Noumenon und Lesen: Unterschied zwischen den Seiten

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'''Noumenon''' ({{ELSalt|νοούμενον}}, ''nooúmenon'' = "das Gedachte") ist das rein in [[Begriff]]en [[Gedanke|Gedachte]] im Gegensatz zum [[Phänomen]] ({{ELSalt|φαινόμενον}}, ''phainómenon'') als dem [[sinnlich]] Erscheinenden.
[[Datei:Georgios Jakobides Girl reading c1882.jpg|mini|hochkant|''Lesendes Mädchen'' Gemälde von Georgios Jakobides, 1882]]


Für [[Platon]] ist das ''Noumenon'' das mit dem [[Geist]] zu erkennende eigentlich [[Wirklich]]e, von dem das ''Phänomen'' nur das mit den Augen zu sehende sinnliche [[Abbild]] ist. [[Immanuel Kant]], der alle [[Erkenntnis]] auf die sinnliche [[Erfahrung]] beschränken wollte, sah dagegen in dem ''Noumenon'' oder dem [[Ding an sich]] einen [[transzendent]]en und darum auch nicht weiter nicht bestimmbaren, bloß ''negativen'' [[Grenzbegriff]], der aber zugleich als ''positiver'' Gegenstand einer [[nichtsinnlich]]en [[göttlich]]en [[Anschauung]] gedacht werden kann, die aber dem [[Mensch]]en grundsätzlich unzugänglich bleibt.
'''Lesen''' (von [[Latein|lat.]] ''legere'' = "sammeln, auswählen, auf- oder auslesen, lesen") im engeren Sinn besteht ''heute'' in der [[Fähigkeit]] [[schrift]]lich festgehaltene [[Sprache]] (siehe → [[Schreiben]]) gegebenfalls wieder in zusammenhängend gesprochene [[Wort]]e umzusetzen (''Vorlesen'') und die darin enthaltenen [[Gedanken]] zu erfassen und zu [[verstehen]] (''sinnerfassendes Lesen''), sie gleichsam zu ''erraten'' bzw. zu ''enträtseln'' (vgl. dazu [[Wikipedia:Englische Sprache|eng.]] ''to read'' = "lesen", verwandt mit [[Wikipedia:Deutsche Sprache|dt.]] ''raten'' bzw. [[Wikipedia:Englische Sprache|eng.]] ''riddle'' = "Rätsel").  


{{Zitat|Es waren also zwei wichtige, ja ganz unentbehrliche, obzwar äußerst trockene Untersuchungen nötig, welche Krit., Seite 137 etc. und 235 etc. angestellt worden, durch deren erstere gezeigt wurde, daß die Sinne nicht die reine Verstandesbegriffe in concreto, sondern nur das Schema zum Gebrauche desselben an die Hand geben, und der ihm gemäße Gegenstand nur in der Erfahrung (als dem Produkte des Verstandes aus Materialien der Sinnlichkeit) angetroffen werde. In der zweiten Untersuchung (Krit., S. 235) wird gezeigt: daß ungeachtet der Unabhängigkeit unsrer reinen Verstandesbegriffe und Grundsätze von Erfahrung, ja selbst ihrem scheinbarlich größeren Umfange des Gebrauchs, dennoch durch dieselbe, außer dem Felde der Erfahrung, gar nichts gedacht werden könne, weil sie nichts tun können, als bloß die logische Form des Urteils in Ansehung gegebener Anschauungen bestimmen; da es aber über das Feld der Sinnlichkeit hinaus ganz und gar keine Anschauung gibt, jenen reinen Begriffen es ganz und gar an Bedeutung fehle, indem sie durch kein Mittel in concreto können dargestellt werden, folglich alle solche Noumena, zusamt dem Inbegriff derselben, einer intelligibeln<ref name="intelligibel">Nicht (wie man sich gemeiniglich ausdrückt) ''intellektuellen'' Welt. Denn ''intellektuell'' sind die ''Erkenntnisse'' durch den Verstand, und dergleichen gehen auch auf unsere Sinnenwelt; ''intelligibel'' aber heißen Gegenstände, so fern sie ''bloß durch den Verstand'' vorgestellt werden können und auf die keine unserer sinnlichen Anschauungen gehen kann. Da aber doch jedem Gegenstande irgend eine mögliche Anschauung entsprechen muß, so würde man sich einen Verstand denken müssen, der unmittelbar Dinge anschauete; von einem solchen aber haben wir nicht den mindesten Begriff, mithin auch nicht von den ''Verstandeswesen'', auf die er gehen soll.</ref> Welt, nichts als Vorstellungen einer Aufgabe sind, deren Gegenstand an sich wohl möglich, deren Auflösung aber, nach der Natur unseres Verstandes, gänzlich unmöglich ist, indem unser Verstand kein Vermögen der Anschauung, sondern bloß der Verknüpfung gegebener Anschauungen in einer Erfahrung ist, und daß diese daher alle Gegenstände vor unsere Begriffe enthalten müsse, außer ihr aber alle Begriffe, da ihnen keine Anschauung unterlegt werden kann, ohne Bedeutung sein werden.|Immanuel Kant|Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, § 34}}
== Allgemeines ==
[[Datei:Carl Spitzweg 021.jpg|thumb|230px|[[Wikipedia:Carl Spitzweg|Carl Spitzweg]], Der Bücherwurm, um 1850]]
Lesen hat traditionell auch die Bedeutung des Auslesens. Scheidung der guten Linsen von den nicht guten (Aschenputtel), in moderner Auffassung: Unterscheidung von beachtenstenswerten Mitteilungen von Informationsmüll, Rezeption was relevant dünkt, und Ignoranz für das andere, das dann oft aber nur unzureichend erfaßt ist, oder oft garnicht mal leider.
 
Eine sehr wichtige Übung für den [[Geistesschüler]] (vgl. z.B. [[Rudolf Steiner]]: ''[[Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten]]''), heißt: Lerne das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheiden.
 
Eine gute Linse ist oftmals in einem Misthaufen verborgen, während faule Linsen im Schaufenster des Juweliers usw. vorkommen, oder andersrum. Lesen heißt insofern urteilen, und wenn das nicht möglich ist, entscheiden: z.B. Welches Buch soll/will ich als nächstes lesen?. Genauso die Entscheidung, wie gründlich will ich dieses Buch lesen, will ich es gründlich studieren, oder zur Unterhaltung darin blättern und ein paar Sätze zur Kenntnis nehmen? Usw.
 
Goethe empfiehlt, im Buch der Natur zu lesen: "Die Natur ist doch das einzige Buch, das auf allen Blättern großen Gehalt bietet." (Italienische Reise, 9.3.1787).
 
== Zur Geschichte des Lesens ==
 
Im Allgemeinen geht man davon aus, dass in der [[Griechisch-Lateinische Kultur|griechisch-römischen Zeit]] noch bis weit in die ersten [[christlich]]en Jahrhunderte auch ''einsame'' Leser vornehmlich ''laut'' [[Rezitation|rezitierend]] zu lesen pflegten<ref>Eduard Norden: ''Die Antike Kunstprosa vom VI. Jahrhundert v.Chr. bis in die Zeit der Renaissance I'', Leipzig/Berlin 1909</ref><ref>Josef Balogh: ''Voces Paginarum. Beiträge zur Geschichte des lauten Lesens und Schreibens'', Philologus 82 (1927)</ref><ref>G. L. Hendrickson: ''Ancient Reading'' (1929), S 182–196</ref>, obwohl diese These gelegentlich auch angezweifelt wird<ref>B. M. W. Knox: ''Silent Reading in Antiquity'' (1968), S 421–435</ref><ref>A. K. Gavrilov: ''Techniques of Reading in Classical Antiquity'' (1997), S 56–73</ref><ref>M. F. Burnyeat: ''Postscript on Silent Reading'', (1997), S 74–76</ref>. Oft zitiert wird diesbezüglich die Stelle aus den "[[Wikipedia:Confessiones|Bekentnissen]]" des [[Augustinus]], der sich über den leise lesenden Bischof [[Wikipedia:Ambrosius von Mailand|Ambrosius von Mailand]] verwundert:
 
{{Zitat|Und wenn er las, schweiften die Augen über die Seiten und das Herz erforschte den Sinn, er selbst aber schwieg. Oft, wenn wir gegenwärtig waren, denn jeder hatte Zutritt, auch pflegte der Kommende nicht angemeldet zu werden, sahen wir ihn schweigend lesen, und nie anders; lange Zeit saßen wir schweigend da - denn wer hätte es gewagt, eine solche Vertiefung zu stören?|Augustinus|Confessiones 6,3}}
 
== Lesenlernen ==
=== Waldorfpädagogik ===
Um Lesen zu [[lernen]], geht man in der [[Waldorfpädagogik]] vom [[Schreiben]] aus, das aus einem [[zeichnen]]den [[Malen]] und malendem Zeichnen entwickelt wird und schließt erst daran das Lesen an:
 
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"... denn für
das Kind ist es gut, wenn es gleich Farben verwendet, es lebt ja in
der Farbe, das weiß jeder, der das Kind kennt -, wenn man aus dem
malenden Zeichnen zum Schreiben übergeht und erst aus dem Schreiben
das Lesen gewinnt. Denn das Schreiben ist eine Betätigung des
ganzen Menschen. Da muß die Hand in Betracht kommen, da muß sich
der ganze Leib in irgendeiner Weise, wenn auch fein, einfügen, da ist
der ganze Mensch daran beteiligt. Das hat noch etwas Konkretes, das
Schreiben, das aus dem malenden Zeichnen herausgeholt wird. Das
Lesen, nun, da sitzt man schon dabei, da ist man schon ein richtiger
Duckmäuser, da strengt sich nur noch ein Teil des Menschen an, der
Kopf. Das Lesen ist schon abstrakt geworden. Das muß nach und nach
als eine Teilerscheinung aus dem Ganzen heraus entwickelt werden.
 
Bei diesen Dingen ist es heute außerordentlich schwer, im rein
Naturgemäßen standzuhalten gegen die Vorurteile der Gegenwart.
Denn wenn man anfängt, in einer solch ganz naturgemäßen Weise die
Kinder zu unterrichten, dann lernen sie etwas später lesen, als man
es heute verlangt. Wenn dann die Kinder von einer solchen Schule
übertreten in eine andere Schule, dann können sie noch nicht soviel
wie die Kinder der anderen Schule. Ja, aber es kommt doch gar nicht
darauf an, was man sich aus dem materialistischen Kulturzeitalter für
eine Vorstellung darüber gebildet hat, was das Kind mit acht Jahren
können soll. Sondern es kommt darauf an, daß es vielleicht gar nicht
gut ist für das Kind, wenn es zu früh lesen lernt. Denn da sperrt man
auch wiederum für das spätere Leben etwas zu, wenn das Kind zu
früh lesen lernt. Lernt das Kind zu früh lesen, dann führt man es zu
früh in die Abstraktheit hinein. Und Sie würden unzählige spätere
Sklerotiker beglücken für ihr Leben, wenn Sie ihnen nicht zu früh das
Lesen beibrächten als Kinder. Denn diese Verhärtung des ganzen Organismus
- ich nenne es populär so -, die in der mannigfaltigsten
Form der Sklerose später auftritt, die kann man zurückverfolgen zu
einer falschen Art, das Lesen beizubringen. Natürlich kommen diese
Dinge auch noch von vielen anderen Sachen, aber darum handelt es
sich, daß es diese Dinge durchaus gibt, daß ein naturgemäßer Unterricht
vom Seelisch-Geistigen aus überall hygienisch auf den Leib
wirkt. Erfassen Sie, wie Sie den Unterricht und die Erziehung gestalten
sollen, so erfassen Sie zu gleicher Zeit, wie Sie dem Kinde die
beste Gesundheit fürs Leben geben." {{Lit|{{G|306|81f}}}}
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Durch das verzögerte Lesenlernen wird zumeist die ''Lesekompetenz'' gesteigert, jedenfalls aber nicht beeinträchtigt<ref>    Sebastian P. Suggatea, Elizabeth A. Schaughency, Elaine Reese: ''Children learning to read later catch up to children reading earlier'' (2012) [http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0885200612000397]</ref>.


== Siehe auch ==
== Siehe auch ==
* {{WikipediaDE|Lesen}}


* {{Eisler|Noumenon}}
== Literatur ==
#Rudolf Steiner: ''Die pädagogische Praxis vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis. Die Erziehung des Kindes und jüngeren Menschen.'', [[GA 306]] (1989), ISBN 3-7274-3060-5 {{Vorträge|306}}


== Anmerkungen ==
{{GA}}


<references>
== Weblinks ==


== Literatur ==
* [http://www.rhm.uni-koeln.de/145/Busch.pdf Stephan Busch: ''Lautes und leises Lesen in der Antike'']
* [http://www.burfeind.eu/texte/texte/lesen.pdf Carsten Burfeind: ''Wen hörte Philippus? Leises Lesen und lautes Vorlesen in der Antike]


* [[Immanuel Kant]]: ''Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik'', S 184f [http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/Prolegomena+zu+einer+jeden+k%C3%BCnftigen+Metaphysik/Der+transzendentalen+Hauptfrage+zweiter+Teil.+Wie+ist+reine+Naturwissenschaft+m%C3%B6glich]
== Einzelnachweise ==
<references/>


[[Kategorie:Philosophie]] [[Kategorie:Erkenntnistheorie]]
[[Kategorie:Sprache]] [[Kategorie:Pädagogik]] [[Kategorie:Waldorfpädagogik]] [[Kategorie:Hobby]] [[Kategorie:Lesen|!]] [[Kategorie:Handlung und Verhalten]] [[Kategorie:Soziales Leben]] [[Kategorie:Alltagskultur]]

Version vom 17. Juni 2018, 05:22 Uhr

Lesendes Mädchen Gemälde von Georgios Jakobides, 1882

Lesen (von lat. legere = "sammeln, auswählen, auf- oder auslesen, lesen") im engeren Sinn besteht heute in der Fähigkeit schriftlich festgehaltene Sprache (siehe → Schreiben) gegebenfalls wieder in zusammenhängend gesprochene Worte umzusetzen (Vorlesen) und die darin enthaltenen Gedanken zu erfassen und zu verstehen (sinnerfassendes Lesen), sie gleichsam zu erraten bzw. zu enträtseln (vgl. dazu eng. to read = "lesen", verwandt mit dt. raten bzw. eng. riddle = "Rätsel").

Allgemeines

Carl Spitzweg, Der Bücherwurm, um 1850

Lesen hat traditionell auch die Bedeutung des Auslesens. Scheidung der guten Linsen von den nicht guten (Aschenputtel), in moderner Auffassung: Unterscheidung von beachtenstenswerten Mitteilungen von Informationsmüll, Rezeption was relevant dünkt, und Ignoranz für das andere, das dann oft aber nur unzureichend erfaßt ist, oder oft garnicht mal leider.

Eine sehr wichtige Übung für den Geistesschüler (vgl. z.B. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten), heißt: Lerne das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheiden.

Eine gute Linse ist oftmals in einem Misthaufen verborgen, während faule Linsen im Schaufenster des Juweliers usw. vorkommen, oder andersrum. Lesen heißt insofern urteilen, und wenn das nicht möglich ist, entscheiden: z.B. Welches Buch soll/will ich als nächstes lesen?. Genauso die Entscheidung, wie gründlich will ich dieses Buch lesen, will ich es gründlich studieren, oder zur Unterhaltung darin blättern und ein paar Sätze zur Kenntnis nehmen? Usw.

Goethe empfiehlt, im Buch der Natur zu lesen: "Die Natur ist doch das einzige Buch, das auf allen Blättern großen Gehalt bietet." (Italienische Reise, 9.3.1787).

Zur Geschichte des Lesens

Im Allgemeinen geht man davon aus, dass in der griechisch-römischen Zeit noch bis weit in die ersten christlichen Jahrhunderte auch einsame Leser vornehmlich laut rezitierend zu lesen pflegten[1][2][3], obwohl diese These gelegentlich auch angezweifelt wird[4][5][6]. Oft zitiert wird diesbezüglich die Stelle aus den "Bekentnissen" des Augustinus, der sich über den leise lesenden Bischof Ambrosius von Mailand verwundert:

„Und wenn er las, schweiften die Augen über die Seiten und das Herz erforschte den Sinn, er selbst aber schwieg. Oft, wenn wir gegenwärtig waren, denn jeder hatte Zutritt, auch pflegte der Kommende nicht angemeldet zu werden, sahen wir ihn schweigend lesen, und nie anders; lange Zeit saßen wir schweigend da - denn wer hätte es gewagt, eine solche Vertiefung zu stören?“

Augustinus: Confessiones 6,3

Lesenlernen

Waldorfpädagogik

Um Lesen zu lernen, geht man in der Waldorfpädagogik vom Schreiben aus, das aus einem zeichnenden Malen und malendem Zeichnen entwickelt wird und schließt erst daran das Lesen an:

"... denn für das Kind ist es gut, wenn es gleich Farben verwendet, es lebt ja in der Farbe, das weiß jeder, der das Kind kennt -, wenn man aus dem malenden Zeichnen zum Schreiben übergeht und erst aus dem Schreiben das Lesen gewinnt. Denn das Schreiben ist eine Betätigung des ganzen Menschen. Da muß die Hand in Betracht kommen, da muß sich der ganze Leib in irgendeiner Weise, wenn auch fein, einfügen, da ist der ganze Mensch daran beteiligt. Das hat noch etwas Konkretes, das Schreiben, das aus dem malenden Zeichnen herausgeholt wird. Das Lesen, nun, da sitzt man schon dabei, da ist man schon ein richtiger Duckmäuser, da strengt sich nur noch ein Teil des Menschen an, der Kopf. Das Lesen ist schon abstrakt geworden. Das muß nach und nach als eine Teilerscheinung aus dem Ganzen heraus entwickelt werden.

Bei diesen Dingen ist es heute außerordentlich schwer, im rein Naturgemäßen standzuhalten gegen die Vorurteile der Gegenwart. Denn wenn man anfängt, in einer solch ganz naturgemäßen Weise die Kinder zu unterrichten, dann lernen sie etwas später lesen, als man es heute verlangt. Wenn dann die Kinder von einer solchen Schule übertreten in eine andere Schule, dann können sie noch nicht soviel wie die Kinder der anderen Schule. Ja, aber es kommt doch gar nicht darauf an, was man sich aus dem materialistischen Kulturzeitalter für eine Vorstellung darüber gebildet hat, was das Kind mit acht Jahren können soll. Sondern es kommt darauf an, daß es vielleicht gar nicht gut ist für das Kind, wenn es zu früh lesen lernt. Denn da sperrt man auch wiederum für das spätere Leben etwas zu, wenn das Kind zu früh lesen lernt. Lernt das Kind zu früh lesen, dann führt man es zu früh in die Abstraktheit hinein. Und Sie würden unzählige spätere Sklerotiker beglücken für ihr Leben, wenn Sie ihnen nicht zu früh das Lesen beibrächten als Kinder. Denn diese Verhärtung des ganzen Organismus - ich nenne es populär so -, die in der mannigfaltigsten Form der Sklerose später auftritt, die kann man zurückverfolgen zu einer falschen Art, das Lesen beizubringen. Natürlich kommen diese Dinge auch noch von vielen anderen Sachen, aber darum handelt es sich, daß es diese Dinge durchaus gibt, daß ein naturgemäßer Unterricht vom Seelisch-Geistigen aus überall hygienisch auf den Leib wirkt. Erfassen Sie, wie Sie den Unterricht und die Erziehung gestalten sollen, so erfassen Sie zu gleicher Zeit, wie Sie dem Kinde die beste Gesundheit fürs Leben geben." (Lit.: GA 306, S. 81f)

Durch das verzögerte Lesenlernen wird zumeist die Lesekompetenz gesteigert, jedenfalls aber nicht beeinträchtigt[7].

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die pädagogische Praxis vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis. Die Erziehung des Kindes und jüngeren Menschen., GA 306 (1989), ISBN 3-7274-3060-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com.
Freie Werkausgaben gibt es auf steiner.wiki, bdn-steiner.ru, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Eduard Norden: Die Antike Kunstprosa vom VI. Jahrhundert v.Chr. bis in die Zeit der Renaissance I, Leipzig/Berlin 1909
  2. Josef Balogh: Voces Paginarum. Beiträge zur Geschichte des lauten Lesens und Schreibens, Philologus 82 (1927)
  3. G. L. Hendrickson: Ancient Reading (1929), S 182–196
  4. B. M. W. Knox: Silent Reading in Antiquity (1968), S 421–435
  5. A. K. Gavrilov: Techniques of Reading in Classical Antiquity (1997), S 56–73
  6. M. F. Burnyeat: Postscript on Silent Reading, (1997), S 74–76
  7. Sebastian P. Suggatea, Elizabeth A. Schaughency, Elaine Reese: Children learning to read later catch up to children reading earlier (2012) [1]