Wahrmacher

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Als Wahrmacher (eng. truthmaker) wird in der neueren Philosophie eine Entität bezeichnet, kraft derer ein Wahrheitsträger, z.B. eine logische Aussage, wahr ist. Der Begriff wurde 1984 von Kevin Mulligan, Peter Simons und Barry Smith eingeführt[1].

„Als zu Beginn des Jahrhunderts der Realismus wieder ernst genommen wurde, gab es viele Philosophen, die sich mit der Ontologie der Wahrheit befassten. Unabhängig von der Bestimmung der Wahrheit als Korrespondenzbeziehung wollten sie herausfinden, inwieweit zur Erklarung der Wahrheit von Sätzen besondere Entitäten herangezogen werden müssen. Einige dieser Entitäten, so zum Beispiel Bolzanos 'Sätze an sich', Freges 'Gedanken' oder die 'propositions' von Russell und Moore, wurden als Träger der Eigenschaften Wahrheit und Falschheit aufgefaBt. Einige Philosophen jedoch, wie Russell, Wittgenstein im >Tractatus< und Husserl in den >Logischen Untersuchungen<, argumentierten, zusätzlich zu den Wahrheitsträgern bzw. an ihrer Stelle müssten Entitäten angenommen werden, auf Grund deren Sätze und/oder 'Propositionen' wahr sind. Solchen Entitäten gab man verschiedene Namen, insbesondere 'fact', 'Tatsache', 'state of affairs' und 'Sachverhalt'. Wir wollen einer Entscheidung über die Angebrachtheit dieser Ausdrücke nicht vorgreifen und daher zunächst eine neutralere Terminologie verwenden: Alle Entitäten, die für diese zweite Rolle in Frage kommen, wollen wir 'Wahrmacher' nennen.“

Mulligan et al.: Truth-Makers §1[1]

Das Wahrmacher-Prinzip (eng. truth maker principle) folgt aus der metaphysischen Annahme, dass die Wahrheit im Sein (d.h. in den realen Dingen) begründet sei und nicht umgekehrt. Die formale logische Aussage wird deshalb auf eine konkret existierende Realität bezogen, die ihre Wahrheit garantiert. So ist etwa die Aussage „Es gibt Kängurus in Australien“ dann und nur dann wahr, wenn es tatsächlich Kängurus in Australien gibt. Wahrmacher sind beipielsweise konkrete Dinge, Eigenschaften, Tatsachen, Sachverhalte, Ereignisse usw.

Die Wahrmacher-Theorie wurde insbesondere auch von David Armstrong (1926-2014) vertreten, der darauf seine Spielart eines materialistischen Universalienrealismus gründete, nach dem die Universalien niemals unabhängig von den Gegenständen existieren könnten, sondern Eigenschaften dieser Gegenstände seien. Armstrongs Hauptargument ist das Wahrmacherprinzip: Für jede kontingente Wahrheit muss es etwas geben, was sie wahr macht. Folglich muss es auch Eigenschaften geben, welche die Tatsachen über Eigenschaften wahr machen - eben die Universalien.

David Kellogg Lewis (1941-2001) vertrat eine moderate Version der Wahrmachertheorie, wonach nur positive Aussagen („Es gibt ...“) eines Wahrmachers bedürfen. Negative Aussagen („Es gibt nicht ...“) seien deshalb wahr, weil ihnen ein Falschmacher fehle, was gleichbedeutend damit ist, dass die Negation dieser negativen Aussage eines Wahrmachers ermangelt. Die Aussage „Es gibt keine Einhörner“ wird dadurch wahrgemacht, dass es für die Negation „Es gibt Einhörner“ keinen Wahrmacher gibt.

Siehe auch

Literatur

  • Armstrong, D. M.: Truth and truthmakers. Cambridge: Cambridge University Press 2004. ISBN 0-521-54723-7
  • Beebee, H., & Dodd, J. (Hrsgg.): Truthmakers: The contemporary debate. Oxford: Oxford University Press 2005. ISBN 0-19-928356-7
  • David Lewis: Truth-Making and difference-making, in: Nous 35 (2001), 602-615
  • David Lewis: Things qua truthmakers, in: Lillehammer/Rodriguez-Pereyra, Real Metaphysics, Routledge 2003, 25 – 42
  • Peter Forrest, Drew Khlentzos (Hrsgg.): Truth Maker and Its Variants. Special Issue of Logique et Analyse, Vol. 43 No. 169-170 (2000)
  • Kevin Mulligan, Barry Smith, Peter Simons: Truth-makers in: Philosophy and Phenomenological Research, 44 (1984), 287 – 321 (dt. Übers. (PDF; 2,2 MB) in L. B. Puntel (Hg.), Der Wahrheitsbegriff. Neue Explikationsversuche, Darmstadt 1987 - Ein klassischer Aufsatz zur Theorie der Wahrmacher.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Mulligan, K., Simons, P. M. and Smith B.: Truth-Makers, in: Philosophy and Phenomenological Research, 44 (1984), 287–321 pdf
    Im englichen Original: „During the realist revival in the early years of this century, philosophers of various persuasions were concerned to investigate the ontology of truth. That is, whether or not they viewed truth as a correspondence, they were interested in the extent to which one needed to assume the existence of entities serving some role in accounting for the truth of sentences. Certain of these entities, such as the Sätze an sich of Bolzano, the Gedanken of Frege, or the propositions of Russell and Moore, were conceived as the bearers of the properties of truth and falsehood. Some thinkers however, such as Russell, Wittgenstein in the Tractatus, and Husserl in the Logische Untersuchungen, argued that instead of, or in addition to, truth-bearers, one must assume the existence of certain entities in virtue of which sentences and/or propositions are true. Various names were used for these entities, notably ‘fact’, ‘Sachverhalt’, and ‘state of affairs’.(1) In order not to prejudge the suitability of these words we shall initially employ a more neutral terminology, calling any entities which are candidates for this role truth-makers.“


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