Robert Hamerling

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Robert Hamerling, Stich von Doris Raab

Robert Hamerling, geboren als Rupert Johann Hammerling, (* 24. März 1830 in Kirchberg am Walde, Niederösterreich; † 13. Juli 1889 in Stifting bei Graz) war ein österreichischer Dichter und Schriftsteller. Er zählte zu seiner Zeit zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. Zu seinen Hauptwerken zählt das Epos Ahasverus in Rom (1865), das ihn einer breiten Leserschaft erst bekannt machte, und Der König von Sion (1869).

Leben

Robert Hamerling wurde als Sohn eines mittellosen Webers in Kirchberg am Walde im Waldviertel geboren.

„Eigentümlich ist bei Robert Hamerling das Herauswachsen aus dem Kleinsten. Aus dem nieder-Österreichischen Waldviertel stammt er, aus jener armen Gegend, die ihre Früchte nur schwer tragt, weil es ein steiniger Boden ist, der aber vielfach mit Wald bedeckt ist, einer Gegend, die lauschig, anmutig ist, die in ihrer hügeligen Natur besonders bezaubernd werden kann. Aus dieser eigentümlichen Natur und aus der Begrenztheit des Wesens der Menschen wuchs Robert Hamerlings weiter Geist heraus, wirklich, er wuchs heraus. Und er wuchs hinein in ein ebensolches Stehen zu dem deutschen Wesen, wie Karl Julius Schröers Geist. Wir sehen das in einer der besten Dichtungen Robert Hamerlings, «Germanenzug», wo ja gerade die Art und Weise ganz besonders deutlich zum Ausdruck kommt, wie in Robert Hamerling, dem österreichischen Dichter, deutsches Wesen lebte. Die alten Germanen ziehen von Asien herüber, lagern sich am Kaukasus. Wunderbar, ich möchte sagen, mit zauberischer Anschaulichkeit ist geschildert, wie der Abend hereinbricht, wie die Sonne untergeht, Dämmerung waltet, der Mond erscheint, wie sich das ganze Germanenheer lagert, Schlaf sich ausbreitet und nur der eine blondgelockte Jüngling, Teut, wacht; wie diesem Teut der Geist Asia erscheint, der die Seinen nach Europa entläßt, und wie der Geist Asia den Teut mit dem durchdringt, was den Germanen bis hin zu ihrer Entwickelung im Deutschtum von der Geschichte bevorsteht. Da wird das Große groß, da wird aber auch schon mit edler Kritik dasjenige, was zu tadeln ist, ausgesprochen.“ (Lit.:GA 65, S. 335f)

Ab 1840 besuchte Hamerling – mit Unterstützung von Gönnern und Förderern – das Gymnasium des Zisterzienserstifts Zwettl und danach das Schottengymnasium in Wien. 1848 schloss er sich der Revolution („Deutschland ist mein Vaterland! Und Öst’rreich? ei, mein Mutterland!“) an und begann sein Studium an der Universität Wien (Studienfächer: Klassische Philologie, Philosophie, Geschichte, Medizin).

„In Robert Hamerling, in dem sich, ich möchte sagen, der österreichische Deutsche schon dadurch zum Ausdruck brachte, daß etwa wie eine Art Wahlspruch Hamerlings war: «Deutschland ist mein Vaterland, Österreich ist mein Mutterland», der zusammenfaßte ein gutes Österreichertum mit einem guten Deutschsein, in diesem Hamerling kam ja alles, was Durchdringen des Idealismus mit unmittelbarem Fühlen und mit Anschauung genannt werden kann, unmittelbar zum Ausdruck. Man hat oftmals ja auch innerhalb Österreichs, wo man es hätte besser verstehen können, abgeurteilt über Hamerlings anschaulich sinnliche Bilder, ich möchte sagen, sinnlich durchtränkte Bilder, zum Beispiel in seinem «Ahasver», auch in der «Aspasia» und im «König von Sion». Aber man hatte dabei nicht begriffen, daß gerade der Idealismus, dieser, ich möchte sagen, bei Hamerling österreichische Idealismus das Sinnesbild brauchte, um sich darin anschaulich zu machen, um nicht zu kranken an der Spaltung der Welt in das Sinnliche auf der einen Seite und in das Geistige auf der anderen Seite. Und so wurde für Hamerling geradezu das durchgeistigte Sinnliche, der ästhetische Idealismus dasjenige, wonach er als einem Zukunftsbild hinordnete sein ganzes Fühlen, sein ganzes Empfinden und sein ganzes Denken.“ (Lit.:GA 65, S. 124)

1852 war Hamerling als Aushilfslehrer für klassische Sprachen in Wien tätig. Von 1853 bis 1854 unterrichtete er am Akademischen Gymnasium in Graz, von 1855 bis 1866 arbeitete er, nachdem die von ihm gewünschte Versetzung nach Budapest durch die Unachtsamkeit seines Grazer Gymnasialdirektors Kaltenbrunner gescheitert war - als Gymnasiallehrer in Triest. Dort verfasste er Theaterkritiken für die Triester Zeitung.

„Der Direktor jenes Gymnasiums in Graz, an dem Robert Hamerling supplierender Lehrer war, war damals der brave Kaltenbrunner. Robert Hamerling hörte: In Budapest gibt es eine Vakanz, da gibt es eine Gymnasiallehrerstelle. - Dazumal war der Dualismus Österreich-Ungarn noch nicht vorhanden, sondern es war noch so, daß die Gymnasiallehrer von Graz nach Budapest, von Budapest nach Graz versetzt werden konnten. Er machte sein Gesuch um diese Gymnasiallehrerstelle in Budapest, schrieb es schön und übergab es mit sämtlichen Zeugnissen dem braven Direktor Kaltenbrunner. Nun, der brave Kaltenbrunner legte es ins Fach hinein und vergaß es, vergaß die Geschichte, und das, was geschah, war, daß in Budapest von anderer Seite her die Stelle besetzt worden ist. Hamerling kriegte die Stelle nicht, aber just, weil der brave Kaltenbrunner vergessen hat, das Gesuch zu der höheren Behörde hinaufzuleiten, die es dann, wenn sie es nicht vergessen hätte, zu der nächsthöheren, diese wieder zu der nächsthöheren und so weiter geleitet hätte, bis es dann zum Minister gekommen wäre, dann wiederum herunter, nicht wahr, und so fort. Kurz und gut, es bekam ein anderer die Budapester Stelle, und Robert Hamerling verbrachte die zehn Jahre, um die es sich für ihn als wichtige Jahre handelte, nicht in Budapest, sondern in Triest, weil sich später in Triest eine Stelle fand, die ihm dann zugeteilt wurde, weil selbstverständlich ein zweites Mal der brave Kaltenbrunner das Gesuch Hamerlings nicht wiederum verbummelt hat, nicht wahr!

Also äußerlich betrachtet ist an dem wichtigsten Ereignis in Hamerlings Entwickelungsgange die Bummelei des braven Kaltenbrunners schuld, sonst würde Hamerling in Budapest versauert sein! Damit ist gar nichts gegen Budapest gesagt, selbstverständlich, aber Hamerling wäre ganz gewiß dort versauert und hätte nicht zu dem kommen können, was gerade seinem Herzen und seiner Seele ganz besonders angemessen war. Und ein richtiger, wahrer Biograph würde nun erzählen können, wie es kam, daß Robert Hamerling von Graz nach Triest gekommen ist, indem der Kaltenbrunner sein Gesuch um die Stelle in Budapest einfach verbummelt hat.

Nun, es ist das ein eklatanter Fall, aber solche Fälle gibt es unzählige, ganz ungezählte im Leben. Und derjenige, der das Leben nur am Faden der äußeren Ereignisse prüfen will, der findet eben, selbst wenn er glaubt, Ursachenzusammenhänge konstatieren zu können, kaum Ursachen, die tiefer zusammenhängen mit ihren Wirkungen, als die Bummelei des braven Kaltenbrunner mit der geistigen Entwickelung des Robert Hamerling. Das ist nur so eine Bemerkung, die ich mache, um Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es in der Tat notwendig ist, dringend notwendig ist, daß gerade der Grundsatz in die Seele der Menschen übergeht, das äußere Leben nicht anders zu nehmen in seinem Verlaufe denn als Symptom, das das Innere offenbaren soll.“ (Lit.:GA 185, S. 155f)

Im Herbst 1866 musste Hamerling wegen eines chronischen Magenleidens (1889: unheilbarer Magenkrebs)[1] pensioniert werden und lebte fortan in Graz, wo seine fruchtbarste literarische Schaffensphase begann.

Hamerling hat ein gutes Buch geschrieben: «Die Atomistik des Willens.» Er ist ein ernster Denker und hat ernste Gedanken. Sie sind im Schopenhauerschen Sinne geschrieben, aber es sind Gedanken, die sich bemühen, zum Wesen der Dinge zu kommen. Hamerling sagt: Eines ist unbedingt sicher: Kein Mensch wird sein eigenes Dasein in Abrede stellen wollen, kein Mensch wird zugeben, daß er selbst nur ein gedachtes Sein hat, daß sein Sein aufhört, wenn er nicht mehr denkt. Auch Schiller sagt ja einmal: Ja, Descartes behauptet: ich denke, also bin ich. Aber ich habe schon oft nicht gedacht und bin doch dagewesen.

Hamerling sucht eine ähnliche Gesinnung wiederzugewinnen wie Schopenhauer: Ich muß allen übrigen Wesen auch ein Existenzgefühl zuerkennen. Das Ich und die Atome sind für ihn die beiden Pole. - Es ist das alles immer etwas spärlich, auch das Hamerling-Buch. Um dem Illusionismus zu entkommen, sucht er sich das so auszuführen, daß er sagt: Nur dasjenige Sein können wir verwirklichen, innerhalb dessen wir selbst stehen. - Mit allem Scharfsinn sucht Hamerling das auszuführen.“ (Lit.:GA 52, S. 131)

„Es prägt sich einem allerdings tief eine Szene ein, an die man erinnert werden muß, wenn man Hamerling, den österreichischen Dichter, in seiner ganzen Eigenart so recht verstehen will. Es ist einige Monate, einige Wochen vor seinem Tode gewesen, da übersiedelte er aus seiner Wohnung in der Stadt Graz - in der Straße, die damals Realschulstraße genannt war, die jetzt Hamerlingstraße heißt - in sein kleines Sommerhäuschen, das so lauschig gelegen war an der Peripherie der Stadt. Zwei Dienstmänner mußten den Kranken heruntertragen, drei Etagen hoch, so hoch war seine Wohnung gelegen. Mehrmals war er einer Ohnmacht nahe. Aber zu beiden Seiten hatte er, umwunden von einem breiten Band, das ihm stolagleich vom Hals herunterhing, zwei Pakete hängen, die eingewickelten Manuskripte seines letzten Werkes, der «Atomistik des Willens». Es ist charakteristisch für die Art, wie dieser Dichter lebte, und was er liebte. Nicht einen Augenblick wollte er dieses Manuskript seines philosophischen Werkes aus seinen Händen in andere Hände geben! So krank war er, daß er von zwei Dienstmännern heruntergetragen werden mußte, aber bewahren wollte er sich das, worin er lebte. Und jetzt wurde er heruntergetragen und hinausgefahren nach dem Stiftinghaus, bei schönstem Sonnenschein, und stöhnte: Ach, wie angenehm, so zu fahren, nur nicht so krank, nicht so krank! - Aber aus dieser äußeren Lebenslage heraus arbeitete eine Seele, ein Geist, der zugewendet war allem Großen, Schönen, allem Geistigen in der Welt, arbeitete so aus der Quelle des Großen, Schönen, Geistigen heraus, daß uns im Grunde genommen nur ganz natürlich klingt, was er über die pessimistische Stimmung sagte, was aber zugleich so klingt, daß uns in Hamerling ein Geist erscheint, der eine lebendige Dokumentation des Kosmos ist dafür, daß in jeder menschlichen Lage möglich ist der Sieg der Geisteskräfte im Menschen über die auch noch so sehr widerstrebenden materiellen und sinnlichen Kräfte.“ (Lit.:GA 154, S. 31f)

Im 60. Lebensjahr verstarb Hamerling am 13. Juli 1889 in seiner (heute noch bestehenden) Villa in Stifting, Kutscherwirtgasse 10 (später: Stiftingtalstraße 44; heute: Billrothgasse 6, Graz-Ries)[2] an Zehrfieber.[3] Er wurde auf dem Friedhof St. Leonhard in Graz beigesetzt.

„Es war am 15. Juli 1889. Da stand ich mit dem Dichter Rosegger und dem österreichischen Bildhauer Hans Brandstetter auf dem Friedhof zu St. Leonhard bei Graz, als in das Grab hinabgesenkt wurde die Leiche des österreichischen Dichters Robert Hamerling. Robert Hamerling war nach unsäglichen, man darf sagen, jahrzehntelang dauernden Leiden, die sich zuletzt bis zur Unerträglichkeit gesteigert hatten, einige Tage vorher von dem physischen Plan abgerufen worden. Die Leiche lag vorher aufgebahrt im kleinen, so wunderschönen Stiftinghaus an der Peripherie der österreichisch-steierischen Stadt Graz. Hamerling lag da, das heißt die irdische Form, die verlassen war von dieser großen Seele, lag da, ein wunderbares Abbild in ihrer Form von einem Leben, das gerungen hat nach den höchsten Höhen des Geistes. So ausdrucksvoll, so sprechend war diese nur den irdischen Elementen übriggebliebene Form, aber auch so sehr der Abdruck der unsäglichen Leiden, die diese Dichterseele in diesem Leben hat erfahren müssen!“ (Lit.:GA 154, S. 28)

Die Atomistik des Willens

In seinem postum erschienen philosophischen Werk „Die Atomistik des Willens“ (1891) schreibt Hamerling über das Ich:

„Das Ich in seinem innersten Wesen ist das bestimmungslose aber individualisierte Unendliche. Es ist insofern = dem Atom, aber nicht als objektiv-realer Kraftpunkt, sondern als subjektiv-abstrakt-logisch-mathematischer Punkt gefasst. – Sagen wir kurz: das Unendliche, Eine, objektiv gefasst, ist das Atom, subjektiv gefasst das Ich. Wie alle Atome Eins sind, so sind alle Ich Eins. Das Atom ist Prinzip des Lebens, das Ich Prinzip des Denkens; das Atom Prinzip des Unbewussten, das Ich Prinzip des Bewussten. In diesem Sinne konnte man sagen, dass das unendliche Sein sich „setzt“ als endliches.“ (Lit.: R. Hamerling: Die Atomistik des Willens, Band 1, S. 234)

„Das allgemeine Ich weiß sich; aber das sich wissende und das gewusste Ich sind nicht formell dasselbe. Jenes ist das allgemeine, dieses das individuelle, empirische Ich. Dem letzteren tritt nun gewissermaßen das allgemeine Ich als ein empirisches Nicht-Ich gegenüber, d.h. das empirische Ich fühlt eben, dass es in seiner Endlichkeit den Kreis des allgemeinen Ichs nicht ausfüllt. Es erfasst also den nicht von ihm ausgefüllten Rest dieses Kreises als Nicht-Ich, setzt es außer sich. Und so kann man allerdings sagen: Das Ich setzt oder weiß nicht bloß sich, sondern auch ein Nicht-Ich. - Das soll kein Lehrsatz sein, sondern bloß die Formel einer Tatsache.“ (Lit.: Atomistik, Band 1, S. 221)

„«Tat twam asi!» - „Das bist du!“ kann der Mensch jedem Geschöpfe und Dinge gegenüber sagen.“ (Lit.: Atomistik, Band 2, S. 155)

„Die wahre Größe und der geistige Umfang eines Menschen hängt davon ab, ob und in welchem Grade der Allsinn in ihm den Vorrang vor dem Ichsinn hat, sein Blick im Schauen, sein Tun im Schaffen vom Mittelpunkt der Dinge aus nach dem Umkreis geht... Nur im Mittelpunkte gewinnt man jene große Übersicht, die klarer schauen und zweckmäßiger handeln lehrt als Andere.“ (Lit.: Atomistik, Band 2, S. 159)

„Aber dieses wundersame Ich in seiner endlichen Gestalt - dieser Gegenpol des Unendlichen - soll es sich völlig und in jedem Sinn vernichten? Nein, das soll es nicht! Vielmehr soll es, immer bereit, dort wo es gefordert wird, dem Allwillen sich unterzuordnen, sich dennoch wieder in seiner Eigentümlichkeit, in seiner persönlichen Einzigkeit mit aller Kraft bejahen, behaupten und betätigen. Die Wirklichkeit des Seins würde vernichten, wer das Ich ganz und gar ertöten wollte. Hat doch nur im Besonderen das Allgemeine sein Leben, nur im Endlichen das Endliche seine Wirklichkeit.“ (Lit.: Atomistik, Band 2, S. 165)

„Wißt ihr, woran die Welt zu Grunde gehen wird? Durch das Umsichgreifen jenes vernichtenden Prinzips, das wir Verstand benennen. Denn dieser ist der dräuende Moloch, der Tod- und Urfeind des Gemütes und der Phantasie, und somit des Lebens, das ganz und gar auf diese weltschöpferischen Mächte gegründet ist. Immer sich fortentwickelnd und einer unendlichen Verfeinerung fähig, muss er notwendig einst auf seine Spitze gelangen, wo sein ätzendes Gift die feinen Fäden zerfrisst, die zwei Nazuren in uns verbinden, und wo der Wille der Kreaturen zum Leben als eine Lächerlichkeit erscheint.

Da die Welt durch Imagination entstanden, so muss die Abnahme derselben lebenszerstörend wirken.“ (Lit.: Atomistik, Band 2, S. 266)

Über Hamerlings philosophische Ansichten bemerkt Rudolf Steiner:

„In kraftvoller Weise ist der Dichter Robert Hamerling (1830—1889) in seinem Weltanschauungswerk «Atomistik des Willens» (das nach seinem Tode erschienen ist) der Ansicht entgegengetreten, die aus dem Mißtrauen in die Welt entspringt. Er lehnt logische Untersuchungen über den Wert oder Unwert des Daseins ab und nimmt seinen Ausgangspunkt von einem ursprünglichen Erlebnis. «Die Hauptsache ist nicht, ob die Menschen recht haben, daß sie alle, alle mit verschwindend kleinen Ausnahmen, leben wollen, leben um jeden Preis, - gleichviel, ob es ihnen gut ergeht, ob schlecht. Die Hauptsache ist, daß sie es wollen: und dies ist schlechterdings nicht zu leugnen. Und doch rechnen mit dieser entscheidenden Tatsache die doktrinären Pessimisten nicht. Sie wägen immer nur in gelehrten Erörterungen Lust und Unlust, wie es das Leben im besonderen bringt, verständig gegeneinander ab; aber da Lust und Unlust Gefühlssache sind, so ist es das Gefühl, und nicht der Verstand, welcher die Bilanz zwischen Lust und Unlust endgültig und entscheidend zieht. Und diese Bilanz fällt tatsächlich bei der gesamten Menschheit, ja man kann sagen bei allem, was Leben hat, zugunsten der Lust des Daseins aus. Daß alles, was da lebt, leben will, leben unter allen Umständen, leben um jeden Preis, das ist die große Tatsache, und dieser Tatsache gegenüber ist alles doktrinäre Gerede machtlos.» Vor Hamerlings Seele steht somit der Gedanke: In den Tiefen der Seele gibt es etwas, das an einem Dasein hängt und welches wahrer das Wesen der Seele ausspricht als die Urteile, die unter der Last neuerer naturwissenschaftlicher Vorstellungsart über den Wert des Lebens sprechen. Man möchte sagen, Hamerling ahnt in den Tiefen der Seele einen geistigen Schwerpunkt, welcher das selbstbewußte Ich im Weltenleben befestigt. Er möchte deswegen in diesem Ich etwas sehen, was dessen Dasein mehr verbürgt als die Gedankengebäude der Philosophen der neueren Zeit. Er sieht einen Hauptfehler der neueren Weltanschauungen in der Meinung: «daß in der neuesten Philosophie so viel am Ich herumgenörgelt wird», und er möchte dies erklären «aus der Angst vor einer Seele, einem Seelensein oder gar einem Seelending». Hamerling deutet bedeutungsvoll auf das, worauf es ankommt: «In den Ichgedanken spielen Gefühlsmomente hinein . . . Was der Geist nicht erlebt hat, das ist er auch zu denken nicht fähig . . . » Es hängt für Hamerling alle höhere Weltanschauung davon ab, das Denken selbst zu fühlen, es zu erleben. Vor die Möglichkeit eines Eindringens in diejenigen Seelentiefen, in denen die lebendigen Vorstellungen zu gewinnen sind, welche zum Erkennen des Seelenwesens - durch die innere Tragkraft des selbstbewußten Ich - führen, lagern sich für Hamerling die aus der neueren Weltanschauungsentwickelung stammenden Begriffe, welche das Weltbild doch zu einem bloßen Meere von Vorstellungen machen. So leitet er denn seine Weltbetrachtungen mit Worten ein wie diese: «Gewisse Reizungen erzeugen den Geruch in unserem Riechorgan. . . . Die Rose duftet also nicht, wenn sie niemand riecht. - Gewisse Luftschwingungen erzeugen in unserem Ohr den Klang. Der Klang existiert also nicht ohne ein Ohr. Der Flintenschuß würde also nicht knallen, wenn ihn niemand hörte.» Solche Vorstellungen sind durch die Macht der neueren Weltanschauungsentwickelung zu einem so festen Bestandteil des Denkens geworden, daß Hamerling an die angeführte Auseinandersetzung die Worte fügt: «Leuchtet dir, lieber Leser, das nicht ein und bäumt dein Verstand sich vor dieser Tatsache wie ein scheues Pferd, so lies keine Zeile weiter; laß dies und alle anderen Bücher, die von philosophischen und naturwissenschaftlichen Dingen handeln, ungelesen; denn es fehlt dir die hierzu nötige Fähigkeit, eine Tatsache unbefangen aufzufassen und in Gedanken festzuhalten.»-Hamerling rang sich von der Seele als sein letztes poetisches Werk seinen «Homunculus». Er wollte in demselben eine Kritik der modernen Gesittung geben. In radikaler Weise entwickelt er in poetischer Bilderreihe, wohin eine seelenlos werdende, nur an die Macht der äußerlich-natürlichen Gesetze glaubende Menschheit treibe. Er macht als Dichter des «Homunculus» vor nichts halt, was ihm an der modernen Gesittung diesem falschen Glauben entsprungen scheint; als Denker streicht aber Hamerling im vollsten Sinne des Wortes doch die Segel ein vor der Vorstellungsart, die in dieser Schrift im Kapitel «Die Welt als Illusion» dargestellt ist. Er schreckt nicht zurück vor Worten wie diesen: «Die ausgedehnte, räumliche Körperwelt existiert also als solche nur, insofern wir sie wahrnehmen. - Wer dies festhält, wird begreifen, welch ein naiver Irrtum es ist, zu glauben, daß neben der von uns ,Pferd' genannten ... Vorstellung noch ein anderes, und zwar erst das rechte, wirkliche Pferd existiere, von welchem unsere Anschauung eine Art von Abbild ist. Außer mir ist - wiederholt sei es gesagt - nur die Summe jener Bedingungen, welche bewirken, daß sich in meinen Sinnen eine Anschauung erzeugt, die ich Pferd nenne.» - Hamerling fühlt sich dem Seelenleben so gegenüber, als ob in dessen Vorstellungsmeer nichts hineinspielen könnte von dem Eigenwesen der Welt. Er hat aber eine Empfindung von dem, was in den Tiefen der neueren Seelenentwickeiung sich abspielt. Er fühlt: Die Erkenntnis der neuzeitlichen Menschen muß mit ihrer eigenen Wahrheitskraft lebendig in dem selbstbewußten Ich aufleuchten, wie sie sich in dem wahrgenommenen Gedanken dem griechischen Menschen dargestellt hat. Er tastet immer wieder an den Punkt, wo das selbstbewußte Ich sich innerlich mit der Kraft seines wahren Seins begabt fühlt, das zugleich sich in dem Geistesleben der Welt stehend fühlt. Da sich ihm anderes nicht offenbart, indem er so tastet, hält er sich an das in der Seele lebende Seinsgefühl, das ihm wesenhafter, daseinsvoller zu sein scheint als die bloße Vorstellung vom Ich, als der Ich-Gedanke. «Aus dem Bewußtsein oder Gefühl des eigenen Seins gewinnen wir den Begriff eines Seins, welches über das bloße Gedachtwerden hinausgeht. Wir gewinnen den Begriff eines Seins, das nicht bloß gedacht wird, sondern denkt.» Von diesem in seinem Existenzgefühl sich ergreifenden Ich aus sucht nun Hamerling ein Weltbild zu gewinnen. Was das Ich in seinem Existenzgefühl erlebt, ist - so spricht sich Hamerling aus - «das Atomgefühl in uns». Das Ich weiß, sich fühlend, von sich; und es weiß sich dadurch der Welt gegenüber als «Atom». Es muß sich andere Wesen so vorstellen, wie es sich selbst in sich erfindet; als sich erlebende, sich erfühlende Atome; was gleichbedeutend erscheint für Hamerling mit Willensatomen, wollenden Monaden. Die Welt wird in Hamerlings «Atomistik des Willens» zu einer Vielheit von Willensmonaden; und die menschliche Seele ist eine dieser Willensmonaden. Der Denker eines solchen Weltbildes blickt um sich und schaut die Welt zwar als Geist, doch alles, was er in diesem Geiste erblicken kann, ist Willensoffenbarung. Mehr läßt sich darüber nicht sagen. Aus diesem Weltbilde spricht nichts, was auf die Fragen antwortet: Wie steht die Menschenseele in dem Werden der Welt darinnen? Denn ob man diese Seele als das ansieht, als was sie vor allem philosophischen Denken erscheint, oder ob man sie, nach diesem Denken, als Willensmonade charakterisiert: man hat beiden Seelen Vorstellungen gegenüber die gleichen Rätselfragen aufzuwerfen. Und ein mit Brentano Denkender könnte sagen: Für die Hoffnungen eines Platon und Aristoteles, über das Fortleben unseres besseren Teiles nach der Auflösung des Leibes Sicherheit zu gewinnen, würde das Wissen, daß die Seele Willensmonade unter anderen Willensmonaden ist, alles andere, nur nicht eine wahre Entschädigung sein.“ (Lit.:GA 18, S. 524ff)

Werke

Originalausgaben

  • Venus im Exil. Ein Gedicht in fünf Gesängen. Mit lyrischem Anhang. Kober, Leipzig/Prag 1858 Digitalisat
  • Sinnen und Minnen. Ein Jugendleben in Liedern. Richter, Hamburg 1859 Digitalisat
  • Ein Schwanenlied der Romantik. Mit einem Anhange von Hymnen. Richter, Hamburg 1862
  • Ahasverus in Rom. Eine Dichtung in sechs Gesängen. Richter, Hamburg 1866 (Titel der folgenden Ausgaben: Ahasverus in Rom) Digitalisat
  • Der König von Sion. Epische Dichtung in zehn Gesängen. Richter, Hamburg 1869 Digitalisat
  • Danton und Robespierre. Tragödie in fünf Aufzügen. Richter, Hamburg 1871
  • Teut. Ein Scherzspiel in zwei Akten. Richter, Hamburg 1872
  • Die sieben Todsünden. Ein Gedicht. Richter, Hamburg 1873 Digitalisat
  • Aspasia. Ein Künstler- und Liebesroman aus Alt-Hellas. Hesse & Becker, Leipzig 1875 Digitalisat
  • Lord Lucifer. Ein Lustspiel in fünf Aufzügen. Richter, Hamburg 1880 Digitalisat
  • Amor und Psyche. Dichtung in sechs Gesängen. Richter, Hamburg 1882
  • Homunculus. Modernes Epos in zehn Gesängen. Richter, Hamburg 1888 Digitalisat
  • Stationen meiner Lebenspilgerschaft. Autobiographie. Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft (vormals I. F. Richter-Verlag), Hamburg 1889
  • Lehrjahre der Liebe. Tagebuchblätter und Briefe. Verlagsanstalt, Hamburg 1890 (postum) Digitalisat
  • Die Atomistik des Willens. Beiträge zur Kritik der modernen Erkenntniß. Verlagsanstalt, Hamburg 1891 (postum) Digitalisat
  • Letzte Grüße aus Stiftinghaus. Lyrischer Nachlaß, hg. v. Oskar Linke. Verlagsanstalt, Hamburg 1894 (postum) Digitalisat
  • Ungedruckte Briefe. Vier Theile. Daberkow, Wien 1897–1901 (postum)

Als Übersetzer

Als Herausgeber

  • Das Blumenjahr in Bild und Lied. Eine Blütenlese neuerer deutscher Lyrik. Waldmann, Frankfurt an der Oder 1881

Werkausgaben

  • Poetische Werke, 2 Bände, Campagne, Tiel 1876/77
  • Hamerlings Werke. Volksausgabe in vier Bänden. Ausgewählt und herausgegeben von Michael Maria Rabenlechner. Mit einem Geleitwort von Peter Rosegger. Verlagsanstalt, Hamburg 1900
  • Hamerlings sämtliche Werke in sechzehn Bänden. Mit einem Lebensbild und Einleitungen herausgegeben von Michael Maria Rabenlechner. Hesse & Becker (Deutsche Klassiker-Bibliothek), Leipzig 1910
    • Band 1  - Hamerlings Leben und Schaffen
    • Band 2  - Venus im Exil - Ein Schwanenlied der Romantik - Germanenzug
    • Band 3  - Ahasver in Rom
    • Band 4  - Sinnen und Minnen
    • Band 5  - Der König von Sion
    • Band 6  - Danton und Robespierre
    • Band 7  - Teut - Lord Luzifer - Die sieben Todsünden
    • Band 8  - Aspasia 1. Teil
    • Band 9  - Aspasia 2. Teil
    • Band 10 - Amor und Psyche
    • Band 11 - Blätter im Winde
    • Band 12 - Homunkulus
    • Band 13 - Stationen meiner Lebenspilgerschaft
    • Band 14 - Lehrjahre der Liebe
    • Band 15 - Letzte Grüße aus Stiftinghaus
    • Band 16 - Dichterische und nichdichterische Prosa

Neuere Ausgaben

  • Gedichte. Mit einer biographischen Skizze, hg. v. Heinrich O. Proskauer. Amtshofpresse Manufaktur, Ottersberg 1993, ISBN 3-922704-33-6
  • Homunkulus. Epos in 10 Gesängen. Provinz, Weitra 1993, ISBN 3-900878-49-8
  • Aspasia. Ein Liebesroman aus Alt-Hellas. Kornmann, Winterbach 1995, ISBN 3-934399-03-7
  • Perikles und die Seeschlacht vor Samos. Die schönsten Erzählungen aus dem Roman „Aspasia“. Kornmann, Winterbach 2000, ISBN 3-934399-08-8

Siehe auch

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Weblinks

Commons-logo.png Commons: Robert Hamerling - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema
 Wikisource: Robert Hamerling – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. Grazer Notizen. Robert Hamerling (…). In: Grazer Volksblatt, Nr. 158/1889 (XXII. Jahrgang), 13. Juli 1889, S. 3 (unpaginiert),Spalte 1. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/gre.
  2. Mirella Kuchling: Literarische Spaziergänge durch Graz. Eine Spurensuche. Steirische Verlags-Gesellschaft, Graz 2004, ISBN 3-85489-101-6, S. 105.
  3. Verstorbene in Graz. In: Grazer Volksblatt, Nr. 160/1889 (XIV. Jahrgang), 16. Juli 1889, S. 4 (unpaginiert), Spalte 3. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/gre.


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