Weinen

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Weinen (ahd. weinon, eigentlich „weh rufen“) ist eine mimische Ausdrucksform des Menschen. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das es aufgrund von Emotionen zu einem wirklichen Weinen bringt. Der Auslöser für das Weinen, welches so gut wie immer mit Tränenfluss einhergeht, ist meist die Trauer. Schmerz, Angst, Ärger oder Freude können aber auch Auslöser sein. Rudolf Steiner sieht im Weinen und im Lachen wie die individuelle Eigenart, das Ich des Menschen, unmittelbar in Erscheinung tritt. Jedoch tritt wahres Weinen und Lachen erst ab dem sechsunddreißigsten oder vierzigsten Lebenstage auf, da das Ich vorher noch mit der Umgestaltung der vererbten Eigenschaften beschäftigt ist. Anders gesagt, erst wenn der Charakter des Menschen voll ausgebildet ist kommt das ihm eigene Weinen und Lachen richtig zum Vorschein.

Weint der Mensch in Trauer, hat er einen Verlust erlitten, welchen er mit dem Weinen versucht auszugleichen. Dem Ich ist etwas entzogen worden was wiederum Auswirkung auf den Astralleib hat.

"Es ist etwas herausgerissen aus diesem Ich, und was da herausgerissen ist, bewirkt in dem letzteren etwas, was sich wiederum überträgt auf den astralischen Leib. Und weil jetzt dem astralischen Leib etwas entzogen ist, weil er ein Verhältnis zur Außenwelt sucht, das er nicht finden kann, so zieht er sich jetzt in sich selber zusammen; oder besser gesagt, das Ich presst diesen astralischen Leib zusammen." (Lit.: GA 59, S. 52)

"Und der physische Ausdruck des Zusammenpressens des Ich in sich selber, damit des astralischen Leibes in sich selber, und damit des physischen Leibes in sich selber, das ist das Hervorquellen der Tränen. Der astralische Leib, der gleichsam in sich Lücken erhalten hat, und diese Lücken durch sein Zusammenpressen ausfüllen will, indem er die Substanzen aus der Umgebung heranzieht, er presst dadurch den physischen Leib mit zusammen und treibt die Substanzen des physischen Leibes in der Träne nach außen." (Lit.: GA 59, S. 53)

"... das Weinen, das Traurigwerden - es ist ein Aspekt wenigstens des Ernstes, der Aspekt aber, der uns das enthüllt, was im Ernste überhaupt lebt - er ist ein Mehr-sich-zusammen-Pressen, es ist ein das Seelisch-Geistige inniger mit dem Physisch-Leiblichen-Verbinden, als es verbunden ist, wenn wir in gleichgültiger, weder humoristischer noch ernster Stimmung sind. Humorvolle Stimmung, ein Weiten des Seelisch- Geistigen; ernste Stimmung, ein In-sich-zusammen-Pressen der geistig-seelischen Natur mit der physisch-leiblichen. Wir könnten ja auch sagen, weil wir ja nicht uns pedantischen oder tantenhaften Lehren hingeben dürfen über diese Dinge, in dem Lachen wird der Mensch altruistisch, in dem Ernste wird der Mensch egoistisch.

Diese Behauptung wird Ihnen anfechtbar erscheinen. Gewiß, alle Behauptungen sind im Grunde genommen anfechtbar, weil sie nicht für die ganze Welt, sondern immer nur für ein beschränktes Gebiet gelten. Wenn ich sage: der Ernst macht egoistisch, so muß man natürlich sich klar darüber sein, daß man ja gut predigen kann, der Mensch soll den Egoismus bekämpfen; aber was kommt denn viel dabei heraus, wenn der Mensch den Egoismus - ich will jetzt etwas recht Radikales sagen - , wenn der Mensch den Egoismus bekämpft aus Egoismus, damit man ihn recht unegoistisch finde, recht selbstlos finde, damit er sich seiber auch, wenn er über sich nachdenkt, die Wollust, selbstlos zu sein, verschaffen kann? Es ist viel besser, in solchen Dingen sich nicht Illusionen hinzugeben, sondern sich klar darüber zu sein, daß, wenn jemand so egoistisch ist, daß er einen Gefallen daran hat, viele Menschen zu lieben, wenn das seinen Egoismus befriedigt, das für ihn eine bessere Mitgabe ist, als wenn jemand so selbstlos ist, daß er wegen dieser Selbstlosigkeit alle möglichen Arten des Eigenlobes einernten will oder wenigstens sich beim Nachdenken über sich selbst sie sich selbst auch geben wird. Diese Dinge müssen so betrachtet werden, wie sie der Wirklichkeit der menschlichen Natur entsprechen, nicht wie man zur Erhöhung der seelischen Wollust sie deuten oder definieren will. Worauf es eben ankommt, ist, daß das Wechselspiel im Menschen zwischen humorvoller Stimmung und ernster Stimmung das seelisch-geistige Leben so unterhält, wie das physische Leben durch Einatmen und Ausatmen unterhalten wird. Und wie das Ausatmen eine Art Hingabe an die Außenwelt ist, wie das Ausatmen etwas ist, wo der Mensch sich fremder wird, das Einatmen etwas ist, wo der Mensch seinem Egoismus physisch frönt, so ist der Humor etwas, wo der Mensch in die Weiten zerfließt, und es ist der Ernst etwas, wo der Mensch sich in sich egoistisch sammelt." (Lit.: GA 301, S. 111f)

„Dem Lachen liegt eine Verbreiterung des astralischen Leibes sogar bis zum Ätherleib zugrunde. Der unsichtbare Mensch verbreitert sich, dehnt sich wie elastisch aus. Das ist also der Vorgang beim Lachen.

Genau der entgegengesetzte Vorgang findet statt beim Weinen. Da zieht sich der astralische Leib sogar mit dem Ätherleib zusammen, preßt dadurch, daß er sich zusammenzieht, den physischen Leib und preßt die Tränen heraus. Das ist ja viel leichter zu verstehen. Aber Sie sehen: Lachen und Weinen und damit natürlich auch Traurigsein — denn Traurigsein ist ja nur derselbe Seelenvorgang, nur daß es eben nicht zu Tränen kommt —, Lachen, also Heitersein und Traurigsein beruht auf Ausdehnung und Zusammenziehung der unsichtbaren Wesenheit des Menschen, beruht also in einer Kraftentfaltung der unsichtbaren Wesenheit des Menschen.“ (Lit.:GA 167, S. 262f)

Die Atmung wird durch das Weinen auch beeinflusst:

"Wenn der Mensch traurig ist bis zum Vergießen von Tränen, und wenn seine Traurigkeit zu einem solchen Zusammenpressen des astralischen Leibes führt, dass der physische Leib mit zusammengepresst wird, dann kann man beobachten, dass das Einatmen immer kürzer und kürzer wird, und dass das Ausatmen in langen Atemzügen geschieht." (Lit.: GA 59, S. 60)

Literatur

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