Sekte

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Sekte (lat. secta, „Partei, Lehre, Schulrichtung“, von sequi, „folgen“ im Sinne der „Anhängerschaft einer bestimmten Lehre“) ist eine zunächst wertneutrale Bezeichnung für eine bestimmte politische, philosophische oder religiöse Lehrmeinung und deren Anhänger, wohl auch - im Anklang an lat. sector, „Schneider“ - für eine bestimmte kontroversielle Deutung oder einen bestimmten Ausschnitt eines umfassenden Lehrgebäudes. Im Altgriechische Sprache wurde dafür gleichbedeutend die Worte Häresie (von griech. αἵρεσις, haíresis, „Wahl, Anschauung, Schule, Ketzerei“[1]) oder Heterodoxie (von ἑτεροδοξία, heterodoxia, „verschiedene Meinung“[1]) gebraucht. Erstmals bezeugt ist das Wort sekta im 3. Jahrhundert v. Chr. bei dem römischen Dichter Gnaeus Naevius.

Im Zuge der Auseinandersetzungen in der frühchristlichen Kirche wurde der Begriff zunehmend negativ besetzt. Heute wird der Begriff landläufig oft für religiöse oder spirituelle Gemeinschaften gebraucht, die als problematisch oder gefährlich angesehen werden, wobei manche Gruppierungen diesen Eindruck durch strenge Selbstabgrenzung und ein zur Schau getragenes Sendungs- und Elitebewusstsein noch verstärken. Besonders bedenklich erscheint es, wenn mit missionarischem Eifer aggresive Mitgliederwerbung betrieben wird, die Mitglieder durch psychologischen Druck praktisch einer „Gehirnwäsche“ unterzogen und wirtschaftlich oder auch sexuell ausgebeutet werden.

Auch die Anthroposophie blieb vom Sektenvorwurf nicht verschont. Die anthroposophische Bewegung findet aber mit Recht keine Erwähnung in den Sektenberichten der Kirchen bzw. der kommunalen Trägerschaften im Zusammenhang mit gesellschaftlich geächteten Vorgehensweisen. Es gibt keine Berichte über manipulative Mitgliederwerbung oder ähnliches Sektenverhalten (siehe „Abschlussbericht der Enquete-Kommission Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ [1] [2] oder Sektenbericht der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport 2002).

Rudolf Steiner selbst ist jeder Hinneigung zur Sektenbildung in der Anthroposophischen Gesellschaft stets energisch entgegengetreten. Sektenbildung erschien ihm als Ausdruck einer gewissen weit verbreiteten Denkfaulheit, durch man sich lieber blind einer Autorität unterwirft als selbst zu denken. Anthroposophie muss demgegenüber auf die freie Einsicht des Einzelnen gegründet sein.

"Die Anthroposophische Gesellschaft sollte eigentlich nur aus Menschen bestehen, die über das Autoritative hinauswachsen, die gar kein Autoritätsprinzip anerkennen, sondern nur wirkliche Einsicht. Das können sich die Menschen draußen so wenig denken, daß sie immer sagen: Die Anthroposophie beruht auf Autorität. - Aber gerade das Entgegengesetzte ist der Fall, über das Autoritätsprinzip soll hinausgewachsen werden durch diejenige Art von Einsichten, die in der Anthroposophie gepflegt werden." (Lit.: GA 310, S. 64f)

"Wir dürfen uns wirklich auf unserem Gebiete sagen: es ist aus dem geisteswissenschaftlichen Erkennen das Wichtigste für die Zeit herauszuholen, und wir müssen uns hüten, diese tief, tief ernste und bedeutungsvolle Seite unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung zu verkennen. Wir verkennen sie aber, meine lieben Freunde, wenn wir uns überwältigen lassen, gerade auf dem Gebiete des anthroposophisch orientierten Geisteswissens in irgendwelche Sektiererei zu verfallen. Es sollte schon jeder mit sich zu Rate gehen mit Bezug auf die Frage: wieviel steckt in mir noch Sektiererisches? Denn die moderne Menschheitsbewegung geht darauf aus, alles Sektiererische aus dieser Menschheitsentwickelung auszutreiben, nicht sektiererisch zu sein, nicht abstrakt zu sein, sondern menschenfreundlich zu sein, weite Gesichtspunkte zu gewinnen, nicht enge, sektiererische Gesichtspunkte zu gewinnen. Insofern von einer gewissen Seite her diese unsere Bewegung aus der theosophischen herausgewachsen ist, stecken in ihr die Keime eben zu sektiererischem Treiben. Aber diese Keime müssen erstickt werden. Das Sektiererische muß ausgetrieben werden." (Lit.: GA 189, S. 71)

"Das, meine lieben Freunde, ist es, was wir jetzt immer wieder und wieder bedenken müssen: daß Anthroposophie nicht gedacht war für den Egoismus einzelner Sektierer, sondern daß sie gedacht war als ein Kulturimpuls der Gegenwart. Diejenigen haben Anthroposophie schlecht verstanden, die geglaubt haben, daß sie ihr dann dienen, wenn sie sich sektiererisch im Hinterstübchen abschließen und etwas Sektiererisches treiben. Gewiß, die Dinge, die öffentlich wirken sollen, müssen zuerst gekannt sein, müssen meinetwillen zuerst im Hinterstübchen getrieben werden; aber es darf dabei nicht bleiben. Was im anthroposophischen Impuls liegt, gehört der Welt an, gehört keiner Sekte an. Und jeder versündigt sich gegen die Anthroposophie selbst, wenn er die anthroposophischen Gedanken sektiererisch treibt. Daher muß die Anthroposophie jetzt, wo die große Zeitfrage, die soziale Frage erscheint, in diese soziale Frage hinein ihr Wort legen. Das ist ihre Aufgabe. Und sie muß gewissermaßen hinweggehen über alle sektiererischen Neigungen, die ja leider gerade in der Anthroposophischen Gesellschaft sich so breit geltend gemacht haben. In dieser Beziehung werden wir in uns gehen müssen, um alle sektiererischen Neigungen in unserer Seele zu Kulturneigungen zu erheben. Denn nur aus diesem Gebiete der Geisteswissenschaft heraus, aus der Neigung, das Geistesleben in unserer materialistischen Zeit lebendig zu machen, kann eine wirkliche Umwandelung des Geisteslebens, des Schul- und Unterrichtswesens hervorgehen." (Lit.: GA 192, S. 182f)

Anmerkungen

  1. 1,0 1,1  Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. München/Wien 1965.

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage, GA 189 (1980), ISBN 3-7274-1890-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen, GA 192 (1991), ISBN 3-7274-1920-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Der pädagogische Wert der Menschenerkenntnis und der Kulturwert der Pädagogik, GA 310 (1989), ISBN 3-7274-3100-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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