtere Varianten des Skeptizismus als die Pyrrhoneer, die alle radikal (aus ihrer Sicht: konsequent) waren. Pyrrhoneer wie Sextus Empiricus betrachteten nur ihren eigenen Skeptizismus als völlig konsequent und unterstellten den akademischen Skeptikern mangelnde Folgerichtigkeit. Die Unterschiede zwischen den Pyrrhoneern und der radikalen Richtung unter den akademischen Skeptikern, zu der vor allem Kleitomachos zählte, waren allerdings sehr gering.

In der Frühen Neuzeit wurde der Pyrrhonismus breiteren Kreisen von Gebildeten bekannt, nachdem in den sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts Werke des Sextus Empiricus in lateinischer Übersetzung erschienen waren. Man übernahm nun von Sextus die Dreiteilung der Philosophen in „Akademiker“, (pyrrhonische) „Skeptiker“ und „Dogmatiker“. „Dogmatiker“ war die abschätzige Bezeichnung der Skeptiker für alle nichtskeptischen Philosophen. Den „Akademikern“ (akademischen Skeptikern) unterstellte man in der Frühen Neuzeit oft – historisch unzutreffend – einen „dogmatischen Skeptizismus“ („Ich weiß, dass ich nichts weiß“ als Tatsachenbehauptung), den Pyrrhoneern – korrekt – die Einbeziehung ihrer eigenen Aussagen in die Skepsis („Selbsteinschluss“ des Skeptizismus).

Zu den Inhalten des Pyrrhonismus siehe die Hauptartikel Skeptizismus und Pyrrhon von Elis.

Rudolf Steiner bemerkt dazu in «Die Rätsel der Philosophie» (GA 18):

„Das Gedankenwahrnehmen führt die menschliche Seele zur Anerkennung ihrer selbst. Es kann aber auch eintreten, daß die Seele sich ohnmächtig fühlt, das Gedankenerleben so zu vertiefen, daß sie in ihm einen Zusammenhang findet mit den Gründen der Welt. Dann fühlt sich die Seele losgerissen von dem Zusammenhang mit diesen Gründen durch das Denken; sie fühlt, daß in dem Denken ihr Wesen liegt; aber sie findet keinen Weg, um im Gedankenleben etwas anderes als nur ihre eigene Behauptung zu finden. Dann kann sie sich nur dem Verzicht auf jede wahre Erkenntnis ergeben. In solchem Falle waren Pyrrho (360—270 v. Chr.) und seine Anhänger, deren Bekenntnis man als Skeptizismus bezeichnet. Der Skeptizismus, die Weltanschauung des Zweifels, schreibt dem Gedankenerleben keine andere Fähigkeit zu, als menschliche Meinungen sich über die Welt zu machen; ob diese Meinungen für die Welt außerhalb des Menschen eine Bedeutung haben, darüber will er nichts entscheiden.“ (Lit.:GA 18, S. 79)

Rezeption

Bereits Cicero[1] (* 106 v. Chr.; † 43 v. Chr.) zählt die Pyrrhoneer (wie auch die Megariker, die Eretriker und die Herilleer) zu den seit langem in Vergessenheit geratenen Philosophen.

Siehe auch

Literatur

  • Anthony Arthur Long, David N. Sedley (Hrsg.): Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare. Metzler, Stuttgart 2000, ISBN 3-476-01574-2, S. 13–27, 559–582 (Übersetzung von Quellentexten mit Kommentar).
  • Christian Breker: Einführender Kommentar zu Sextus Empiricus’ „Grundriss der pyrrhonischen Skepsis“. Universitätspublikation, Mainz 2011 (online verfügbar).
  • Myles Burnyeat (Hrsg.): The Skeptical Tradition. University of California Press, Berkeley 1983, ISBN 0-520-03747-2 (wichtige Aufsätze, auch zur neuzeitlichen Rezeption des Pyrrhonismus).
  • Gabriele Giannantoni (Hrsg.): Lo scetticismo antico. 2 Bände, Bibliopolis, Napoli 1981 (zahlreiche Aufsätze).
  • Markus Völkel: Pyrrhonismus historicus und Fides historica. Lang, Frankfurt 1987.
  • Woldemar Görler: Älterer Pyrrhonismus. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 4: Die hellenistische Philosophie. 2. Halbband, Schwabe, Basel 1994, ISBN 3-7965-0930-4, S. 721–774 (und S. 983–986 zu Ainesidemos).
  • Rudolf Steiner: Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt, GA 18 (1985), ISBN 3-7274-0180-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Einzelnachweise

  1. Cicero, De oratore 3,62.


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