Slawische Sprachen

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Die slawischen Sprachen (auch slavisch) bilden einen Hauptzweig der indogermanischen Sprachen und stehen hier den baltischen Sprachen am nächsten. Man unterscheidet gewöhnlich Ostslawisch, Westslawisch und Südslawisch.[1]

Etwa 300 Millionen Menschen sprechen eine der rund 20 slawischen Sprachen als Muttersprache, 400 Millionen inklusive Zweitsprecher. Mit Abstand die sprecherreichste slawische Sprache ist das Russische mit rund 145 Millionen Muttersprachlern und 250 Millionen inklusive der Zweitsprecher. Weitere bedeutende slawische Sprachen sind Ukrainisch und Polnisch (jeweils etwa 50 Millionen Sprecher), fast alle größeren slawischen Sprachen sind Nationalsprachen ihrer Länder.

Die Wissenschaft von den slawischen Sprachen, Literaturen und Kulturen heißt Slawistik.

Verbreitung der slawischen Sprachen

Urslawisch und die Entwicklung der slawischen Sprachen

Der slawische Sprachzweig ist innerhalb des Indogermanischen am nächsten mit dem Baltischen verwandt (balto-slawische Hypothese), was ausnahmslos durch sämtliche lexikostatistischen und glottochronologischen Berechnungen gestützt wird.[2]

Die slawischen Sprachen sind aus einer gemeinsamen Vorgänger- oder Protosprache entstanden, die man Urslawisch oder Protoslawisch nennt und die der ältesten bekannten slawischen Schriftsprache, dem Altkirchenslawischen, zeitlich am nächsten kommt. Die drei Hauptzweige (Ost-, West- und Südslawisch) haben sich wahrscheinlich in der Mitte des 1. Jahrtausends n. Chr. aus dem Urslawischen entwickelt, danach kam es durch weitere Wanderungen zur Ausbildung der heutigen Vielfalt. Große Bedeutung bei der Ausformung des Slawischen aus dem Indogermanischen haben die Lautprozesse der Palatalisierung und der Tendenz zur steigenden Silbensonorität.

Klassifikation der slawischen Sprachen

Die slawischen Sprachen zerfallen sprachlich (und geographisch) in drei Hauptgruppen: Ostslawisch, Westslawisch und Südslawisch. Insgesamt lassen sich die slawischen Sprachen wie folgt klassifizieren:

Ostslawische Sprachen

Westslawische Sprachen

Südslawische Sprachen

(*) Dialektbrücke zwischen Polnisch und Tschechisch

† bedeutet, die jeweilige Sprache ist ausgestorben

Bosnisch, Kroatisch und Serbisch stellen aus sprachgenetischer Sicht eine gemeinsame Einzelsprache dar, auch Serbokroatisch genannt. Allerdings gibt es Unterschiede z. B. im Wortschatz, der entsprechend der alten Grenze zwischen West- und Oströmischem Reich im Kroatischen mehr lateinische Lehnwörter aufweist, im Serbischen mehr griechische (vgl. Unterschiede zwischen den serbokroatischen Standardvarietäten). Nach dem Zerfall Jugoslawiens wurden drei nationale Standardsprachen etabliert. Es ist davon auszugehen, dass sich diese drei Varietäten in Zukunft weiter auseinanderentwickeln werden. Als vierte Sprache wird möglicherweise Montenegrinisch (die Form des Serbischen in Montenegro) den Status einer Standardsprache erreichen. Andererseits sind auch Serbisch und Bulgarisch, Tschechisch und Slowakisch, Russisch, Weißrussisch und Ukrainisch, sowie einige andere jeweils untereinander bis zu einem gewissen Grad verständlich. Mazedonisch wiederum wird von bulgarischer und griechischer Seite gern als bulgarischer Dialekt betrachtet.

Einen guten Eindruck vom Verwandtschaftsgrad der einzelnen slawischen Sprachen gibt die unten angeführte Tabelle slawischer Wortgleichungen.

Zum Zweck der Binnengliederung sind Vokabeln wichtig, die sich zwischen den Untergruppen unterscheiden (Isoglossen). Das Wort für "vergessen" wird in jeder der drei Untergruppen durch verschiedene Vokabeln ausgedrückt (hier zwei Beispielsprachen pro Untergruppe):

Ostslawisch Westslawisch Südslawisch
Russisch Ukrainisch Polnisch Tschechisch Kroatisch Bulgarisch
"vergessen" забывать (zabyvat') забувати (zabuvaty) zapominać zapomínat zaboravljati забравя (zabravja)

Häufiger ist der Fall, dass nur eine Untergruppe eine spezielle Vokabel hat, während die beiden anderen Untergruppen zusammengehen. Je fünf Beispiele für diese Situation:

Ostslawisch Westslawisch Südslawisch
Russisch Ukrainisch Polnisch Tschechisch Kroatisch Bulgarisch
"Freund" друг (drug) друг (druh) przyjaciel přítel, druh prijatelj приятел (prijatel)
"heute" сегодня (segodn'a) сьогодні (s'ohodni) dziś dnes danas днес (dnes)
"mehr" больше (bol'še) більше (bil'še) więcej více više повече (poveče)
"öffnen" открывать (otkryvat') відкривати (vidkryvaty) otwierać otvírat otvarati отваря (otvarja)
"unten" внизу (vnizu) внизу (vnizu) na dole dole dole долу (dolu)
"Brust" грудь (grud') груди (hrudy) pierś prsa, hrud´ grudi гърди (gărdi)
"Dorf" село (selo) село (selo) wieś vesnice selo село (selo)
"sich freuen" радоваться (radovat's'a) радіти (radity) cieszyć się těšit se radovati se радва се (radva se)
"töten" убивать (ubivat') вбивати (vbyvaty) zabijać zabíjet ubijati убива (ubiva)
"wissen" знать (znat') знати (znaty) wiedzieć vědět, znát znati знае (znaje)
"Ende" конец (konec) кінець (kinec') koniec konec kraj край (kraj)
"Haar" волос (volos) волосся (voloss'a) włos vlas kosa коса (kosa)
"rechts" правый (pravyj) правий (pravyj) prawy pravý desni десен (desen)
"teuer" дорогой (dorogoj) дорогий (dorohyj) drogi drahý skup скъп (skăp)
"Tür" дверь (dver') двері (dveri) drzwi dveře vrata врата (vrata)

Neben den hier genannten lexikalischen Isoglossen gibt es auch Isoglossen auf anderen Ebenen, wie der Grammatik oder der Lautung.

Standardsprachen und Mikroliteratursprachen

Es ist in der Slawistik üblich, slawische Sprachen in „Standardsprachen“ und „Mikroliteratursprachen“ einzuteilen. Von vielen Forschern werden manche dieser Kleinsprachen aber nur als Dialekte oder Varietäten von Standardsprachen aufgefasst (vor allem in der angelsächsischen Literatur). Die Standardsprachen sind nach dem Zerfall Jugoslawiens und der Aufteilung der Tschechoslowakei exakt die slawischen Sprachen mit dem Status einer Nationalsprache.

In diesem Sinne sind

  • Standardsprachen: Russisch, Ukrainisch, Weißrussisch, Polnisch, Tschechisch, Slowakisch, Obersorbisch, Slowenisch, Kroatisch, Bosnisch, Serbisch, Bulgarisch und Mazedonisch.
  • Mikroliteratursprachen: Jugoslawo-Russinisch, Karpato-Russinisch, Westpolessisch, Kaschubisch, Niedersorbisch, Resianisch (zu Slowenisch), Burgenland-Kroatisch, Molise-Kroatisch, Banater Bulgarisch und Pomakisch (zu Bulgarisch).

Die Klassifizierung der sorbischen Sprachen wird unterschiedlich gehandhabt, allerdings fehlen insbesondere dem Niedersorbischen die meisten Kriterien einer „Standardsprache“.

Siehe auch

Literatur

  • Bernard Comrie, Greville G. Corbett (Hrsg.): The Slavonic Languages. Routledge, London 1993, ISBN 0-415-04755-2.
  • Bernard Comrie (Hrsg.): Slavonic Languages. In: The World's Major Languages. Oxford University Press, Oxford (UK) 1990, ISBN 0-19-506511-5.
  •  Snježana Kordić: Demonstrativpronomina in den slavischen Sprachen. In: Bernhard Symanzik, Gerhard Birkfellner, Alfred Sproede (Hrsg.): Die Übersetzung als Problem sprach- und literaturwissenschaftlicher Forschung in Slavistik und Baltistik (= Studien zur Slavistik. Bd. 1). Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2002, ISBN 3-8300-0714-0, S. 89–116 (PDF-Datei; 2,1 MB (PDF), abgerufen am 3. Dezember 2010).
  •  Snježana Kordić: Komplexe Satzmuster. In: Sebastian Kempgen, Peter Kosta, Tilman Berger, Karl Gutschmidt (Hrsg.): Die slavischen Sprachen. Ein internationales Handbuch zu ihrer Struktur, ihrer Geschichte und ihrer Erforschung, Bd. 1. de Gruyter, Berlin, New York 2009, ISBN 978-3-11-015660-7, S. 592–607 (PDF-Datei; 1,5 MB (PDF), abgerufen am 27. März 2013).
  • Miloš Okuka (Hrsg.): Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens Klagenfurt 2002 (darin u.a. Urslawisch (PDF; 247 kB) von Georg Holzer, S. 551–557, Pomoranisch (PDF; 118 kB) von Małgorzata Zemła, S. 965–966).
  • Peter Rehder (Hrsg.): Einführung in die slavischen Sprachen. (Mit einer Einführung in die Balkanphilologie von Wilfried Fiedler). 7. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-534-25373-9.
  • Roland Sussex, Paul Cubberley: The Slavic Languages. Cambridge University Press, Cambridge (UK) 2006, ISBN 0-521-22315-6.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Brockhaus, B20, ISBN 3-7653-3680-7, S. 311.
  2. Petra Novotná, Václav Blažek: Glottochronolgy and its application to the Balto-Slavic languages. (PDF) In: Baltistica. XLII (2), 2007, S. 185–210.


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