Witz

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„Die Modedame“, Karikatur von Rudolf Steiner.

Der Witz (von ahd. wizzan, mhd. wizzen, „Wissen“, abgeleitet von der idg. Wurzel *weid- = „sehen“, von der sich auch griech. ἰδέα, idea, „Idee“ herleitet; verwandt mit eng. wit, „Gewitztheit“, vgl. dazu auch eng. witness, „Zeuge“, „jemand, der etwas aufmerksam miterlebt bzw. beobachtet hat“) ist eine knappe, sprachlich prägnante Erzählung, bei der der Verstand des Zuhörers bewusst in die Irre geleitet wird, indem man suggestiv auf vertraute Denkgewohnheiten appeliert, ehe durch eine plötzliche überraschende Wende, die Pointe, der wahre Sachverhalt aufgeklärt wird.

"Jedes Lachen über einen Witz oder über etwas, was komisch ist, steht auf derselben Stufe. Wir lachen über den Witz, weil wir durch das Lachen in das richtige Verhältnis zu ihm kommen. Im Witz werden Dinge zusammengebracht, die im ernsten Leben nicht zusammengebracht werden können; denn wenn sie logisch zu begreifen wären, würden sie nicht witzig sein. Im Witz werden Verhältnisse zusammengebracht, die, wenn man nicht gerade auf den Kopf gefallen ist, nicht unser Verständnis unbedingt herausfordern, sondern nur von uns gerade das herausfordern, daß wir mit einem gewissen Spiel des geistigen Lebens die Dinge zusammenbringen, die da zusammengebracht sind. In dem Augenblick, wo wir uns als im Besitz dieses Spieles fühlen, machen wir uns frei und erheben uns über den Inhalt, der im Witz liegt. Die Tatsache des Sich-Freimachens, des Sich-Erhebens über irgendeine Erscheinung werden Sie überall finden, wo Lachen zutage tritt. Und ebenso werden Sie die Tatsache, daß der Mensch etwas sucht, was er nicht finden kann, und sich daher in sich selber zusammenpreßt, beim Weinen zugrunde liegen sehen." (Lit.: GA 059, S. 64)

Der Witz kann auch durch eine Karikatur (von lat. carrus „Karren“, also: „Überladung“, und ital. caricare „überladen“, „übertreiben“) vermittelt werden, also durch eine Zeichnung, bei der fragliche Details grotesk ins Komische überzeichnet sind und dadurch besonders augenfällig werden, oder auch durch witzige Bildgeschichten wie Cartoons oder Comics.

Bei geselligen Zusammenkünften hat Rudolf Steiner gerne auch recht deftige Witze erzählt und manche Karikaturen hingeworfen, die später von Marie Steiner auch veröffentlicht wurden. Zur Entstehung dieser Karikaturen schreibt sie in ihrem Begleitwort:

"Es sind kleine Scherze, Spielereien, wie sie in Augenblicken der Entspannung — etwa zur Teestunde oder nach dem Mittagsmahl, anlässlich eines zufälligen Gesprächs über manche Kulturverzerrungen unserer Zeit — leicht hingeworfen wurden auf ein gerade zur Hand liegendes unbeschriebenes Blatt oder gar auf eine Papierserviette.

Ein Liebhaber solcher Kostproben, der Gelegenheit hatte, diese Karikaturen zu sehen, hatte den Einfall, sie als Lichtbild auf die Leinwand zu bringen, und sie wirkten in ihrer Vergrößerung so stark und so erheiternd auf die Zuschauer, dass das Verlangen laut wurde, sie in der eigenen Mappe nach Hause nehmen zu können, als allfällige Arznei in einer Stunde des Trübsinns. Entdeckte man doch auch in ihnen den genialischen Funken, der in alles einschlug, was Rudolf Steiner sprach oder was seine Hand formte.

So manches Heitere mag noch irgendwo verborgen ruhen, denn die Lebensumstande gaben wenig Muße zum Sammeln: häufiges Verreisen, unentwegte Inanspruchnahme, Verlegungen des Wohnorts — machten ein liebevolles Verweilen bei den kleinen Dingen des persönlichen Lebens nicht recht möglich. Doch sind wohl schon diese witzigen Grotesken Belege für des Zeichners scharfe Beobachtungsgabe und für sein intuitives Erfassen des Innerlich-Wesentlichen selbst in der Verzerrung. Das seelisch Ergriffene wird Fingerspitzengefühl und geht spielend über in die Form. Wie die Galgenlieder von Christian Morgenstern erzählen sie uns, dass tiefster Ernst sich mit feinstem Humor verbinden kann und muss." (Lit.: Rudolf Steiner: Physiognomisches)

Durch einen guten Witz werden erstarrte, einseitige geprägte Denkmuster aufgebrochen und ad absurdum geführt. Spontanes Lachen des Zuhörers zeigt an, dass er den Witz verstanden hat. Das wird als befreiend empfunden und demaskiert und vertreibt jede falsche Sentimentalität, die man im Herzen trägt. Lachen (und Weinen) sind unmittelbare Offenbarungen des menschlichen Ichs.

"Das Ich nur kann sich ausdrücken im Lachen oder Weinen. Wir sehen daraus, daß wir es mit der tiefinnersten Geistigkeit des Menschen zu tun haben, wenn wir die Offenbarungen des Menschen im Lachen oder Weinen vor uns haben." (Lit.: GA 059, S. 56)

Der Witz und das damit verbundene Lachen ist zugleich ein wunderbares Kampfmittel gegen den Einfluss Luzifers in unserem Inneren.

"Luzifer will gar nicht den Menschen so ohne weiteres auf etwas Äußeres gerichtet sein lassen. Er will, daß alles, was ins Bewußtsein wirkt, von innen wirkt; daher alles visionäre Leben, das nur gleichsam von innen herausgepreßt wird, luziferischen Charakter hat. Lernt man Luzifer kennen, wie man ihn ja kennenlernen muß, weil er selbstverständlich mit seinen Wirkungen immer an die richtige Stelle gesetzt werden muß, weil man es mit geistigen Wirkungen im Weltenall zu tun hat, so wirkt auf einen ganz besonders scheußlich, daß Luzifer gar nicht das geringste Verständnis hat für harmloses Ergötzen des Menschen an Äußerem. Dieses harmlose Ergötzen an dem, was von außen kommt, dafür hat Luzifer nicht das geringste Verständnis. Verständnis hat er für das, was durch alle möglichen inneren Dinge angefacht wird. Luzifer hat großes Verständnis dafür, daß jemand in sich eine Leidenschaft hervorruft, der er frönt, die ihm Wollust bereitet, so daß möglichst ins Bewußtsein gerufen wird das, was sonst unterbewußt bleibt. Aber trotz seiner Weisheit - denn Luzifer hat ja natürlich eine hohe Weisheit - kann er nicht verstehen einen harmlosen Witz, den jemand, durch irgendein äußeres Ereignis hervorgerufen, macht. Das liegt ganz außerhalb des Gebietes des Luzifer. Und man kann geradezu sich gegen luziferische Bestürmungen, die er ja sehr leicht unternimmt, dadurch schützen, daß man versucht, in dem zu leben, was auf harmlose Weise ergötzt, auf harmlose Weise von außen herein den Menschen unterhält. Das kann er gar nicht leiden, Luzifer. Wenn man Freude hat an einer guten Karikatur, das ärgert Luzifer ganz entsetzlich." (Lit.: GA 170, S. 234)

Anthroposophen-Witze

"Wie das Schicksal es will, kommen drei würdige, ältere Herren gleichzeitig vor die Himmelspforte und erbitten Einlass. Petrus erklärt ihnen, daß sie einzeln vor den Herrn zu treten hätten, der würde ihnen ihren passenden Platz im Himmel zuweisen. Sie mögen solange im Vorzimmer warten, bis sie hereingrufen würden. Es stellt sich heraus, daß es sich bei den drei Herren um Pfarrer dreier unterschiedlicher christlicher Konfessionen handelt; ein katholischer, ein evangelischer und ein Pfarrer der anthroposophienahen Christengemeinschaft. Schon bald entbrennt ein leidenschaftlicher Streit über den rechten Glauben. Dieser wird jäh unterbrochen durch die leise, aber überaus durchdringende Stimme aus dem Zimmer des Herren, der nächste möge eintreten.

Sofort stürzt sich, an den verdutzten Anderen vorbei, der katholische Pfarrer mit siegesgewisser Geste, durch die große wuchtige Tür in das Zimmer des Herrn. Zehn Minuten herrscht atemlose Stille. Da öffnet sich die Tür leise und zögerlich. Mit hängenden Schultern, den Blick gesenkt und vor sich hin murmelnd: “alles verkehrt gemacht; alles verkehrt gemacht” erscheint der katholische Pfarrer in der Tür.

Zögernd aber mutig geht nun der evangelische Pfarrer zum Herrn. Wie erwartet wiederholt sich die gleiche Prozedur. Nach zehn Minuten öffnet sich wieder die Tür leise und zögerlich, wieder das gleiche Bild des Jammers, wieder die gleichen Worte murmelnd: “alles verkehrt gemacht; alles verkehrt gemacht” steht der evangelische Pfarrer in der Tür.

Man sollte glauben das Schicksal hielte eine dramaturgische Wendung zum Schluß bereit, aber nein. Wieder exakt die gleiche Szene; zehn Minuten atemlose Stille; wieder das leise zögerliche Öffnen; wieder die hängenden Schultern; wieder der gesenkte Blick; wieder die gleichen Worte murmelnd: “alles verkehrt gemacht; alles verkehrt gemacht” kommt GOTT durch die Tür." (Verfasser unbekannt)

"Kommen drei Menschen in den Himmel. Einer ist Katholik, einer Protestant und einer Anthroposoph. Petrus empfängt die drei an der Himmelspforte. Den Katholiken weist er zu seiner linken durch eine Türe zu gehen, dort steht <<Himmel für Katholiken>>. Darauf weist er den Protestanten an, nach rechts durch eine Türe zu gehen, dort steht <<Himmel für Protestanten>>. Endlich ist der Anthroposoph an der Reihe. Wohin muss ich gehen, fragt er Petrus. Der sagt, immer weiter geradeaus, dort kommt eine Türe mit der Aufschrift <<Vorträge über den Himmel>>." (Verfasser unbekannt)

"Weshalb gibt es die Waldorfschule? Damit Hauptschüler etwas zu lachen haben." (Verfasser unbekannt)

"Was ist der Unterschied zwischen alternden Anthroposophen und Nicht-Anthroposophen? Normalos verkalken, Anthroposophen versteinern." (Verfasser unbekannt)

"Das Beisammen sein mit ihm (Rudolf Steiner) erinnert mich immer an jene Geschichte von dem Besucher einer Irrenanstalt, der durch einen sehr versierten, sehr gescheiten, sehr angenehmen Menschen herumgeführt wird, weshalb er ihn für den Arzt der Anstalt hält. Zum Schluß stellte derselbe ihm noch einen Patienten vor, indem er sagt: <<Die Krankheit dieses Menschen besteht darin, dass er sich für den Kaiser von China hält - und das bin doch ich wie sie sehen!>> Unsere Gespräche stimmen so lange überein, bis er auf sich und seine Tätigkeit zu reden kommt - da wird er plötzlich der Kaiser von China." (Rosa Mayreder, zitiert nach: Helmut Zander: Rudolf Steiner. Die Biografie, Piper Vlg., München - Zürich 2011, S. 290)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Metamorphosen des Seelenlebens – Pfade der Seelenerlebnisse. Zweiter Teil, GA 59 (1984), ISBN 3-7274-0595-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte, GA 170 (1992), ISBN 3-7274-1700-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Physiognomisches, Philosophisch-Anthroposophischer Verlag Am Goetheanum, Dornach 1940 [1]
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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