Zweifel

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Zweifel (mhd. zwîvel; ahd. zwîval aus germ. twîfla, „doppelt, gespalten, zweifach, zwiefältig“; griech. σκέψις sképsis; lat. dubitatio) ist ein unentschiedenes Schwanken zwischen mehreren Denk- oder Handlungsalternativen, das ein sicheres und eindeutiges Urteil verhindert. Es handelt sich in diesem Sinn also um einen Zustand der Unsicherheit und Unentschiedenheit. Von Descartes wurde der vom selbstbewussten Ich ausgehende methodische Zweifel zur philosophischen Denkmethode erhoben. Die Möglichkeit zu zweifeln schien ihm dabei, in Anlehnung an Augustinus, gerade die Gewißheit des eigenen Seins, des individuellen Ich, zu garantieren. So schrieb er in seinen Meditationes de prima philosophia (1641):

„Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.“

Descartes: Meditationes de prima philosophia

Mit vollem Bewusstsein grundsätzlich alles bezweifeln zu können, ist eine Fähigkeit, die sich der Mensch im gegenwärtigen Bewusstseinsseelenzeitalter im Durchgang durch das «Tal des irdischen Lebens» notwendig erringen muss, um sich gerade dadurch fest auf die eigene Individualität zu stellen.

"Eigentlich kann es eine tiefere moderne Seele gar nicht geben, die nicht durch den nagenden Zweifel durchgeht. Kennengelernt sollte die moderne Seele diesen nagenden Zweifel haben! Dann wird sie erst mit starken Kräften einmünden in jenes spirituelle Wissen, das für die Bewußtseinsseele das eigentlich ist, und das sich erst aus der Bewußtseinsseele ergießen muß in die Verstandes- oder Gemütsseele, um dort Herr zu werden. Daher müssen wir in vernünftiger Weise zu durchdringen suchen, was unserer Bewußtseinsseele dargereicht wird aus dem okkulten Wissen. Dadurch werden wir in unserem Innern ein solches Selbst heranziehen, das innerhalb des Innern ein wirklicher Herr und Herrscher ist. Dann stehen wir, wenn wir das moderne Mysterienwesen kennenlernen, uns selbst gegenüber." (Lit.: GA 144, S. 80)

Durch die selbstbewusste Überwindung des Zweifels ist dann der Aufstieg zu einer höheren Erkenntnisstufe möglich, wie das schon im Entwicklungsgang des Parzival angedeutet wird, dessen geistiger Schulungsweg von der dumbheit über den zwîvel zur saelde führt.

"Man unterschied bei der Einführung in die Mysterien drei Stufen, durch die der Mensch hindurchgehen mußte. Die erste Stufe war die Dumpfheit, die zweite Stufe war der «Zwifel», die dritte Stufe war die «Saelde». Die erste Stufe war die, auf welcher der Mensch von allem Vorurteil der Welt hinweggeführt wurde, hingewiesen wurde auf die Kraft seiner eigenen Seele, seine eigene Liebeskraft, damit er das innere Licht leuchten sehen konnte. Die zweite Stufe war der Zwifel, Zweifel. Dieser Zweifel an allem kommt auf der zweiten Stufe der Einweihung, und er wird auf einer höheren Stufe hinaufgehoben in die innere Seligkeit = Saelde. Dies war die dritte Stufe, das bewußte Zusammenführen mit den Göttern.

Perceval - dringe durch das Tal! -, so wurden im Mittelalter solche Einzuweihende genannt." (Lit.: GA 97, S. 266)

Der Zweifel ist eine Abspiegelung des Abgrunds, der im Übergang vom gewöhnlichen Denken zur Imagination überwunden werden muss.

"Indem man durch Meditation zum imaginativen Erkennen hinüberschreitet, geht man gewissermaßen über einen Abgrund. Das Denken hört auf, ein Nichtdenken ist zwischen dem gewöhnlichen Denken und dem aktiven, lebensvollen, imaginativen Denken; ein Nichtdenken ist dazwischen. Dieses Nichtdenken haben einzelne Philosophen gefühlt, zum Beispiel Augustinus und Descartes, aber sie haben es nicht richtig deuten können. Sie sprechen von dem Zweifel, der im Beginne des Philosophierens liegt. Dieser Zweifel, von dem Augustinus und Descartes reden, ist nur die ins gewöhnliche Bewußtsein hereingerufene Reflexion dieses Zustandes, in dem man ist im Nichtdenken zwischen dem gewöhnlichen Denken und dem imaginativen Denken. Weil weder Augustinus noch Descartes in dieses eigentliche Nichtdenken ihre Seele eingetaucht hatten, kamen sie nicht auf das wahre Erlebnis, sondern nur auf die Rückspiegelung dessen, was man erlebt, wenn einem zwischen dem gewöhnlichen Denken und dem imaginativen Denken einfach das Denken überhaupt entfällt, namentlich das Erinnerungsdenken entfällt. Der Zweifel des Augustinus und des Descartes ist nur das Reflexbild dieses Erlebnisses, das erst beim Übergang in das imaginative Bewußtsein auftritt, ins gewöhnliche Bewußtsein herein. So kann man eigentlich das, was undeutlich in der bloßen Ideenphilosophie auftritt, richtig verstehen, wenn man es im Lichte der imaginativen Philosophie betrachtet." (Lit.: GA 215, S. 140f)

Aber auch einmal gewonnene geistige Erkenntnisse verfallen sehr schnell wieder dem Zweifel; ihre Gewissheit muss immer wieder neu errungen werden.

"Man lernt allmählich erkennen, daß das gar nichts Besonderes ist, daß das überhaupt die übersinnlichen Erkenntnisse haben, daß sie in ihrer weiteren Entwickelung, wenn sie gewissermaßen alt werden, den Menschen in Zweifel versetzen, und man muß sich ihre Gewißheit wieder neu erringen. Ja, bei den höchsten Erkenntnissen ist es so, daß sie einem schon am nächsten Tag ungewiß erscheinen, wenn man ihre Gewißheit sich nicht neu erringt, nicht neu erobert. Es sind immer niedere Erkenntnisse, welche im Menschen ersterben, Gespenster werden und dann wiederum auftreten. Der Mensch schaut sie an und ist zufrieden, daß er nun auch einmal in der höheren Welt etwas erlangt hat, wovon man mit Recht sagen kann: Schreibtafel her! - denn, wenn es da drauf ist, dann bleibt es. Er möchte im Inneren eine solche Schreibtafel haben.

Das ist nicht der Fall bei den wirklichen höheren Erkenntnissen. Die leben; schafft man sie wiederum, und gerade die höchsten Erkenntnisse, schon am nächsten Tage herauf, dann kommt man in Unsicherheit über sie, und man muß sich ihre Gewißheit neu erobern. Man muß den Vorgang immer wieder durchmachen. Man kann gar nicht sich zu diesen höheren Erkenntnissen anders verhalten als zu dem, was Abbild der Realität und nicht die Realität selber ist hier in der physischen Welt. Es werden kaum sehr viele unter Ihnen sein, die heute am Sonntag, den 30. April, nicht essen, weil sie sich sagen: Ich habe ja vor acht Tagen ganz gut gegessen, das ist in mir; ich brauche doch heute nicht zu essen, das nährt mich noch heute. - Sie tun das nicht. Das ist ein realer Vorgang. Die physisch seelischen Inhalte unterscheiden sich davon. Die bleiben, und Sie können sie wieder hervorrufen, unverändert in vieler Beziehung, auch verändert. Aber nicht so ist es bei den geistigen Inhalten. Die sind nicht nur abgeblaßt, sondern die sind immer wiederum in ihrer Gewißheit erschüttert, und man muß die Gewißheit immer wieder erobern. Ja, das ist die eine Erscheinung.

Diese eine Erscheinung stellt sich wirklich so dar, daß, wenn man sich übersinnliche Erkenntnisse erworben hat in einer Beziehung, es einem wirklich so vorkommt, wie wenn einem die Welt licht geworden wäre durch diese übersinnlichen Erkenntnisse, wie wenn man in einen hellerleuchteten Saal, in den hellerleuchteten Weltensaal getreten wäre. Nach acht Tagen hat man etwas in seinem Inneren, was einem - weil man diese höheren Erkenntnisse sich erobert hat, weil man gewissermaßen zu ihnen hingelangt ist, weil sie schon eine Wirkung auch auf den physischen Menschen gemacht haben - gewisse Erinnerungsreste daläßt; aber aus sich selbst heraus, in ihrem eigentlichen Wesen, leben sie sich so aus, daß man immer wieder mit ihnen in ein finsteres Zimmer kommt und das Licht immer wieder von neuem anzünden muß. Damit kann man das vergleichen, was das Schicksal der übersinnlichen Erkenntnisse in der menschlichen Seele ist." (Lit.: GA 212, S. 42f)

Es ist daher auch besser, der Anthroposophie mit gesundem Zweifel zu begegnen als mit blindem Glauben.

"Ich gebe durchaus nichts Abschließendes, und ich muß sagen, ich habe bisher gefunden, daß manche Menschen ja durchaus nicht wollen eingehen auf das Anthroposophische, daß aber die besten Erkenner desjenigen, was Anthroposophie ist, oftmals nicht diejenigen waren, die gleich von vornherein auf sie hereingefallen sind, auf den ersten Anhieb, sondern daß die besten Arbeiter in der Anthroposophie diejenigen geworden sind, die gerade durch herbe Zweifel gegangen sind." (Lit.: Beiträge 114-115, S. 74f)

Literatur

Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.